Vereinte Nationen: Könnte 350 Jahre dauern

Auch eine Kostenfrage: Wie lange wird der Gaza-Wiederaufbau dauern?

Vertriebene Palästinenser verlassen Teile von Khan Younis auf dem Weg durch Trümmer zurück in ihre Häuser in Rafah.

New York. Palästinenserinnen und Palästinenser in den trostlosen Zeltlagern im Gazastreifen wollen dringend in ihre Häuser zurückkehren, wenn die langersehnte Waffenruhe dem Krieg zwischen Israel und der Hamas vorerst ein Ende bereitet. Doch viele werden feststellen müssen, dass von ihrem Zuhause nichts mehr übrig und ein Wiederaufbau unmöglich ist.

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Israelische Luftangriffe und Bodenoffensiven haben ganze Wohnviertel in mehreren Städten in schuttbedeckte Wüsten verwandelt. Wichtige Straßen sowie Wasser- und Strominfrastruktur wurden zerstört, die meisten Krankenhäuser sind nicht mehr in Betrieb. Wann – und sogar ob – eine Wiedererrichtung in größerem Umfang stattfinden kann, ist unklar.

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In der Vereinbarung für einen stufenweisen Waffenstillstand und die Freilassung von Geiseln aus der Gewalt der radikalislamischen Hamas steht nicht, wer den Gazastreifen nach dem Krieg regieren wird. Auch ob Israel und Ägypten ihre seit der Machtübernahme der Hamas 2007 geltende Blockade aufheben werden, bleibt offen. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen könnte ein Wiederaufbau mehr als 350 Jahre dauern, falls die Blockade weiter in Kraft bleibt.

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Schwerste Schäden im Norden

Das ganze Ausmaß der Schäden wird erst nach Ende der Kämpfe deutlich werden, wenn Inspektoren vollen Zugang zu dem Gebiet erhalten. Der am stärksten zerstörte Teil des Gazastreifens im Norden wurde von israelischen Streitkräften seit Anfang Oktober abgeriegelt und weitgehend evakuiert.

Auf Grundlage von Satellitendaten schätzten die UN im Dezember, dass 69 Prozent der Gebäude im Gazastreifen beschädigt oder zerstört wurden, darunter mehr als 245.000 Wohnhäuser. Die Weltbank beziffert die Schäden allein aus den ersten vier Kriegsmonaten auf 18,5 Milliarden Dollar. Das entspricht fast der gesamten Wirtschaftsleistung des Westjordanlands und des Gazastreifens im Jahr 2022.

Mit Verzögerung: Israel beginnt Waffenruhe im Gaza-Krieg fast drei Stunden später

Da die Hamas die Liste der noch heute freizulassenden Geiseln erst mit Verspätung übermittelte, hat Israel die Feuerpause um fast drei Stunden nach hinten verschoben. Kurz zuvor griff die Armee nochmals an.

Israel macht für die Zerstörung die Hamas verantwortlich. Die militant-islamistische Gruppe hatte den Krieg durch ihren Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 ausgelöst, bei dem etwa 1200 Menschen, die meisten von ihnen Zivilisten, getötet und 250 weitere verschleppt wurden. Die israelische Militäroffensive kostete nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums im Gazastreifen mehr als 46.000 Palästinenserinnen und Palästinenser das Leben, demnach mehr als die Hälfte von ihnen Frauen und Kinder. Über die Zahl der Kämpfer unter den Toten macht das Ministerium keine Angaben. Israel spricht von mehr als 17.000 getöteten Extremisten, ohne das zu belegen.

Räumung der Trümmerberge

Bevor Gebäude wieder aufgebaut werden können, müssen die Trümmer geräumt werden – eine gewaltige Aufgabe an sich. Nach UN-Schätzungen hinterließ der Krieg im Gazastreifen mehr als 50 Millionen Tonnen Schutt. Diese Menge entspricht etwa zwölf Mal der Größe der größten Pyramide von Gizeh. Mit dem Einsatz von mehr als 100 Lastwagen in Vollzeit würde die Räumung der Trümmer mehr als 15 Jahre dauern. Und in dem schmalen Küstenstreifen, in dem etwa 2,3 Palästinenserinnen und Palästinenser leben, gibt es kaum freie Flächen.

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Netanjahu warf Hamas Vertrauensbruch vor
Wenige Tage vor Beginn der im Gaza-Krieg vereinbarten Waffenruhe hat Israel seine Angriffe in dem Palästinenser-Gebiet noch einmal ausgeweitet.

Der Abtransport würde zudem dadurch erschwert, dass sich unter dem Schutt große Mengen an Munitionsblindgängern und anderem gefährlichen Material sowie menschliche Überreste befinden. Nach Darstellung des Hamas-Gesundheitsministeriums im Gazastreifen sind noch Tausende Leichen von Menschen, die bei Luftangriffen getötet wurden, unter den Trümmern begraben.

Kein Plan für den Tag danach

Die Schuttbeseitigung und ein anschließender Wiederaufbau von Wohnhäusern würden Milliardensummen kosten. Notwendig wäre es zudem, Baumaterial und schweres Gerät in das Gebiet zu bringen. Keines von beidem ist gesichert.

Das Waffenruheabkommen sieht ein drei- bis fünfjähriges Projekt zur Wiederinstandsetzung vor, das beginnen soll, sobald alle noch verbliebenen 100 Geiseln freigelassen wurden und sich die israelischen Truppen aus dem Gebiet zurückgezogen haben. Doch um überhaupt an diesen Punkt zu gelangen, müssen sich beide Seiten zuerst über eine frühere Phase des Deals einigen, über die noch verhandelt werden muss.

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Vertriebene Palästinenser verlassen Teile von Khan Younis auf dem Weg zurück in ihre Häuser in Rafah im südlichen Gazastreifen.

Und selbst dann wird die Aussicht auf Wiederaufbau von der Blockade abhängen, die Kritiker seit langem als Form kollektiver Bestrafung anprangern. Nach israelischer Darstellung ist die Maßnahme nötig, um eine erneute Aufrüstung der Hamas zu verhindern. Möglicherweise wäre Israel eher zu einer Aufhebung der Blockade bereit, wenn die Hamas nicht mehr an der Macht wäre. Allerdings gibt es keine Pläne für eine alternative Regierung.

Die USA und ein Großteil der internationalen Gemeinschaft wünschen sich, dass eine wiederbelebte Palästinensische Autonomiebehörde mit Unterstützung arabischer Staaten das Westjordanland und den Gazastreifen regiert – als Vorstufe zu einem möglichen Staat Palästina. Doch das kommt für die israelische Regierung nicht in Frage, da sie einen eigenen Staat für die Palästinenser ablehnt und ausgeschlossen hat, dass die vom Westen unterstützte Autonomiebehörde eine Rolle im Gazastreifen übernimmt.

Investitionen ausländischer Geber in ein Gebiet ohne Regierung, das in weniger als 20 Jahren fünf Kriege erlebt hat, sind unwahrscheinlich. Die riesigen Zeltlager entlang der Küste könnten daher zu einem festen Bestandteil des Lebens im Gazastreifen werden.

RND/AP

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