Lebenslang für Hüseyin C.

Landgericht: Esras Mörder verfolgte einen Tatplan

Hüseyin C. habe seine Frau Esra heimtückisch ermordet, urteilt das Landgericht Hildesheim. Suizid-Absichten nimmt ihm das Gericht nicht ab. Es habe einen Tatplan gegeben. Wie das Urteil begründet wird.

  • Von Simon Ziegler
  • 20. Jan. 2023 | 16:16 Uhr
  • 20. Jan. 2023
Vor acht Monaten tötete Hüseyin C. seine Frau Esra, weil er die Trennung nicht akzeptierte. Er wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Sein Anwalt Matthias Waldraff war trotzdem nicht unzufrieden.
  • Von Simon Ziegler
  • 20. Jan. 2023 | 16:16 Uhr
  • 20. Jan. 2023
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Esra C. wurde nur 35 Jahre alt. 
Wathlingen.

Die Zuschauerreihen im Saal 134 sind voll besetzt. Zahlreiche Angehörige von Esra C. sind am Freitag zur Urteilsverkündung ins Landgericht nach Hildesheim gekommen. Die Polizei hat ihre Präsenz noch einmal verstärkt. Doch die befürchteten Auseinandersetzungen bleiben aus.

Arg- und Wehrlosigkeit ausgenutzt

Um kurz nach 9 Uhr verkündet Richter Rainer de Lippe das Urteil. Hüseyin C. aus Wathlingen wird wegen Mordes an seiner Frau zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Angeklagte habe die Arg- und Wehrlosigkeit seiner Frau ausgenutzt, die an ihrem Auto stand und nicht mit einem Angriff rechnen konnte, begründet der Vorsitzende Richter das Strafmaß. Anders als die Staatsanwaltschaft sieht die Kammer aber lediglich das Mordmerkmal der Heimtücke als gegeben, niedrige Beweggründe erkennt sie nicht. Der Angeklagte habe nicht aus übersteigertem Besitzdenken gehandelt. Die besondere Schwere der Schuld wird nicht festgestellt.

Verhandelt wurde am Landgericht Hildesheim.

De Lippe zeichnet in seiner Begründung ein differenziertes Bild des 38-Jährigen. Hüseyin C. sei viele Jahre ein fürsorglicher Ehemann gewesen, der zwei Jobs hatte und hart für die Familie arbeitete. Doch in der Ehe gab es seit 2021 große Probleme, die 35-Jährige wollte sich von ihm trennen. Esra hatte ab Anfang 2022 eine sexuelle Beziehung zu einem anderen Mann, was ihr Ehemann bis zuletzt nicht wusste. Als der Wathlinger keine Möglichkeit mehr sah, seine Frau zurückzugewinnen, habe er beschlossen, sie umzubringen. Dabei sei er am 3. Mai 2022 „konspirativ, geduldig und kreativ“ vorgegangen. „Es gab einen Tatplan“, so der Richter. Der Angeklagte wollte seine Frau töten und danach in den Ukraine-Krieg ziehen. Dies sei Ausdruck einer „fatalistischen Haltung“. Es sei dem Mann egal gewesen, was danach passierte.

„Konspirativ, geduldig und kreativ“

Der 38-Jährige setzte zunächst einen Bekannten auf seine Frau an, der sie im Landmarkt Eicklingen beobachten sollte. Er selbst folgte ihr schließlich mit einem geliehenen Auto nach Burgdorf, wo die 35-Jährige einen Beratungstermin bei einer Scheidungsanwältin hatte. Hüseyin C. wartete 20 Minuten, dann trat er an seine Frau heran. Es kam zu einem kurzen Wortwechsel. Was genau gesprochen wurde, konnte nicht geklärt werden. Das Gericht tendiert dazu, dass es den Satz „Hau ab, ich habe einen anderen“ nicht gegeben hat.

Die Verhandlung fand unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt.

Für das Urteil sei dieser Satz nicht entscheidend, so de Lippe. Fest steht, dass der Angeklagte ein Messer mit 19 Zentimeter langer Klinge in einer roten Brusttasche dabei hatte. Er stach 13 oder 14 Mal zu. Esra trug schwerste Verletzungen davon. Um 17.40 Uhr, knapp eine Stunde nach der Attacke, wurde sie für tot erklärt.

Suizid-Absichten glaubt Gericht nicht

Direkt an Hüseyin C. gewandt, sagt der Richter: „Dass Sie das Messer in suizidaler Absicht dabei hatten, glauben wir Ihnen nicht.“ Der Wathlinger hatte behauptet, dass er sich umbringen wollte, sollte seine Frau endgültig nicht zu ihm zurückkehren. Er floh nach der Tat zunächst nach Wathlingen. Dokumentiert ist eine Sprachnachricht an einen der beiden Söhne: „Ich liebe Euch. Ich habe das für Euch getan.“ Die Nachricht sorgt noch Monate danach beim Gericht für Fragezeichen. „Die Kammer kann sich den Inhalt dieser Nachricht nicht erklären“, sagt der Richter.

Tränen im Gericht

Hüseyin C., verfolgt die einstündige Urteilsbegründung mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen. Blickkontakt zu Esras Schwestern und den Angehörigen vermeidet er. Die Nebenklägerinnen weinen, als der Richter den brutalen Angriff mit einem Küchenmesser schildert.

Der Wathlinger ist nicht vorbestraft, das Gericht nahm ihm seine Reue ab. „Wir glauben Ihnen, dass Ihnen die Tat unendlich leid tut. Dass Sie Ihre Frau getötet haben, wird immer Teil Ihrer Biografie sein“, sagt der Richter an Hüseyin C. gewandt. Sein Verteidiger Matthias Waldraff, der auf 13 Jahren Haft wegen Totschlag plädiert hatte, ist nach dem Urteil nicht unzufrieden. „Für uns war wichtig, dass die besondere Schwere der Schuld nicht festgestellt wurde“, sagt er. Waldraff will Anfang der kommenden Woche mit Hüseyin C. das Urteil besprechen. Der Anwalt deutet an, dass die Verteidigung das Strafmaß akzeptieren könnte. Sollte es bei dem Urteil bleiben, könnte der Wathlinger frühestens nach 15 Jahren aus dem Gefängnis kommen.

„Wir können das Urteil nachvollziehen“, sagt Nebenklage-Vertreterin Antje Heister, die mit ihrem Kollegen Marco Neumann vier Schwestern von Esra vertrat. Die Nebenklage habe mit einer Verurteilung wegen Mordes gerechnet. "Wir glauben aber nicht, dass er die Tat wirklich bereut", so Heister.