Ökosystem leidet unter invasiver Art

Noch mehr Krebse in der Örtze - Aller bedroht

Es ist noch schlimmer als befürchtet: Der Nordamerikanische Signalkrebs breitet sich in der Örtze in massiver Zahl aus. Bald dürfte die Aller betroffen sein.

  • Von Simon Ziegler
  • 18. Jan. 2023 | 10:02 Uhr
  • 18. Jan. 2023
Der Nordamerikanische Signalkrebs ist ein unerwünschter Eindringling, gilt aber auch als Delikatesse. 
  • Von Simon Ziegler
  • 18. Jan. 2023 | 10:02 Uhr
  • 18. Jan. 2023
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Sie wollen mit Fangkörben den Kampf gegen den Nordamerikanischen Signalkrebs im Frühjahr fortsetzen (von links): Ingomar Welke, Burkhard Hoppenstedt und Finn Mengershausen-von Bursy vom SFV Wolthausen.
Wolthausen.

Es ist noch schlimmer als gedacht. Die ehrenamtlichen Helfer des Sportfischervereins Wolthausen haben jetzt die endgültigen Zahlen vorgelegt, wie viele Tiere des Nordamerikanischen Signalkrebses sie im vergangenen Jahr von Juni bis Oktober in der Örtze gefangen haben. Demnach waren es nicht 25.000 bis 30.000 Tiere, wie zunächst geschätzt, sondern genau 44.874 Krebse – rund 50 Prozent mehr als befürchtet. "Das Ergebnis ist absolut erschreckend", sagt Finn Mengershausen-von Bursy, Gewässerwart des Vereins. Er alleine hat 7000 Krebse aus dem Fluss geholt. Dies alles deute darauf hin, dass inzwischen Millionen von Krebsen in der Örtze sein könnten.

Mit diesen Körben werden die Tiere gefangen. 

Der Nordamerikanische Signalkrebs ist ein Eindringling, eine invasive Art, der den heimischen Edelkrebs verdrängt. Vor etwa zehn Jahren ist der Signalkrebs in die Örtze gekommen, wo er sich seitdem explosionsartig vermehrt. "Es ist so gut wie sicher, dass er sich in wenigen Jahren auch in der Aller ausbreitet", sagt Mengershausen-von Bursy.

Ökosystem des Flusses im Landkreis Celle leidet

Der Flusskrebs verursache viele Probleme, sagen die Leute vom Sportfischerverein. Der Eindringling frisst fast alle Kleinlebewesen, zum Beispiel Larven und Fischlaich. Die Tiere schädigen somit das gesamte Ökosystem des Flusses. Dazu kommt, dass die Tiere die Krebspest auf die heimischen Arten übertragen, selbst aber immun sind. Inzwischen gilt der Europäische Flusskrebs als fast ausgestorben.

Das Problem hat längst auch die EU erkannt. Die Europäische Kommission hat den Signalkrebs in ihre „Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung“ aufgenommen. Dort sind Tiere gelistet, die als Bedrohung für die Erhaltung der europäischen Ökosysteme und für die Artenvielfalt gelten. Der Rückgang der einheimischen Tiere ist auch Thema in der Wissenschaft. "Flusskrebs ist nicht gleich Flusskrebs. Die ökologischen Unterschiede gebietsfremder Arten sind oftmals mannigfaltig und der Effekt auf das Ökosystem schwer zu prognostizieren", sagte etwa Kathrin Theissinger vom "Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum" gegenüber dem MDR. Eine großflächige Ausrottung der Signalkrebse sei unmöglich, so die Expertin. Der Vielfraß aus Amerika kommt inzwischen in ganz Europa vor. Seine Verbreitung ist übrigens menschengemacht. Weil der heimische Edelkrebs durch die Krebspest massiv dezimiert wurde, sollte die Krebsfischerei durch den Signalkrebs wiederbelebt werden. Was heute als invasive Art bezeichnet wird, wurde ab 1960 zunächst in Schweden, später auch in anderen Ländern bewusst eingeführt.

Kampf gegen invasive Art an mehreren Fronten

Heute wird der Kampf im Celler Land gegen die invasive Art an mehreren Fronten geführt. Die Bingo-Stiftung hat den Sportfischerverein in Wolthausen mit 3000 Euro unterstützt, um Fangkörbe zu finanzieren. Der Landkreis plant, gemeinsam mit Naturschutzverbänden, Hegeringen und Angelvereinen in einem Monitoring den Bestand der invasiven Tierarten zu erfassen. Dafür stehen 20.000 Euro zur Verfügung.

Die rund 25 Krebsfänger des SFV Wolthausen wollen im Frühjahr weitermachen. "Im Mai geht es los", sagt Mengershausen-von Bursy. "Vielleicht gelingt es uns wenigstens, den Bestand der Tiere zu reduzieren."