Schulbuchhelden

Wo ist die Musikkassette?

Wenn Schulbücher das Bild einer ganzen Nation prägen: Suchen Franzosen wirklich den ganzen Tag nach Musikkassetten? Eine Glosse von Heiko Hartung.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 13. Sept. 2022 | 08:00 Uhr
  • 13. Sept. 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 13. Sept. 2022 | 08:00 Uhr
  • 13. Sept. 2022
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Celle.

In meiner Vorstellung suchen Franzosen ständig ihre abhanden gekommenen Musikkassetten, haben mit kaputten Kassettenrekordern zu kämpfen und kaufen auf dem Markt Unmengen von Tomaten ein. Schuld an meinem Bild vom Alltagsleben unserer gallischen Nachbarn ist das Französisch-Schulbuch.

Erst Suche, dann grande catastrophe

„Le magnétophone ne marche pas“ ist einer der wenigen französischen Sätze, die sich trotz fünfjähriger Paukerei (länger habe ich es nicht ausgehalten) noch in meinem Hirn befinden. In besagtem Lehrbuch haben einige Freunde – höchstwahrscheinlich hießen sie Nicole, Chantal, Pierre und René – eine Tonbandaufnahme ihres Idols Luc Tonnerre gesucht. Stundenlang unterhielten sie sich darüber, wo das Teil sein könnte. „Ist sie auf dem Tisch?“ – „Nein, sie ist nicht auf Tisch.“ – „Ist sie in der Schublade?“ – „Nein, sie ist nicht in der Schublade.“ Und so weiter bla, bla. Als sie die Kassette endlich gefunden hatten, gab‘s – grande catastrophe – eine Portion Bandsalat, weil: „Le magnétophone ne marche pas.“ Was man heute übersetzen würde mit: „So‘n Kack, Digga, Spotify läuft nicht: Kein Netz.“

Vom Feinschmecker zum Vielfraß

Und was macht der Franzose in diesem Fall – zumindest in meinem Schulbuch? Geht erstmal auf den Markt und kauft „huit kilogrammes tomates“. Acht Kilo Tomaten? Das hat mich damals schwer beeindruckt. Mon Dieu, wer soll die alle essen? Da wurde aus dem Klischee der französischen Gourmets plötzlich gefräßige Gourmands.

Von Von Heiko Hartung