Junge Frau aus Wathlingen vergewaltigt und erstochen

Warum der Tod von Regina Fischer die Menschen auch nach 34 Jahren nicht loslässt

Es ist einer der ältesten ungelösten Mordfälle im Kreis Celle: Am 23. September 1988 wurde die 20-jährige Regina Fischer zwischen Wolthausen und Hassel im Wald getötet. Vom Täter fehlt jede Spur. Christina Stute war damals als eine der Ersten am Tatort und hat die Leiche im Waller Holz entdeckt. Das traurige Schicksal der jungen Frau aus Wathlingen lässt sie bis heute nicht los.

 

  • Von Simon Ziegler
  • 15. Sept. 2022
  • 21:23 Uhr
16. Sept. 2022
 
Wathlingen.

Es war der schlimmste Moment ihres Lebens. „Den Anblick werde ich nie vergessen. Ich war total geschockt“, sagt Christa Stute. Am 24. September 1988 war sie mal wieder im Waller Holz unterwegs. Wie so oft. Die heute 76-jährige Westercellerin engagiert sich seit Jahrzehnten im Celler Teckelklub. In dem Waldstück an der B3 haben die Hundefreunde ein Gelände. Dort wurde damals geübt, dass die Dackel Füchse aufspüren und verbellen. „Wir hatten an dem Morgen eine Prüfung“, sagt sie, „sogar aus Berlin kamen die Teilnehmer“.

„Den Anblick werde ich nie vergessen. Ich war total geschockt.“

Christa Stute, Spaziergängerin

Entkleidete Leiche im Waller Holz entdeckt

Als Christa Stute dort ankam, war an eine Prüfung nicht mehr zu denken. Denn auf dem Waldweg lag kein Pony oder Reh, wie sie zuerst dachte, sondern eine entkleidete Leiche. „Irgendeiner von den Berlinern hat die Polizei gerufen. Wie genau, weiß ich nicht mehr. Wir hatten ja noch keine Handys. Vielleicht hatte er ein Autotelefon“, sagt Stute, die heute stellvertretende Vorsitzende beim Teckelklub ist. Dann kam die Kripo in den Hasseler Totenweg, wie der Waldweg makabererweise heißt. Die Teilnehmer der Hundeprüfung wurden alle in den Michaelishof nach Offen gefahren und einzeln befragt. „Viel konnte ich leider nicht berichten“, erinnert sich Christa Stute.

20-Jährige wurde vergewaltigt

Regina Fischer war am Vorabend bestialisch erstochen worden. Tatwaffe war ein zwölf Zentimeter langes Messer, wie die CZ damals in dem Bericht „Ein grauenvoller Mord im Waller Holz“ schrieb. Der Täter hatte ihr mehrere Stiche im Brust- und Rückenbereich beigebracht. Die Obduktion ergab später, dass die 20-Jährige vergewaltigt worden war.

Einer der ältesten ungeklärten Morde

34 Jahre später ist der Mord an Regina Fischer noch immer nicht aufgeklärt. Dabei haben die Ermittler vieles versucht. Im Januar 1989 gingen sie in die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“. Im Jahr 2003 brachte ein Speicheltest im privaten Umfeld von Regina Fischer in Wathlingen keine Aufklärung. Knapp 300 Männer – Bekannte, Verwandte, ehemalige Mitschüler und Nachbarn – waren aufgefordert worden, Proben abzugeben und ihre DNA untersuchen zu lassen.

DNA-Tests bei Männern aus Wolthausen, Walle und Hassel 

2009 kam frischer Wind in die Ermittlungen. Das Landeskriminalamt (LKA) in Hannover hatte eine „operative Fallanalyse“ vorgenommen. Demnach hätte der Täter in direkter Nachbarschaft zum Leichenfundort gewohnt haben können, hieß es. Also überprüfte die Polizei alle Männer, die im September 1988 in Wolthausen, Walle und Hassel gewohnt hatten und damals zwischen 16 und 30 Jahre alt waren. Das Ganze zog sich über Monate, da die Männer inzwischen in ganz Deutschland verteilt lebten. Ein Mann war in die USA gezogen – er gab seine Probe während eines Urlaubs in Deutschland ab. Doch die 145 Tests waren alle negativ.

