Familiengründung

„Geschwister sind eine vollkommen normale Belastung für Kinder – keine traumatische"

Familienzuwachs: Häufig leidet das erstgeborene Kind unter dieser Umbruchzeit.

7.40 Uhr, eine Wohnung Hannover Vahrenwald-List: Schon seit 5 Uhr sind beide Kinder wach. Der dreijährige Jona ist dennoch nicht startklar für die Kita. Sein Vater Jörg schaut auf die Uhr. Er hat gleich ein Officemeeting. Ob er es mit dem Bus noch pünktlich schafft? Beim Frühstück hat Jona den Kaba umgekippt und Jörg ihn in Windeseile noch einmal umgezogen. Seine Partnerin stillt gerade das Baby, als sich Jona die Jacke vom Leib reißt, sich auf den Boden wirft und schreit: Er will nicht in den Kindergarten, sondern bei der Mammmmiii und dem Baby bleiben - bitte, bitte, bitte! Jörg schaut zu seiner Frau. Die schüttelt den Kopf.

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Die beschriebene Szene und Beispielfamilie sind fiktiv, sie könnte sich aber so oder so ähnlich in nahezu jeder Familie mit Kleinkindern abgespielt haben. Mütter und Väter geraten da schnell an ihre Grenzen, hin- und hergerissen zwischen Verantwortung, Fürsorge und Selbstvorsorge.

Inke Hummel ist Erziehungsberaterin, und dieses Verhalten von Kindern, die ein neues Geschwisterkind bekommen haben, ist ihr bestens vertraut. „Meistens verhält sich das ältere Kind nicht direkt nach der Geburt so, sondern erst, wenn die Veränderung durch das Neugeborene im Alltag ankommt.“ Auslöser können Situationen sein, in denen Konkurrenz entsteht, etwa wenn die Mutter mit dem größeren Kind zusammen in die Kita kommt, es dort lässt und dann mit dem Baby wieder nach Hause geht. Oder wenn das Baby plötzlich auf dem Boden robben kann und an die Spielsachen des älteren Kindes kommt. „Das ältere Kind entwickelt ein ungutes Gefühl, das es physisch herauslassen muss. Es sucht vielleicht den Körperkontakt zum Baby, drückt etwas zu fest zu, kneift oder wirft sich übermütig drauf“, erklärt Hummel.

Überforderungsgefühle und Ängste

Eltern müssten wissen, dass sich ein solches Verhalten nicht gegen das Baby richte, sondern durch Überforderungsgefühle und Ängste entstehe. Ein gezieltes Testen der Eltern durch das Kind sei zumindest im Kita-Alter unwahrscheinlich. „Solche Strategien probieren Kinder erst aus, wenn sie etwas älter sind. Eine böse Absicht steckt nicht dahinter“, weiß Hummel.

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Kommt ein neues Familienmitglied hinzu, können auch Rückschritte in der Entwicklung beim Geschwisterkind auftreten. Plötzlich nässt das große Geschwisterchen wieder ein, schläft schlechter, fordert den Schnuller zurück, spricht in Babysprache. Dahinter, so Hummel, lägen Eifersuchtsgefühle oder Schwierigkeiten, mit der veränderten Situation zurechtzukommen. Ob es sich bei gezeigten Ängsten um Trennungsangst handele, lasse sich nur durch eine langfristige Beobachtung feststellen.

7.50 Uhr, Wohnung Hannover Vahrenwald-List. Jörg ist mit dem überraschenden Wutausbruch seines Sohnes überfordert. Er schaut in Jonas’ verheulte Augen. Ein schlechtes Gewissen plagt ihn ohnehin schon, weil er in der vergangenen Woche bereits das Kinderturnen absagen musste. Seit der Geburt des Babys kommt Jona einfach viel zu kurz. Jörg gibt nach. Jona rennt sofort zur Mama, kuschelt sich an sie. Auf dem Weg zur Arbeit fragt sich Jörg, ob sein Kleinbeigeben ein Fehler war und er jetzt die restlichen Tage der Woche mit seinem Sohn über den Kita-Besuch diskutieren muss.

In einer Situation wie dieser empfiehlt Hummel, mit ruhiger Haltung und innerer Klarheit für das Kind zu entscheiden. Geht das Kind grundsätzlich gerne in den Kindergarten und hat dort Spaß, könnten Eltern die Gefühle des Kindes erst annehmen und es dann bestärken: „Ich sehe, dass du traurig bist, und ich weiß, dass es sich doof anfühlt, in die Kita zu gehen, aber das schaffst du!“

Inke Hummel, Pädagogin, Familien- und Erziehungsberaterin
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Zur Person

Die Erziehungsberaterin Inke Hummel hat in Bonn Germanistik und Pädagogik studiert. Sie ist Bestsellerautorin für Ratgeber und Kinderbücher und Inhaberin der Familienbegleitung „Achtsam Hummel“. Sie unterstützt Eltern mit Kindern in jedem Alter und bildet Fachkräfte fort. Inke Hummel ist Mutter von drei jugendlichen Söhnen.

