Mitmenschen in Not

Hilfe für Wietzer Familie in schwerer Zeit

Eine Flüchtlingsfamilie aus dem Irak findet in Wietze eine neue Heimat. Dann stirbt der Vater nach einem Arbeitsunfall.
  • Von Doris Hennies
  • 20. März 2022 | 15:07 Uhr
  • 01. Nov. 2022
  • Von Doris Hennies
  • 20. März 2022 | 15:07 Uhr
  • 01. Nov. 2022
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Wietze.

Stolz führt Deniz (Name geändert) die Einstellfunktion an seinem neuen Schreibtischstuhl vor. Der Stuhl und der schmale Schreibtisch „wachsen mit“ und werden ihm noch lange Zeit gute Dienste tun. Aber am stolzesten ist der Elfjährige auf sein extragroßes Bett. Es ist Teil einer Unterstützung aus der CZ-Aktion „Mitmenschen in Not“ und er durfte es sich selbst aussuchen. Zudem erfüllt es auch die Aufgabe eines Rückzugsortes und einer Sitzinsel, auf der man es sich auch mal mit Freunden gemütlich machen kann. Für mehr als den Schrank, den Lern- und Hausaufgabenbereich und eben dieses Bett ist in dem kleinen Raum kein Platz. Deniz bewohnt es allein, aber seine Geschwister kommen ihn oft „besuchen“.

Flucht aus dem Irak

Das Schicksal hat es nach ihrer Flucht aus dem Irak nicht gut gemeint mit der ezidischen Familie S. 2015 war der Vater, zunächst allein per Boot über die Türkei nach Deutschland geflüchtet. Als anerkannter Flüchtling einer vom Genozid bedrohten ethnischen Volksgruppe fand er in Wietze eine Bleibe und auch gleich Arbeit. Zwei Jahre später gelang es ihm, auch seine gefährdete Familie zu sich holen – seine Frau und die sechs damals noch alle minderjährigen Kinder.

Geld reichte nicht

Der Familienvater arbeitete hart, dennoch reichte das Einkommen nicht ganz und wurde durch SGB-II-Leistungen aufgestockt. Die Familie integrierte sich den Umständen entsprechend schnell in ihrer neuen Heimat. Alle lernten fleißig die neue Sprache. Die Kinder besuchten erfolgreich unterschiedliche Schulen, und auch die Mutter absolvierte einen Deutschkursus.

Arbeitsunfall im Oktober 2020

Im Oktober 2020 kam es an der Arbeitsstelle des Vaters zu einem schlimmen Arbeitsunfall. S. wurde von herabfallenden Gegenständen getroffen und lag viele Wochen lang im Koma. Erschwerend kam dazu, dass ihn seine Familie aufgrund der Corona-Auflagen kaum besuchen durfte – sofern sie denn die Fahrtkosten überhaupt aufbringen konnte.

Vater erliegt Verletzungen

Vorübergehend gab es Hoffnung, aber im August 2021 erlag der Vater, nach mehreren Wechseln vom AKH in andere Spezialkliniken in Hannover und Hamburg, seinen schweren Verletzungen. Diana Schönenberger vom Diakonischen Werk hatte zu dieser Zeit schon erste Kontakte zu der Familie. Sie schildert die prekäre Lage: „Alle waren von Unfall und Tod des Vaters traumatisiert. Dazu kamen eine völlig unzureichende Wohnung und zunehmende Geldprobleme, weil die Familie mit möglichst wenig Fremdhilfe zurechtkommen wollte.“ Nach dem Tod des Vaters sei das einzige Konto, das auf seinen Namen lief, gesperrt worden. „Die nun alleinerziehende Mutter war damit überfordert, sich um alle notwendigen Papiere zu kümmern. Die zweitälteste Tochter hat mich schließlich um Hilfe gebeten“, so Schönenberger.

