Reportagen-und-Hintergruende

Nach „Ronde“ durch den „Longway“

Die Tanzgruppe „Amici Saltandi“ hat einen Barocktanz-Workshop im Innenhof des Antikhofes „Drei Eichen“ in Bröckel gegeben.
  • Von Stefanie Franke
  • 06. Aug. 2022 | 14:00 Uhr
  • 06. Aug. 2022
  • Von Stefanie Franke
  • 06. Aug. 2022 | 14:00 Uhr
  • 06. Aug. 2022
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Bröckel.

Unter dem Sonnensegel im Innenhof des Antikhofes „Drei Eichen“ in Bröckel herrscht emsiges Treiben. 18 Personen stehen sich in zwei Reihen gegenüber. Musik einer lang zurückliegenden Epoche setzt ein und so mancher Spaziergänger reckt irritiert den Hals, um einen Blick auf diese ungewöhnlichen Aktivitäten zu erhaschen. Faszinierendes spielt sich hier ab: Barbara Luckas von der historischen Tanzgruppe Amici Saltandi aus Gifhorn ist zu Gast. Im Rahmen eines Workshops vermittelt sie an diesem Nachmittag einen Einblick in das Barocktanzen.

Besondere Art des Gesellschaftstanzes

Die Szenerie erinnert an zahlreiche bekannte Historienfilme und -serien. Egal ob „Stolz und Vorurteil“ oder jüngst der Netflix-Hit „Bridgerton“: Nahezu jeder hat eine ungefähre Vorstellung von höfischen Tanzen, bei dem die Paare in anmutige Reverenzen sinken, um dann, gekleidet in üppige Gewänder, in langen Reihen elegante Tanzfiguren abzuschreiten. Dieser heute besonderen Art des Gesellschaftstanzes hat sich Barbara Luckas verschrieben. 2016 gründete sie die Gruppe „Amici Saltandi“, die sich nun in Gifhorn einmal wöchentlich der historischen Tanzkunst widmet. „All unsere Tänze haben sich historisch entwickelt“, erläutert Luckas. „Dabei war das Tanzen immer ein gesellschaftliches Ereignis mit einem bestimmten Zweck. Wir widmen uns heute dem Barock um etwa 1630.“

Deutlicher Frauenüberschuss

Getanzt werden sollen heute sowohl höfische als auch ländliche Tänze sowie englische Country-Dances, die von dem englischen Musikpublizisten John Playford Mitte des 17. Jahrhunderts überliefert wurden. Nach einer kurzen Einführung geht es ans Eingemachte: Die Teilnehmer bilden eine Gasse, indem sie sich in zwei Reihen einander zugewandt aufstellen. Mit blauen Bändern werden diejenigen gekennzeichnet, die als Herr tanzen – im Teilnehmerfeld herrscht nämlich ein deutlicher Frauenüberschuss.

Hochwippen auf die Fußspitzen

Die Damen werden jeweils rechts vom Herrn platziert, bevor die Gruppe die erste Schrittfolge lernt: Das „Siding“. Dabei treffen sich die Tanzpaare auf der Seite, entweder links- oder rechtsschultrig. Mit dem linken Fuß beginnend, gehen die Paare drei Takte aufeinander zu, dann folgt beim Zusammentreffen ein kurzes Hochwippen auf die Fußspitzen, um anschließend wieder drei Takte rückwärts zum Ausgangspunkt zu gehen. Im Moment des Hochwippens erfolgt die Begegnung mit dem Tanzpartner in der zuvor freigelassenen Gasse, und zwar mit der Seite des Körpers – daher der Name Siding.

Begriffe und Schritte erst verinnerlichen

Nachdem alle die Schrittfolge verinnerlicht haben, geht es auch schon weiter mit dem „Dos à dos“, bei dem die Tanzenden Rücken an Rücken aneinander vorbei und umeinander herum gehen. Für einen richtigen Tanz fehlt nun nur noch die „Ronde“: Die Herren geben die Hände und die Damen legen ihre hinein, dann wird gemeinsam eine „Runde“ getanzt. Wie beim Vokabeln lernen müssen die Begriffe erst verinnerlicht werden.

Zum Abschluss einer Tanzfolge wird es knifflig

Nach einer kurzen Verschnaufpause lässt Barbara Luckas alle Tanzwütigen erneut den „Longway“, also die Gasse bilden, und die Schrittfolge des „Halfe Hannikin“ durchgehen. Beide Reihen gehen, die Hand des Partners nehmend, vier Schritte mit einem abschließenden Tap vorwärts und rückwärts. Es folgt das Siding mit der normalen Gegenüberstellung entlang des Longways, anschließend das Dos à dos sowie die Ronde. Zum Abschluss einer Tanzfolge wird es knifflig: Die Paare rücken nach Ronde auf, indem jeder Tanzende eine Position weiter nach links wechselt, sodass jeder bei dem Übernächsten aus der gegenüberliegenden Reihe landet. An den Enden der beiden Reihen wird jeweils auf die andere Seite gewechselt.

