Sind Vokale überflüssig?

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CZ-Redakteur Oliver Schreiber geht in seiner Glosse einem Phänomen nach: Warum ist es in Mode gekommen, bei Hauptwörtern auf Vokale zu verzichten?

  • Von Oliver Schreiber
  • 16. Juli 2022 | 08:00 Uhr
  • 16. Juli 2022
  • Von Oliver Schreiber
  • 16. Juli 2022 | 08:00 Uhr
  • 16. Juli 2022
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Celle.

Man mag mich altmodisch nennen, aber manche Trends erschließen sich mir einfach nicht. Zum Beispiel der, dass mittlerweile bei auf Plakaten, Aufklebern oder Kleidungsstücken gedruckten Hauptwörtern oftmals die Vokale einfach weggelassen werden. Neulich kam mir beim Hundespaziergang ein junger Mann entgegen, der ein T-Shirt trug mit der Aufschrift „HMBRGR JNGS“. Eine solche Aneinanderreihung von Buchstaben kannte ich bisher nur vom Sehtest beim Augenarzt. Meine zweite Assoziation war, dass der Mann möglicherweise Tscheche oder Pole sein musste, slawische Sprachen geizen ja gerne mal mit Selbstlauten.

Vokale kaufen wie beim Glücksrad

Doch dann entdeckte ich auf dem Shirt die Raute, das Wappen des Hamburger SV. Offenbar handelte es sich also um einen (leidgeprüften) Fußballfan. Ich erinnerte mich an die Kultfernsehsendung „Glücksrad“ und rief: „Ich kaufe ein A, E und ein U und möchte lösen: HAMBURGER JUNGS!“ Doch statt Applaus und Geldprämie erntete ich nur ungläubiges Staunen. Der HSV-Anhänger zog seinen Vierbeiner näher an sich heran und wechselte kopfschüttelnd die Straßenseite.

Sparsamkeit auch in der Sprache

Aha, wohl auch in Sachen Humor nur zweitklassig, sagte ich zu mir und ging weiter. Je länger ich aber über diesen orthografisch fragwürdigen Trend nachdachte, umso sinnvoller erschien er mir plötzlich. Warum sollte man in einer Zeit, in der von allen Seiten Sparsamkeit eingefordert wird, nicht auch auf Buchstaben verzichten, in diesem Fall Vokale? Vor allem wir Journalisten hätten mehr Spielraum bei Überschriften und könnten ausführlichere Texte schreiben, ohne dafür mehr Platz zu benötigen. Wenn Sie also demnächst im Sportteil beispielsweise die Titelzeile „MTV ENTRCHT CLL FRT NCHSTN SG“ lesen, ist der Autor nicht etwa zwangsläufig Analphabet oder kopfüber auf der Tastatur eingeschlafen, sondern schlichtweg sparsam und nur einem TRND folgend.