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Hinweise führen nach Großbritannien

Zehn Jahre später keimte erneut Hoffnung auf, einen der ältesten ungelösten Mordfälle im Kreis Celle doch noch aufzuklären. Es gab 2019 eine vage Spur nach Großbritannien. Die Staatsanwaltschaft in Celle berichtete, dass sie einem neuen Hinweis nachgehe, der auf einer molekular-genetischen Untersuchung basierte. Konkret wurden alte Spuren, die damals am Leichnam gefunden wurden, mit neuen Methoden abermals unter die Lupe genommen. Dabei war es gelungen, das vollständige DNA-Profil des mutmaßlichen Täters zu gewinnen. Und dieses Bild weise laut einer Studie Ähnlichkeiten mit DNA-Profilen aus, die häufig in Großbritannien vorkämen. Es gebe statistische Auffälligkeiten, so die Ermittler. Das Ergebnis war mal wieder ernüchternd: Ein Abgleich der mutmaßlichen Täter-DNA mit Datenbanken in Großbritannien hatte keinen Treffer gebracht.

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Es gibt keine heiße Spur mehr

Heute gibt es Ermittlungsansätze „leider nur noch in begrenztem Umfang“, wie die Celler Polizeisprecherin Birgit Insinger ehrlich einräumt. Als das vollständige genetische Profil erstellt wurde, habe man vermutet, dass der Täter aus Großbritannien stammen und eine Verbindung zu ehemaligen britischen Soldaten bestehen könnte. „Zu den zur Tatzeit in Bergen und Celle stationierten Soldaten und deren Begleitpersonal existieren nur unvollständige Papierakten“, so Insinger. Dieser Personenkreis wäre hinsichtlich des Aufenthalts zur Tatzeit, dem derzeitigen Aufenthaltsort und der Frage zu überprüfen, ob die Männer überhaupt noch leben, um dann eventuell eine freiwillige DNA-Untersuchung in Großbritannien in die Wege zu leiten. „Es bestehen also nur geringe, aber äußerst arbeitsintensive Ermittlungsansätze mit sehr geringen Erfolgsaussichten“, fasst Insinger den deprimierenden Stand zusammen. Anders gesagt: Eine Spur, noch dazu eine heiße, wird nicht mehr verfolgt.

„Zu den zur Tatzeit in Bergen und Celle stationierten Soldaten und deren Begleitpersonal existieren nur unvollständige Papierakten.“

Birgit Insinger, Polizeisprecherin

Kannte Regina Fischer ihren Mörder?

Die zentralen Fragen in dem Mordfall bleiben möglicherweise für immer unbeantwortet. Die junge Verkäuferin aus Wathlingen wollte in der Tatnacht ihren Freund von der Bundeswehr in Munster abholen, wo sie nie ankam. In der Nähe von Hassel, rund hundert Meter von der Bundesstraße entfernt, wurde am nächsten Morgen auf einem Waldweg ihre Leiche entdeckt. Bis heute weiß man nicht, warum sie mit ihrem beigefarbenen Ford Escort in den Wald gefahren ist, wo sie doch nach Munster wollte. Wurde sie gezwungen? Vielleicht von einem Tramper, obwohl sie nie Tramper mitnahm? Wenn ja, wo ist der Mann eingestiegen? In Wathlingen, in Celle, in Wolthausen? Kannte Regina Fischer ihren Mörder? Nahm sie ihn deshalb mit? Oder hatte sie Mitleid mit einem Tramper, weil es in der Nacht so stark geregnet hat?

So berichteten wir damals

Jäger in der Tatnacht in der Nähe des Tatorts

Quälende Fragen hatte sich auch Hans-Heinrich Averbeck gestellt, wie er der CZ im August 2009 berichtete. Er war am 23. September 1988 so nah dran am Tatort wie wohl kein anderer Mensch außer Täter und Opfer. Averbeck, später viele Jahre Kreisjägermeister, war 400 oder 500 Meter entfernt auf einem Hochsitz und hatte Wildschweine gejagt. In der stürmischen und lauten Nacht aber hat er keine Hilferufe gehört. Am nächsten Morgen fuhr er mit seinem Opel am Tatort vorbei. Er schaute nach rechts in den Waldweg, wie er es immer tat, „weil da oft Müll abgelagert wurde“, wie er sich erinnerte. In rund hundert Metern Entfernung sah er etwas – vielleicht war es ein Reh oder Rotwild, dachte er. Averbeck nahm sich vor: „Auf dem Rückweg guckste rein.“ Doch auf dem Rückweg hatte die Polizei den Weg bereits abgesperrt. „In einer anderen Nacht hätte ich etwas mitbekommen“, war er sich mehr als 20 Jahre danach sicher. Und dann? Was hätte er gemacht? Hätte er der jungen Frau aus Wathlingen helfen können? Wäre er vielleicht selbst das zweite Opfer geworden? Averbeck nahm diese Fragen mit ins Grab. Er starb 2019 im Alter von 85 Jahren.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür

