Trockengefallen

Wietze bei Wieckenberg trocknet aus

Der Wasserstand der Wietze bei Wieckenberg hat ein historisches Tief erreicht. Das versetzt Fachleute in Alarmbereitschaft.
  • Von Benjamin Behrens
  • 06. Aug. 2022 | 15:01 Uhr
  • 06. Aug. 2022
  • Von Benjamin Behrens
  • 06. Aug. 2022 | 15:01 Uhr
  • 06. Aug. 2022
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Wieckenberg.

Es liest sich fast wie das Protokoll eines Kriminalfalls, was Astrid Baarck, Geschäftsführerin des Unterhaltungsverbands Wietze, und die zahlreichen Unterstützer in den vergangenen Tagen an dem Fluss zu bewältigen hatten. Denn aus dem Unterlauf der Wietze ist ein Rinnsal geworden, große Abschnitte liegen ganz trocken, oder es sind lediglich Wasserkuhlen übriggeblieben.

Ausmaß der Trockenheit überrascht selbst Fachleute

„Als ich kam, gab es nur einige trockene Blänken mit einigen Fischen. Das war natürlich heftig. Das Wasser zog sich immer weiter zurück“, sagte Baarck beim gestrigen Termin vor Ort. Gemeinsame Bestandsaufnahme dessen, was die Fachleute mit großer Sorge beobachten.

„Abschnitt 7+500 bis 8+500, gerader Verlauf, z. T. Schilf/Röhricht, keine Bäume“ – heißt es in einem Protokoll Baarcks zu dem Zustand. Nüchterne Fachsprache für einen Lebensraum, nein Überlebensraum, für Tiere vom großen Hecht bis zu winzigen Krebsen. Auch der Mensch benötigt ihn, etwa als Wasserquelle. Angler und Gewässerpächter versuchen, den Fischbestand zu erhalten und zu pflegen.

Am 28. Juli bemerken Mitarbeiter einer vom Unterhaltungsverband (UHV) beauftragen Unterhaltungsfirma bei Mäharbeiten, dass die Wietze im Abschnitt zwischen Wieckenberg und de Wietzer Trift trockengefallen ist. Sie schicken Fotos. Fußspuren, auffliegende Fischreiher und weitere Vogel- sowie Waschbärspuren zeigen, dass die Trockenphase nicht ganz neu ist. Der Tisch ist reich gedeckt mit auf dem Trockenen liegenden Fischen und Muscheln.

Alle zuständigen Instanzen werden eingeschaltet

Ein Schock für die Sachverständigen. Baarck informiert den Landkreis Celle und die Region Hannover, macht sich vor Ort ein Bild von der Lage. Sie kartiert die Wasserlachen, sodass später gezielt die verbliebenen Fische geborgen werden können. Der Sachbearbeiter des Landkreises fährt umgehend nach Wietze, um sich ebenfalls ein Bild der Lage zu machen. Der Landkreis nimmt Kontakt zum Landesamt für Binnenfischerei, dem Fischereiverein Früh Auf Celle und dem Anglerverband Niedersachsen (AVN) auf. Ein Drohnenpilot macht aktuelle Luftaufnahmen.

Am 29. Juli sind Andreas Maday, Verbandsbiologe des AVN, und Norbert Rode, Vorsitzender des Fischereivereins Früh Auf Celle, im Einsatz. Die Spezialisten beginnen nach Absprache mit den Fischereiberechtigten mit der Bergung und Kartierung der Fische. Sie haben die Ausbildung und Sondererlaubnis, eine sogenannte Elektroangel einzusetzen. „Man baut ein Stromfeld auf, alle Fische, die sich um die Anode, den Fangkescher, herum befinden, werden betäubt“, erklärt Maday.

Elektroangel braucht Sondergenehmigung und Ausbildung

„Wenn man es nicht richtig macht, kann das den Fischen schaden. Dann bekommen sie Muskelkontraktionen. Größere Fische wie der Hecht können sich sogar das Rückgrat brechen. Man muss vorsichtig sein“, so Maday. Es muss schnell gehen, die Methode ist in dieser Notsituation die schonende Variante für die Tiere. 730 Fische holen sie heraus. Es wird eine Wassertemperatur von 27 Grad gemessen. „Je wärmer das Wasser ist, desto schlechter löst sich der Sauerstoff, das befeuert das Fischsterben“, warnt Maday.

Am 30. Juli übernimmt Gerrit Hamster, Gewässerpächter des Abschnitts oberhalb der Wietze-Brücke, gemeinsam mit drei Mitstreitern die weitere Bergung der übrigen Fische, sie arbeiten von 8 bis 18 Uhr durch. „Man konnte regelrecht zusehen, wie das Wasser verschwand“, so Hamster. Manfred Röber, Fischereiberechtigter des unterhalb der Brücke gelegenen Abschnitts, zeigt ihnen, wo die Fische und Muscheln wieder eingesetzt werden können. Auch dort ist der Wasserstand niedrig, aber für den Moment ausreichend.

Am 31. Juli ist die Wietze auf dieser Strecke maximal trockengefallen. In den kommenden Tagen steigt der Wasserstand in einigen Bereichen wieder leicht, erreicht jedoch Wieckenberg nicht. Am Abend des 3. August geht das Wasser wieder zurück – es hinterlässt Wasserlachen und viel trockenes Flussbett.

Nun geht es an die Ursachenforschung

Jetzt geht es an die Ursachenforschung und Planung für mögliche Gegenmaßnahmen. Es werden Grundwasser-Daten von Peilbrunnen ausgewertet, auch Strukturverbesserung für den Fluss sind in Planung. „In einem Unterlauf eines großen Gewässers darf das nicht passieren“, so Baarck. „Wir können davon ausgehen, dass uns das lange begleiten wird“, befürchtet Maday.