Dorothee Bär: „Deutschland ist ein Hort für Menschenhandel“
Frau Bär, Sie wollen den Kauf von Sex verbieten und haben einen entsprechenden Beschluss in der Unionsfraktion gefasst. Warum ist das derzeitige System Ihrer Ansicht nach nicht tragbar?
Wenn wir Verbesserungen für Frauen erreichen wollen, die in einem System gefangen sind und unterdrückt werden, müssen wir einen Paradigmenwechsel einleiten. Prostitution ist kein Beruf wie jeder andere, sondern geprägt von Gewalt, Rassismus, Sexismus und Klassismus. Wir haben 2017 mit dem Prostituiertenschutzgesetz innerhalb des Systems versucht gegenzusteuern, aber die Situation hat sich nicht verbessert. Im Gegenteil.
Inwiefern?
Die Mädchen werden immer jünger. Die Nachfrage nach Schwangeren ist groß. Man fragt sich, was das für Menschen sind, die diese Frauen und Minderjährigen ausnutzen? Immer mehr Osteuropäerinnen arbeiten in Deutschland als Prostituierte. Die Zahl der angemeldeten Ukrainerinnen hat sich seit Beginn des russischen Angriffskrieges fast verdreifacht von 180 Ende 2021 auf 470 Ende 2022. Das Dunkelfeld ist weitaus größer. Das sind Frauen, die nach Deutschland geflüchtet sind und nun ihren Körper verkaufen. Das können wir nicht zulassen. Wir müssen den Kauf verbieten, sonst droht sich die Zahl noch weiter zu erhöhen. Deutschland ist schon jetzt ein Hort für Menschenhandel.
Es gibt derzeit konservativ geschätzt 250.000 Prostituierte in Deutschland. Prostitution wird durch das Verbot nicht beendet. Drohen Frauen in die Illegalität zu rutschen?
Natürlich wird Prostitution mit einem Sexkaufverbot nicht komplett verschwinden. Aber der Markt wird verkleinert, weil es sich nicht mehr lohnt, mit Menschenkörpern in Deutschland Geld zu machen. Es geht auch um ein Signal, dass wir dieses System nicht länger dulden. Die eigene Niere zu verkaufen, ist schließlich auch nicht erlaubt. Ich bin mir sicher, dass wir in einigen Jahren zurückblicken und sagen werden: Unfassbar, bis 2024 durfte man noch Frauenkörper kaufen.
Das hat mit Sex nichts zu tun, sondern mit Machtausübung durch Männer.
Dorothee Bär
Was entgegnen Sie den Interessensverbänden, die auf die Selbstbestimmung der Frau pochen?
Man muss sich doch anschauen, wie Frauen in das System kommen: Viele Frauen, die meinen, Sex freiwillig zu verkaufen, wurden als Kind sexuell missbraucht. Sie sind geschunden und haben kein Selbstwertgefühl. Insbesondere junge Frauen kommen auch durch Loverboy-Methoden in die Prostitution …
… wenn Männer über vorgetäuschte Liebe versuchen, sie in die Prostitution zu zwingen.
Die Frauen, die wirklich freiwillig als Prostituierte arbeiten, sind eine sehr kleine Minderheit. Für die dürfen wir doch nicht Hunderttausende einfach opfern. Eine Ärztin hat mir erzählt, dass Prostituierte oft an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Sie sind physisch und psychisch zerstört. Das hat mit Sex nichts zu tun, sondern mit Machtausübung durch Männer.
Bär will Drei-Säulen-Modell nach nordischem Vorbild
Wie sollten die Frauen, die Prostitution trotz Verbot weiterhin ausüben, besser geschützt werden?
Wir müssen die Aufklärungsangebote und die Ausstiegshilfen deutlich ausbauen. Ausstiegshilfen ohne Sexkaufverbot bringen kaum etwas. Für jede, die aussteigt, kommen zehn neue Frauen nach. Unser Beschluss sieht ein Drei-Säulen-Modell nach nordischem Vorbild vor, in dem wir unter anderem Präventions- und Ausstiegsangebote fördern wollen.
In Frankreich werden ebenfalls die Freier kriminalisiert, nicht die Frauen. Dort gibt es Schulungen für straffällige Freier. Wäre das auch eine Option für Deutschland?
Darüber sollten wir diskutieren. Man muss sich aber genau anschauen, wer solche Schulungen anbietet und was dort gelehrt wird.
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Zur vollständigen AnsichtBundesfrauenministerin Lisa Paus (Grüne) ist gegen ein Sexkaufverbot und will zunächst die planmäßige Evaluierung des Prostituiertenschutzgesetzes abwarten. Was fordern Sie von der Ampelkoalition?
Die Bundesfrauenministerin müsste die Schutzheilige der Frauen in Deutschland sein. Davon ist nichts zu spüren. Die Grünen haben vor zwei Jahren ein umfangreiches Paket gegen Menschenhandel angekündigt, bisher ist nichts passiert. Lisa Paus nutzt die Evaluierung als Ausrede, um sich mit dem Thema zwei Jahre nicht beschäftigen zu müssen. Ihr ist offensichtlich egal, was in dieser Zeit mit all den unterdrückten Frauen passiert. Ich hoffe auf Bewegung in der SPD: Der Kanzler hat sich klar gegen Prostitution geäußert und in seiner Fraktion gibt es einige, die der Meinung der Union sind.