Nie eine gute Idee: Das Kind ignorieren

Eine weitere Möglichkeit, wenn es mit Verständnis und Bestärkung nicht klappt, sind Sonderregeln. Diese sollten aber nicht frühmorgens verhandelt werden. Ein kindergartenfreier Tag in der Woche könnte eine Lösung sein. „An diesem Tag könnte man dann das größere Kind mit zur Babygruppe nehmen. Dann wird es nicht ausgeschlossen und ist Teil des Verbunds von Mutter und Baby.“ Reagiert ein Kind mit Wutanfällen und aggressivem Verhalten, sollten Eltern dem Kind konkrete Vorschläge machen, wie es mit der eigenen körperlichen Reaktion umgehen kann. Es gehe nicht darum, nur zu sagen, was ein Kind lassen soll, sondern mit einer Idee zu kommen, was es stattdessen tun könnte, erklärt Hummel.

Ein gerade in Deutschland weitverbreiteter Fehler sei es, das Kind zu ignorieren, weil es angeblich nur Aufmerksamkeit erzwingen wolle. „Diese Haltung hängt mit dem Gedanken der ersten deutschen Erziehungsratgeber zusammen, die Härte als Erziehungsstil propagierten. Anders als in Skandinavien, wo schon lange über kindliche Bedürfnisse gesprochen worden ist“, erläutert Hummel. Aus der Härte entstehe bloß eine distanzierte Eltern-Kind-Beziehung, und daraus folge ein Gefühl großer Unsicherheit beim Kind.

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Ein schlechtes Gewissen ist unnötig

Man müsse Kindern nicht jeden Wunsch erfüllen, sagt Hummel, doch sie bräuchten Zugewandtheit, Orientierung und das Gefühl, gesehen zu werden. „Hört ein Kind ständig, dass es zu viel, zu wild und zu aggressiv ist, baut es genau diese Attribute in das eigene Selbstbild ein.“ Besser wäre es zu sagen, dass ein Kind, das durch expressives Verhalten auffällt, Sicherheit und Beziehung sucht. „Es fragt: Bin ich dir noch wichtig und bist du für mich da? Und manchmal tut es das eben auch auf unangenehme Weise“, sagt Hummel.

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Das schlechte Gewissen bei Eltern, wenn sie ein zweites Kind bekommen haben, sei ein Klassiker, aber unnötig. „Geschwister sind eine vollkommen normale Belastung für Kinder – keine traumatische.“ Schuldgefühle zu kompensieren, indem man dem Kind mehr erlaubt oder ihm Dinge kauft, bringe leider wenig. Wenn ein weiteres Kind geboren wird, verhalten sich Eltern dem älteren Kind gegenüber oft distanzierter. „Viele Eltern empfinden in den ersten Wochen und Monaten ein Fremdheitsgefühl dem größeren Kind gegenüber. Sie lehnen das aggressive Verhalten, das es zeigt, ab und flüchten sich zum niedlichen Baby.“ Bemerken Eltern derartige Entwicklungen bei sich selbst, sollten sie sich klarmachen, dass sich das große Kind nicht verändert hat, sondern in einer Krise steckt.

So viel wie möglich beim Alten belassen

Grundsätzlich sollten Eltern bei weiterem Zuwachs darauf achten, das große Kind zu stärken und so viel wie möglich beim Alten zu belassen. Am besten sei es, wenn das Kind spürt, dass sein Leben ganz normal weiterläuft. Doch das bedeute eben auch, nicht nur das große Kind wegzuorganisieren, sondern auch mal das Baby zur Oma zu geben. „Stillende Mütter könnten überlegen, gelegentlich abzupumpen oder zuzufüttern, um mehr Zeit für das große Kind zu haben“, empfiehlt Hummel.

Durch Zugeständnisse lässt sich die Einhaltung des regulären Wochenplans an den anderen Tagen leichter einfordern. Hummel empfiehlt, dass bei Neuzuwachs nicht gleichzeitig auch andere große Veränderungen wie eine Kita-Eingewöhnung, die Schnullerentwöhnung oder der Beginn einer neuen Arbeitsstelle anstehen. Eine Rückentrage oder ein Laufstall für das Baby sind praktische Lösungen, um öfter die Arme freizuhaben, um sich dem großen Kind zuzuwenden.

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Das verwendete Fallbeispiel der Familie von Jörg und Jona dient der Veranschaulichung und ist frei erfunden.

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