Diakonisches Werk unterstützt Familie

Für die Übersetzung der Geburtsurkunden der Kinder, die für die Sterbeurkunde und damit auch für den Kontozugriff benötigt wurde, erhielt die Familie über das Diakonische Werk eine finanzielle Unterstützung aus dem Spendentopf der CZ-Aktion „Mitmenschen in Not“. Eine Überprüfung der Bezüge ergab zudem, dass die Familie als SGB-II-Leistungsempfänger weniger bekam, als ihr rechtlich zustand – die Anträge wurden deshalb mit Unterstützung der Diakonie korrigiert. Ein weiterer Schock kam Anfang des Jahres mit einer Forderung von 4000 Euro Nebenkostenzahlung. Die Familie hatte über Jahre zwar Abschlagszahlungen mit der Miete bezahlt, aber keine Nebenkosten beim Jobcenter geltend gemacht, da sich der Vermieter geweigert hatte, eine Nebenkostenabrechnung zu erstellen. Auch dies wurde inzwischen anwaltlich geklärt.

Tochter hat Realschulabschluss in der Tasche

Mittlerweile ist die Familie in eine andere Wohnung umgezogen und die 18-jährige Tochter hat die Übersicht über Papiere und notweniger Anträge. Sie spricht nahezu perfekt Deutsch und hat einen erfolgreichen Realabschluss in der Tasche. Ihr größter Wunsch wäre jetzt ein Ausbildungsplatz: „Etwas mit Verwaltung und Kundenkontakt – vielleicht in einem Autohaus, etwas in einem Büro“, sagt sie. Ihre Mutter kümmert sich derweil um die Familie und braucht noch etwas Zeit, sich von all den Schicksalsschlägen zu erholen.

Kinder haben Pläne

Auch die anderen Kinder haben ehrgeizige Pläne und gehen sie zielstrebig an: Die älteste Tochter absolviert eine Ausbildung im Pflegebereich. Ihr Bruder ist in der 9. Klasse und möchte später einmal Automechaniker oder Ähnliches werden. Er bekam in der Sprachheilschule hervorragende Noten und hofft, in der BBS seinen Hauptschulabschluss zu machen, um danach Tischler zu werden. Und Deniz besucht die fünfte Klasse des Gymnasiums und träumt davon, einmal Architekt zu sein.

Möbel Wallach hilft Wietzer Familie

Besonders dankbar ist die Familie für die Hilfe durch die CZ-Aktion „Mitmenschen in Not“. Neben der finanziellen Unterstützung wurde sie als Empfänger einer Jugendzimmer-Einrichtung ausgewählt, die das Möbelhaus Wallach bereits seit Jahren regelmäßig zur Unterstützung Bedürftiger spendet. Inhaber Thomas Preuhs freut sich seinerseits, geholfen zu haben: „Es ist wichtig und richtig, dass Kinder in einer Umgebung aufwachsen, in der sie sich wohlfühlen und gut lernen können. Mit einer passenden, im Rahmen des Budgets selbst ausgesuchten Ausstattung ist die Unterstützung konkreter als mit einer Geldspende – insofern sehen wir das als eine Investition in die Zukunft.“ Und Diana Schönenberger ergänzt: „Bei all der Traurigkeit und dem Gefühl des Alleinseins sind solche Aktionen ein ganz wichtiger Lichtblick für diese und viele andere Familien mit Kindern.“

88.500 Euro für Bedürftige

Obwohl die große Tombola wegen der Corona-Pandemie ein zweites Mal ausfallen musste, sind auf dem Spendenkonto der CZ-Weihnachtsaktion „Mitmenschen in Not“ rund 88.500 Euro eingegangen. Rund 50.000 Euro davon wurden seit Dezember ausgeschüttet, um in Kooperation mit den Kirchen und Sozialen Diensten in möglichst vielen Fällen unbürokratisch helfen zu können. Weitere Gelder – das Konto läuft ganzjährig unter dem gleichnamigen Stichwort mit der IBAN DE74 2695 1311 0000 0099 10 bei der Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg – sind für Hilfen im laufenden Jahr vorgesehen. „Insgesamt haben wir damit seit dem Jahr 1995 mehr als drei Millionen Euro an Einzelpersonen und Familien sowie soziale Einrichtungen ausschütten können“, freut sich Chefredakteur Ralf Leineweber. „Dafür gilt allen Spendern ein großes Dankeschön.“