Eltern des Opfers äußerten sich zum 20. Todestag

Der Vater und die Schwester von Regina Fischer wollen in der Öffentlichkeit nichts mehr zu dem Verbrechen sagen. Das bringe nichts, sagten sie dieser Tage der CZ. Zum 20. Todestag im September 2008 hatten sich die Eltern erstmals öffentlich geäußert. Sie hatten berichtet, wie der Tag ihr Leben zerstört hat, und erzählten, wie nachts um 3 Uhr das Telefon klingelte. Der Freund war dran und fragte, ob Regina bei den Eltern sei. Noch in der Nacht sind sie die Strecke nach Munster abgefahren, erst morgens um sieben Uhr kamen sie zurück. Irgendwann ist dann die Polizei bei ihnen aufgetaucht, sie hatten eine Ärztin mitgebracht.

Wie viele Angehörige von schrecklichen Verbrechen berichteten auch die Fischers, dass die Ungewissheit, was damals wirklich passiert ist, sie ungemein belaste. Sie könnten vielleicht ruhiger leben, wenn der Mörder endlich gefasst würde, hatten sie damals gemutmaßt. Bis heute hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Reginas Mutter starb vor drei Jahren. Das Grab von Regina Fischer auf dem Wathlinger Friedhof wurde schon vor Jahren aufgelöst.

Fall bewegt immer noch

Auch Christa Stute hat der Fall nie mehr losgelassen, obwohl sie die Tote persönlich nicht gekannt hat. Die 76-Jährige hat alles gelesen, was in den vergangenen Jahrzehnten über den Mord geschrieben wurde. Zeitungsartikel hat sie ausgeschnitten und aufgehoben. Vor allem für die Angehörigen wünscht die Westercellerin, dass der Fall endlich aufgeklärt wird. „Ich hoffe, dass der Täter nach so vielen Jahren doch noch gefasst wird“, sagt sie.

Nachgefragt bei Polizeisprecherin Birgit Insinger

Birgit Insinger (55) ist heute Polizeisprecherin in Celle. Sie hat sich seit 2009 als Ermittlerin zusammen mit ihrem Kollegen Stephan Lücking intensiv mit dem "Fall Regina Fischer" beschäftigt.

Was ist für Sie das Besondere an diesem Fall?

Das Besondere war, dass auf Grundlage eines durch operative Fallanalytiker vom LKA erstellten Täterprofils die Ermittlungen 2009 ein weiteres Mal aufgenommen wurden. Zum Tatzeitpunkt 1988 wurden Spermaspuren am Opfer gesichert. Damals war die Auswertung von DNA-Spuren noch nicht ausgereift. Die Spur am Opfer wurde konserviert. Neue kriminaltechnische Methoden ließen später auf einen Durchbruch in den Ermittlungen hoffen. Deshalb wurden bereits im Jahr 2003 nahezu 300 Männer einem Speicheltest unterzogen. Leider ohne Erfolg. Durch die Arbeit der operativen Fallanalyse wurde 2009 der Täterkreis bezogen auf Wohnort und Alter weiter eingegrenzt, so dass am Ende weitere 145 Männer in den möglichen Täterkreis einflossen und eine Speichelprobe abgaben. Der von uns lang ersehnte Treffer blieb jedoch aus.

Fühlt es sich für eine Polizistin nach Scheitern an, wenn der Täter nicht ermittelt werden kann? 

Dass die Ermittlungsarbeit nicht dazu führte, den Täter zu ermitteln, seiner gerechten Strafe zuzuführen und vor allem den Eltern des Opfers Gewissheit und endlich Ruhe zu geben, war natürlich unbefriedigend. Allerdings haben wir alles getan, was möglich war.

Gibt es noch eine realistische Chance, den Täter zu ergreifen?

Die Chancen sind gering. Manchmal jedoch kommt "Kommissar Zufall" zu Hilfe. Wir geben die Hoffnung nicht auf.