Aberglaube

Wenn der Warzenbeschwörer das Messer schwingt

Aberglaube ist harmloser Humbug? Das glaubt nur derjenige, dem noch nie ein Warzenbeschwörer mit dem Messer zu Leibe gerückt ist. Eine Glosse von Heiko Hartung.
  • Von Heiko Hartung
  • 12. Nov. 2022 | 08:05 Uhr
  • 12. Nov. 2022
Schwarze Katze quert die Straße von links nach rechts? Da ist Vorsicht geboten.
  • Von Heiko Hartung
  • 12. Nov. 2022 | 08:05 Uhr
  • 12. Nov. 2022
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Celle.

Mit dem Aberglauben ist es so eine Sache. Eigentlich alles totaler Humbug, aber so ganz genau weiß man es nicht. Könnte doch was dran sein, dass es Unglück bringt, unter einer Leiter durchzulaufen oder eine schwarze Katze von links passieren zu lassen.

Nicht beim Essen singen

Dabei ist der Aberglaube bei uns noch harmlos ausgeprägt im Vergleich zu anderen Ecken der Welt. In den Niederlanden bringt es zum Beispiel Unglück, beim Essen zu singen. Damit lockt man den Teufel an. Abergläubische Vietnamesen tragen im Haus keine Mützen. Sie befürchten, dass sie dann nicht mehr wachsen. Und auf den Philippinen sollte man bei einem Unwetter besser keine rote Kleidung tragen. Damit zieht man nämlich laut Aberglaube Blitze an.

Keine Tinktur hilft bei Dellwarzen

Als eines unserer Kinder vor einiger Zeit an Dellwarzen litt (die man übrigens seinem ärgsten Feind nicht an den Hals wünscht), probierten wir monatelang alle Mittel der anerkannten Schulmedizin aus. Das Problem: Keine der Tinkturen aus der Apotheke ließ die fiesen Dinger verschwinden.

Patient im speckigen Ohrensessel

Ein Freund gab mir schließlich die Adresse eines Warzenbeschwörers. In meiner Ratlosigkeit fuhr ich mit dem Jungen hin. Als wir klopften, öffnete ein alter Mann mit abgewetzter Kleidung die Tür. Aus dem düsteren, alten Bauernhaus schlug uns ein muffiger Geruch entgegen. Wir erklärten unser Anliegen. Gebückt führte er uns in seine gute Stube und wies den jungen Patienten an, in einem speckigen Ohrensessel Platz zu nehmen. Dann rückte er sich einen knarzigen Holzstuhl zurecht und hockte sich von Angesicht zu Angesicht vor das stocksteif ausharrende Kind. Als er aus einem schäbigen Etui ein altes Küchenmesser holte, weiteten sich die Augen des Patienten – und die des hinter dem Sessel stehenden Vaters auch.

Mit Messer Schlitze in Luft schneiden

Ohne ein Wort zu sagen, begann der Alte mit dem Messer vor dem Gesicht des Kindes herumzufuchteln. Nicht hektisch, eher als ob er Schlitze in die Luft schneiden würde. Dann wies er mich an, die verwarzten Stellen am Oberkörper von Kleidung zu befreien und deutete auch hier Luftschnitte an. Nach zehn Minuten war die Prozedur vorbei, ich legte 50 Euro auf den Tisch und wir beide gingen konsterniert und beinahe grußlos. Eine Woche später waren die Warzen verschwunden. Ich schwöre.

Rotes T-Shirt entsorgt

Seitdem habe ich mein rotes T-Shirt entsorgt und singe nicht mehr beim Essen. Nur eine Mütze trage ich ab und zu im Haus. Schließlich möchte ich nicht mehr wachsen.