Wanderung im Harz

Sensationslust auf dem Brockengipfel

Die Aussicht auf dem Brocken genießen? Viel zu langweilig, wenn die Sensationslust zupackt. CZ-Redakteur Carsten Richter berichtet darüber in der Glosse.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 18. Aug. 2022 | 08:00 Uhr
  • 18. Aug. 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 18. Aug. 2022 | 08:00 Uhr
  • 18. Aug. 2022
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Celle.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein – das ist wahres Glück. Liebe Leserinnen und Leser, Sie kennen das bestimmt auch: diesen einen sensationellen Moment, in dem alles stimmt. So erging es mir auch in der vergangenen Urlaubswoche. Bei besten Bedingungen habe ich zum ersten Mal den Brocken erklommen. Unzählige Male hatte ich den höchsten Berg in Norddeutschland schon aus der Ferne gesehen. Doch es sollte 36 Lebensjahre bis zu diesem Augenblick dauern. Dafür passte dann aber auch alles: Der Zug nach Bad Harzburg war pünktlich. Wir gingen rechtzeitig los, hatten uns einen vergleichsweise leichten Weg für den Aufstieg ausgesucht und kamen gegen 11 Uhr – noch vor dem großen Besucheransturm – auf 1141 Metern Höhe an.

Was es auf dem Brocken so alles zu entdecken gibt

Die Sonne schien aus allen Löchern, es wehte ein leichter Wind, und die Weitsicht war ganz passabel – sensationell! Als sich der höchste Gipfel im Harz dann doch mehr und mehr mit Wanderern füllte, war ein faszinierendes Phänomen zu beobachten. Die Besucher zückten – wenig überraschend – ihre Smartphones. Aber nicht etwa, um das Aussichtspanorama für die Ewigkeit festzuhalten. Nein, über dem Brocken kreiste ein Hubschrauber. Zudem war ein Rettungswagen auf dem Berg angekommen – Donnerwetter, eine Sensation. Eine Menschentraube bildete sich. Plötzlich war alles andere egal. Brockenbahn, Brockengarten, Brockenuhr? Laaaangweilig. Da sind (vielleicht sogar ehrenamtliche) Lebensretter im Einsatz – das will man sehen. Aber gut, so tickt der Mensch eben. Übrigens: Was es mit dem Einsatz auf sich hatte, weiß ich bis heute nicht. Es ist mir aber auch egal. Für viele war es offenbar eine Sensation. Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Feuer am Brocken ausgebrochen – Aufstieg gerade noch geschafft

Wie ich dann zu Hause am Abend erfuhr, war am Nachmittag – da waren wir schon wieder um einige hundert Meter tiefer – in der Nähe des Brockens der Waldbrand ausgebrochen, der die Feuerwehr mehrere Tage in Atem halten sollte. Puh, Glück gehabt. Schon am nächsten Tag wäre ein Aufstieg nicht möglich gewesen – auf meine Brocken-Premiere hätte ich weiter warten müssen. Alles richtig gemacht also.

Bestimmte Sensationen sind verzichtbar

Aus journalistischer Perspektive hingegen ist das natürlich grottenschlecht gelaufen. Zum Brandausbruch auf dem Brocken, also zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Es sollte nicht sein. Da war ich meiner Zeit voraus. Wobei ich ehrlich gesagt gut darauf verzichten konnte, bei dieser "Sensation" dabei zu sein. Der Anblick des Waldes im Harz ist an vielen Stellen schon traurig genug. Borkenkäfer und Co. lassen grüßen.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich an dem Tag einen Fußmarsch von 30 Kilometern zurückgelegt habe? Das soll jetzt aber nicht nach Sensation klingen ...

Von Von Carsten Richter