Durcheinander am Ende

Bei den ersten Teilnehmern entsteht Stress: Anders als zu Beginn wird nach der absolvierten Schrittfolge nun keine Pause mehr eingelegt, sondern direkt im Takt weitergezählt. Konzentriert zählen einige mit, doch nur wenige schaffen es auf Anhieb, mehr als drei Runden fehlerfrei zu absolvieren. Nach kurzer Zeit entsteht an einem Ende der Reihe ein kleines Durcheinander. Das Aufrücken in die gegenüberliegende Reihe hat für Verwirrung gesorgt, sodass sich nun zwei Herren gegenüberstehen. „Stopp, ich muss hier einmal einen Geschlechterwechsel machen“, greift Ramona Kopp ein. Sie ist seit zwei Jahren festes Mitglied der Gifhorner Tanzgruppe und heute mit ihrem Partner Fabian Kropp als Unterstützung mit von der Partie. „Du machst einfach die Augen zu und greifst den nächsten, der da kommt“, rät Barbara Luckas.

Figuren gehen in Fleisch und Blut über

Dann wird es richtig spannend: Was zuvor ‚trocken‘ geübt wurde, soll nun zur Musik und am Stück getanzt werden. Ein dynamisches, barockes Musikstück setzt ein und schon sind die Teilnehmer mittendrin im Vergnügen. Nach und nach gehen die ungewohnten Figuren in Fleisch und Blut über.

Auch ohne Partner machbar

Mit von der Partie sind auch Ilka Stumpf und ihre Tochter Margarete (13) aus Celle. „Wir waren auf dem Mittelaltermarkt in Bad Bodenteich und haben diese Art des Tanzens dort gesehen“, berichtet Margarete. Davon begeistert, recherchierte sie am heimischen PC, wo man das Barocktanzen erlernen kann und stieß auf Luckas‘ Angebot. „Es ist super und macht mega viel Spaß“, sind sich Mutter und Tochter einig. Isabella Mylius ist ebenfalls von dem Workshop begeistert. Sie macht in ihrer Freizeit Linedance in Wienhausen. „Es ist etwas, das man ohne Partner machen kann. Dieses historisch Angehauchte fasziniert mich, man kann in eine andere Rolle schlüpfen, gerade, wenn dann auch Kostüme dazu kommen. Außerdem ist es leicht zu lernen.“

"Andere Art zu tanzen"

Ingried und Rolf Meyer aus Celle sind seit 30 Jahren im Tanzsport aktiv. Mit dem Barocktanzworkshop wollten sie etwas Neues ausprobieren und „die Gehirnwindungen in Schwung bringen“. „Es ist mal eine ganz andere Art zu tanzen“, erzählen sie. „Die Formation und die Wechsel sind besonders spannend. Hier im Freien auf dem Hof herrscht außerdem ein tolles Ambiente und innerhalb der Gruppe eine lockere Atmosphäre“, fasst das Ehepaar zusammen.

„Nicht denken, einfach machen“

Nach der Pause folgt ein zweiter Tanz, der „Childgrove“. Siding und Dos à dos sind wieder Teil der Schrittfolge, doch dann wird es knifflig. Der Longway wird in die Paare eins und zwei aufgeteilt. Immer zwei Paare bilden ein Karreé. „Nicht denken, einfach machen“, meint Barbara Luckas, als die Ersten zu grübeln beginnen. Nach dem Siding und dem Dos à dos mit dem Partner wird sich dem Karreé-Nachbarn zugewendet, um mit ihm Siding und Dos à dos zu wiederholen. Darauf folgen anderthalb „Ronden“, wodurch mit dem Karreé-Nachbarn der Platz getauscht wird. Anschließend wenden sich alle wieder dem regulären Tanzpartner zu und tanzen mit diesem eine normale Ronde. Zum Abschluss gehen die jeweiligen ersten Paare eines Karreés eine Acht um das zugehörige Paar zwei: Die Dame geht diagonal vor und kreuzt um die Dame des anderen Paares, der Herr tut das Gleiche mit dem Herrn. Danach beginnt die gesamte Abfolge von vorn.

Aus schlichten Abläufen wird elegantes Schreiten

Nach kleineren Startschwierigkeiten klappt der „Childgrove“ immer besser. Die Teilnehmenden werden rhythmischer und aus dem schlichten Ablaufen der Schritte wird hier und da ein elegantes Schreiten. Schließlich ist das Musikstück vorbei. Barbara Luckas ist zufrieden: „Große Klasse, ich habe kaum noch was ansagen müssen.“ Dem Besuch barocker Festivitäten steht nun nichts mehr im Wege.