Kaliberg

Hier tummeln sich Arten von der Roten Liste

Natur-Vielfalt an der Kalihalde in Wathlingen: Ein Reich für seltene Insekten vom Rehbraunen Erbsenwickler bis hin zum Schwalbenschwanz.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 02. Aug. 2022 | 12:07 Uhr
  • 02. Aug. 2022
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  • 02. Aug. 2022 | 12:07 Uhr
  • 02. Aug. 2022
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Wathlingen.

Seit Jahren wird in Wathlingen über den Kaliberg und seine Zukunft diskutiert. K+S plant eine Abdeckung der Halde mit Bauschutt und teilweise belastetem Bodenaushub. Dagegen gibt es Widerstand aus der Bevölkerung und eine Bürgerinitiative. Über die Zukunft der Halde wird aktuell in einem Mediationsverfahren gesprochen, an dem aber weder die Bürgerinitiative noch der Nabu teilnehmen. Wahrscheinlich werden am Ende doch die Gerichte über den Berg entscheiden.

Wertvoller Lebensraum für Tiere am Kaliberg verloren

Im Oktober 2019 wurde hier über die Artenvielfalt am Kaliberg berichtet. Seitdem ist viel passiert. Am Rand der Kalihalde wurde schweres Gerät eingesetzt. Auf einer asphaltierten Fläche von mehr als 2,5 Hektar entstand eine Recyclinganlage für Bauschutt. Hier soll der zukünftig anzuliefernde Bauschutt bearbeitet und für die Abdeckung aufbereitet werden.

In dem Zusammenhang wurden der asphaltierte Bereich sowie angrenzende Brachflächen eingezäunt. In dem rund sechs Hektar großen Bereich wurden Büsche und kleinere Bäume entfernt. Eine größere Anzahl gestapelter Betonbahnschwellen wurde ebenfalls abtransportiert. Durch diese Maßnahmen ging wertvoller Lebensraum für Vögel und Eidechsen verloren. Seit 2020 ist es sehr ruhig geworden – auf dem Recyclingplatz und um die Halde. Einzig der Wachdienst dreht einsam seine Runde.

Kaliberg in Wathlingen grenzt an Naturschutzgebiet Brand

Zeit, um mal wieder einen Blick auf die Natur zu werfen. Das Umfeld direkt um die Kalihalde ist sehr vielfältig. Im Westen ein Wald, der direkt an das Naturschutzgebiet Brand grenzt. Im Norden Heidelbeerplantage und Wiesen. Im Osten und Süden Ackerflächen, Heckenbereiche, Streuobstwiese und größere Brachflächen. Unterschiedlichste Lebensräume mit Potenzial für eine abwechslungsreiche Natur.

Blauflügelige Ödlandschrecke und Sandschrecke auf Roter Liste

Die sandigen Bereiche der Brachflächen sind die Heimat für zahlreiche, auch spezialisierte Insektenarten. Eine gefährliche Welt für kleine Tiere. Wildbienen graben Brutröhren für ihren Nachwuchs in den Boden. Auf den haben es die parasitisch lebenden Goldwespen abgesehen. Die bis zu zehn Millimeter großen Wespen fallen durch ihre metallisch glänzenden Farben auf. Es gibt viele Farbvariationen bei den rund 120 in Mitteleuropa vorkommenden Arten. Sehr flink sind die 15 Millimeter großen Dünen-Sandlaufkäfer. Mit ihren großen, zangenförmigen Mandibeln sind sie auf Insektenjagd. Und Insekten gibt es hier reichlich.

Ebenfalls am Boden leben die Blauflügelige Ödlandschrecke und die Blauflügelige Sandschrecke. Beide Arten werden auf der Roten Liste als stark gefährdet eingestuft. Sie sind hervorragend getarnt und werden oft erst entdeckt, wenn sie auffliegen. Dabei zeigen sie die blaue Färbung ihrer Hinterflügel. Ein Stockwerk höher lebt der Gefleckte Langrüssler. Als Spezialist für Trockenrasen und Brachflächen ist auch er im Bestand gefährdet. Von Juli bis September kann man ihn auf den Blüten des Rainfarns finden.

