18 Tonnen Gewicht

Scherenhub des Celler Schlosstheaters ausgebaut

Ohne den Scherenhub am Celler Schlosstheater läuft nichts. Zur Generalüberholung wird das 18 Tonnen schwere Gerät ausgebaut und abtransportiert.
  • Von Lothar H. Bluhm
  • 09. Juli 2022 | 13:00 Uhr
  • 09. Juli 2022
  • Von Lothar H. Bluhm
  • 09. Juli 2022 | 13:00 Uhr
  • 09. Juli 2022
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Celle.

Da ist nicht viel Platz zwischen dem Schlossberg und der Rückseite des Schlosses. Genau hier hin steuert aber Oleg K. seine Zugmaschine mit dem Telesattel, dessen drei Achsen mitlenken. Zentimeter für Zentimeter, rückwärts durch den Schlosspark. Gesamtgewicht: 18 Tonnen. Seit 20 Jahren fährt Oleg K. für seine Firma in Rietberg ungewöhnliche Lasten und Schwertransporte. Routiniert und unaufgeregt. Heute geht es um die Hebebühne des Schlosstheaters Celle. Die muss zur Grundinspektion gebracht werden.

„Weiter, weiter, weiter – Stopp!“, wird Oleg K. genau eingewiesen, um möglichst nah an den Lift heran zu fahren. „Nach zehn Jahren muss der Scherenhub generalüberholt werden“, weiß Dieter Schomaker, der seit 1988 im Schlosstheater tätig ist. Zunächst als Bühnentechniker, inzwischen als Haustechniker. Er hat den gesamten Umbau des Schlosstheaters vor zwölf Jahren miterlebt und weiß genau, worauf damals auch peinlichst geachtet wurde: „Aus Denkmalschutzgründen ist der Scherenhub nicht mit dem Schloss verbunden.“

Der Außenfahrstuhl steht separat an der Gebäuderückseite. Er dient dazu, Kulissenteile und Bühnenelemente, die in den Theaterwerkstätten auf dem Gelände der CD-Kaserne gefertigt werden, auf die Ebene der Bühne des Schlosstheaters zu bugsieren. „Der Fahrstuhl ist jeden Tag in Betrieb. Seit zehn Jahren − fast störungsfrei mit gewissen Anfangsschwierigkeiten.“

Der Denkmalschutz ist also auch heute zu beachten, Beschädigungen sind dringend zu vermeiden. „Wenn die Endhöhe erreicht ist, wird ein Führungsstempel ausgefahren und die obere Plattform schiebt sich dann an die Wand ran“, beschreibt Elektriker Jürgen Henze die Funktionsweise des Liftes, der eine Gesamtarbeitshöhe von 18 Metern hat. „Nur so konnte genügend Platz zur Wand realisiert werden, dass der Hubtisch bei Schwingungen nicht an die Mauer kracht.“

Im Werk in Aerzen komplett zerlegen

Henze und seine Kollegen haben bereits am Vortag vorbereitende Arbeiten zum Ausbau des schweren Hubtisches durchgeführt. „Wir haben hier 2500 Meter Kabel drin“, sagt Thomas Groß, Leiter des Kundendienstes und Supportchef des Aerzener Unternehmens, das seit 1869 für Konstruktionen, die technische Probleme lösen und vielfältig eingesetzt werden können, steht: „Wir bauen Maschinen und Anlagen mit Technik, die Produktionsabläufe präzise und effizient unterstützt.“

Die besondere Herausforderung hier am Schloss sei, dass in der Zwischenzeit an der Anlage hydraulisch viel umgebaut worden ist. Man hatte Anfangsschwierigkeiten. „Wir haben fünf Wochen Zeit in der Firma. In der sechsten Woche müssen wir zusehen, dass wir das komplett hier wieder reinkriegen. Das klappt auch!“

Die Hammerschläge auf die Bolzen klingen metallisch. „Er kommt“, ruft der Kollege und präsentiert wenig später einen der zwei kräftigen Bolzen, die das Teleskop mit dem Fundament verbinden. „Da hängt das ganze Ding dran“, beschreibt Schomaker die Funktion und schaut sich die Lager an, in denen die Bolzen positioniert waren. Immerhin wiegt der gesamte Fahrstuhl rund 13 Tonnen.

Inzwischen ist die Arbeitsplattform bereits gelöst und hängt an vier Ketten – verbunden mit vier blauen Karabinerhaken. Nun ist Daniel Näthers Fingerspitzengefühl gefragt. Der Spezialladekranfahrer aus Braunschweig bedient von seinem vor dem Bauch hängenden Pult aus den Kran. Millimeter für Millimeter hebt Näther die rund 14 Quadratmeter große Stahlebene aus ihrer Verankerung. Ganz dicht an der Außenwand des Schlosses. Mit einem Steuerungsseil wird die genaue Richtung nachgezogen, die Näther vorgibt. Bis die Arbeitsebene der Länge nach auf zwei Palettenstapeln auf der Ladefläche von Oleg K. ruht. Oleg K. ist schon dabei, die Sicherungsgurte stramm zu ziehen. Von der Höhe und Breite seit der Transport wohl eher kein Problem, meint er, als er den halben Lift festgezurrt hat. Gestern hat er noch Elemente für einen Viehstall transportiert. „Das ist alles normal“, sagt er gelassen.

Jedes halbe Jahr wird der Scherenhub kontrolliert und gewartet, aber nach zehnjährigem Betrieb muss eine Generalüberholung durchgeführt werden. In dem Werk in Aerzen wird die gesamte Anlage komplett zerlegt, sämtliche Lager werden begutachtet, sämtliche Komponenten, die irgendwie angegriffen sind, werden entfernt und ersetzt und so wie die Kabel aussehen, müssen die alle nochmal neu konzipiert werden, sagt Jürgen Henze. „Es haben sich in den letzten zehn Jahren Regeln und Bauvorschriften geändert, das muss alles berücksichtigt werden. – Zumindest der Sicherheitsteil wird komplett neu erstellt werden müssen.“

Thomas Groß, der Supportchef in dem Aerzener Unternehmen, bezeichnet sich als Mädchen für alles: „Ich muss aufpassen, dass niemandem was passiert.“ Der Lift werde im Betrieb gleich abgeladen, dann werde besprochen, was alles gemacht werden muss.

Jetzt aber wird erstmal die Grundkonstruktion der Hubbühne an den Haken genommen. Wieder millimetergenau angehoben, vorsichtig mit einem Führungsseil bugsiert. Groß: „Das ist schon eine besondere Herausforderung, weil wir extrem große Gewichte haben.“ Die Brücke über den Schlossgraben darf nur 31 Tonnen tragen. „Dem entsprechend mussten wir eine leichtere Zugmaschine und einen leichteren Anhänger bestellen, dass wir mit dem vollen Gewicht darüber hinweg fahren können.“

„Ohne Hubtisch sind wir aufgeschmissen“

Beim Einbau des Hubtisches vor zehn Jahren habe man einen 60- oder 90 Tonnen-Kran mit Auflastung gehabt. „Der hat den gesamten Tisch in eins genommen und hat ihn reingesetzt. Der stand oben auf dem Wall und hat ihn komplett eingesetzt. Da war die Brücke entsprechend aufgelastet.“ Jetzt liegt eine Genehmigung für nur 31 Tonnen vor.

„Das Gewicht war höher, als vorher berechnet. Das war aber nicht das Problem: Wir haben es ja trotzdem gemeistert bekommen“, atmet Daniel Näther entspannt auf, als auch das zweite Teil auf der Ladefläche steht: „Die hauptanspruchsvolle Geschichte bei dem Objekt hier sind die Zufahrten durch die Tonnenbegrenzung, was nun aber bei diesem Gerät kein Problem ist.“ Man bewegte sich am Grenzbereich. „Die Grenze vom Kran war erreicht, wir konnten es aber sicher absetzen. Wir sind alle zufrieden, dass alles geklappt hat.“

Der Wiedereinbau in fünf Wochen wird wohl noch schwieriger, weil man mit noch mehr Fingerspitzengefühl den Tisch einsetzen muss. „Das ist ein Riesenproblem. Der Oberrahmen muss punktgenau millimetergenau rundherum passen, um die Bolzen einführen zu können.“ Dann müssen die Kabel gezogen werden. „In einer Woche wird das zu schaffen sein“, plant Groß. „Fünf Tage werden wir brauchen. Der Ausbau ging in zwei Tagen, aber zum Einbau werden wir mit vier Leuten hier sein.“ Danach wird noch ein Programmierer kommen.

Falls das Gerät in sechs Wochen nicht wieder da ist, wird es nach Meinung Dieter Schomakers kritisch: Dann beginnt die neue Spielzeit, es muss die ganze Deko nach oben – dann kriegen wir richtig Probleme. Die Planung für die Generalüberholung läuft bereits seit über einem Jahr: „Das muss funktionieren.“ Chefdramaturg Matthias Schubert denkt, dass es schwer werden könnte für „Der gute Menschen von Sechuan“, der ersten Inszenierung der neuen Saison, falls die sechs Wochen nicht eingehalten werden können: „Gebaut ist das schon alles!“ Im Schlosstheater fehlen Seiten- und Hinterbühnen. „Wir können gar nicht so viel lagern“, verdeutlicht er den Bedarf an dem Hubtisch. „Ohne das Ding sind wir aufgeschmissen.“

Für Oleg K. ist die Route genau festgelegt zur Tour nach Aerzen bei Hameln. Groß vermutet, dass er die nächste Generalüberholung des Liftes in zehn Jahren vielleicht noch mit verantworten könnte: „In zehn Jahren bin ich 60… Aber heute Abend gibt’s ein Bier.“

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