Sechs Arten vom Aussterben bedroht

Der Bereich der Blüten gehört neben vielen Schwebfliegen den Schmetterlingen. Hier konnten in den letzten drei Jahren mehr als 50 Arten im unmittelbaren Umfeld des Kalibergs nachgewiesen werden. Davon stehen 16 Arten auf der Roten Liste, sechs Arten als stark gefährdet und drei sogar auf der Rote Liste 1, also als vom Aussterben bedroht eingestuft.

Vom Wegerich-Scheckenfalter wurden im Mai 2022 mehrere Exemplare gleichzeitig gesehen. Die Raupen ernähren sich von Spitz-Wegerich und Wiesen-Flockenblumen, die in den Bereichen reichlich vorhanden sind. Das giftige Jakobs-Greiskraut ist die Futterpflanze für die Raupen des Karminbärs. Im Juni 2022 wurden seine Raupen an verschiedenen Greiskrautpflanzen gefunden.

Schwalbenschwanz legt Eier ab

Einer unser größten und schönsten Schmetterlinge ist der Schwalbenschwanz. Seine Flügelspannweite kann bis zu 75 Millimeter erreichen. Auf der Roten Liste wird er als stark gefährdet geführt. Seine Raupen bevorzugen Möhrenblätter als Nahrung. Diesen Falter sieht man bei uns leider nur noch sehr selten. Umso erfreulicher war im Mai 2022 die Beobachtung eines Schwalbenschwanzes bei der Eiablage. Im Juni konnten dann die Raupen an mehreren Pflanzen im Bereich des Kalibergs nachgewiesen werden.

Besondere Entdeckung an Südseite der Kalihalde

Eine besondere Entdeckung gelang im Mai 2020. Ein unscheinbarer kleiner Falter saß an einem Busch auf der Südseite der Kalihalde. Der eigentlich aus Süd- und Osteuropa stammende Rehbraune Erbsenwickler war ein Erstfund für Niedersachsen. Wo viele Insekten leben, findet man auch Vögel. Neuntöter, Bluthänflinge, Feldlerchen, Girlitze, Stieglitze und Goldammern haben im Umfeld des Kalibergs gute Lebensbedingungen. Sogar die in Deutschland stark gefährdeten Rebhühner haben dort ein Zuhause gefunden. Die Tiere und auch viele Menschen in Wathlingen werden hoffen, dass die Ruhe der letzten zwei Jahre am Berg anhält.

Gefährdete Schmetterlingsarten am Kaliberg

Art, Rote Liste,  zuletzt gesehen

Wegerich-Scheckenfalter  RL 1   Mai 2022

Großer Fuchs   RL 1   März 2022

Hartheuspanner   RL 1   Juni 2022

Schwalbenschwanz  RL 2   Juni 2022

Kaisermantel   RL 2   August 2021

Violettroter Kleinspanner  RL 2   Juli 2022

Ockerfarbiger Steppen-

heiden-Zwergspanner  RL 2   Juli 2022

Karminbär   RL 2   Juni 2022

Marmorierter Kleinspanner  RL 2   Mai 2022

Feldbeifuß-Mönch   RL 3   September 2021

Spitzflügel-Kätzcheneule  RL 3   Frühjahr 2022

Schwarzfühler-
Dickleibspanner   RL 3   Mai 2022

Kleiner Perlmutterfalter  RL V   Juni 2022

C-Falter    RL V   Juni 2022

Brauner Feuerfalter  RL V   September 2020

Pergament-Zahnspinner  RL V   Mai 2022

 

In den Roten Listen sind die gefährdeten oder vom Aussterben
bedrohten Tier- und Pflanzenarten aufgeführt.

Rote Liste 0 Ausgestorben

Rote Liste 1 Vom Aussterben bedroht

Rote Liste 2 Stark gefährdet

Rote Liste 3 Gefährdet

Rote Liste V Vorwarnliste (noch ungefährdet, verschiedene Faktoren könnten ein Gefährdung in den nächsten 10 Jahren herbeiführen)

 

Von Rolf Jantz