Esra-Prozess

Angeklagter soll mehrfach mit Mord gedroht haben

Sechster Tag im Esra-Prozess in Hildesheim: Am Montag haben zwei Schwestern und eine Nichte der getöteten Wathlingerin vor Gericht ausgesagt.

  • Von Simon Ziegler
  • 21. Nov. 2022 | 20:10 Uhr
  • 24. Nov. 2022
Esra aus Wathlingen wurde am 3. Mai in Burgdorf erstochen. Verhandelt wird vor dem Landgericht Hildesheim.
  • Von Simon Ziegler
  • 21. Nov. 2022 | 20:10 Uhr
  • 24. Nov. 2022
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Esra wurde nur 35 Jahre alt. 
Wathlingen.

Sie schildert den Angeklagten Hüseyin C. (37) als Mann mit zwei Gesichtern. Einerseits sei ihr Schwager ein freundlicher, humorvoller, auch gastfreundlicher Mann, sagt A., eine von Esras Schwestern. Andererseits sei er extrem aggressiv. Mehrfach habe der Wathlinger ihre Schwester Esra (35) mit dem Tod bedroht, so die 33-jährige Zeugin am Montag vor Gericht. Immer wieder bricht sie in Tränen aus, etwa als der Vorsitzende Richter sie fragt, wann sie das letzte Mal mit Esra telefoniert habe.

Vier Zeugen am Montag

Es ist der sechste Tag im Esra-Prozess am Landgericht Hildesheim. Nachdem in der Woche zuvor ehemalige Kollegen des Angeklagten vom Abfallzweckverband in Celle ausgesagt hatten, geht es jetzt um das familiäre Umfeld des Opfers. Esra hatte eine große Familie, alleine acht Schwestern. Vier Zeugen sind am Montag geladen: Eine jüngere Schwester (33), deren Mann (39), eine ältere Schwester (45) und eine Nichte (32).

Wathlingen, Nienburg, Celle

Das Gericht will herausarbeiten, was in den Tagen und Wochen vor der Bluttat am Dienstag, 3. Mai, genau geschehen ist. A., die jüngere Schwester, sagt, Esra sei zwei Wochen vor der Tat zuhause in Wathlingen ausgezogen. Beziehungsweise, Hüseyin C. habe seine Frau rausgeschmissen. Wenn sie nicht gehe, werde er sie umbringen, soll er gesagt haben. Sie sei dann zunächst zu der älteren Schwester gefahren, die am Montag auch aussagte und die genau wie Esra in Wathlingen lebt. Dort wollte sie aber nicht bleiben. Die Schwester ist mit einem Bruder des Angeklagten verheiratet.

Rechtsanwalt Matthias Waldraff mit seinem Mandanten beim Prozessauftakt.

Einen Tag später sei sie nach Nienburg gefahren, um bei der jüngeren Schwester unterzukommen. Zwei Nächte sei sie dort geblieben. Am Samstagabend, zehn Tage vor der Tat, sei dann auch Hüseyin C. zu ihr und ihrem Mann nach Nienburg gekommen, so die Zeugin. Hüseyin und Esras Schwester gerieten in Streit. Wieder soll es wüste Drohungen gegeben haben. „Er hat gesagt, dass er sie umbringt, wenn sie nicht nach Hause kommt“, so berichtet es A.s Mann. Esra war zu dem Zeitpunkt aber schon nicht mehr in Nienburg. Sie hatte sich ein Zimmer in einem Hostel in Celle gebucht, „weil sie ihre Kinder wieder sehen wollte“, wie die Schwester berichtet.

Die Verhandlung am Landgericht Hildesheim findet unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt.

Hüseyin C. trägt einen grauen Pullover. Sein Gesicht ist mit einer schwarzen Maske verdeckt. Zu den Zeugen nimmt er während des gesamten Verhandlungstages keinen Blickkontakt auf. Den größten Teil der siebenstündigen Verhandlung verfolgt er hinter seinem Anwalt Matthias Waldraff mit stoischem Blick. Einmal reibt er sich die Augen, als würde er weinen. Am Nachmittag ist ein Schluchzen zu hören.

Hochzeit aus Liebe

Esra und Hüseyin haben vor 18 Jahren geheiratet. Es sei keine arrangierte Hochzeit gewesen, sondern eine Heirat aus Liebe, sagt die jüngere der beiden Schwestern. Die beiden Zwillingssöhne sind heute fast 17 Jahre alt. Im Laufe der vergangenen Jahre muss sich das Verhältnis extrem verschlechtert haben. Im Sommer 2021 habe sich Esra bereits trennen wollen, im Frühjahr 2022 dann endgültig. Nach einer Reise in die Türkei im April habe sie ihren Koffer gar nicht mehr ausgepackt.

Ehe extrem zerrüttet

C., die ältere Schwester, berichtet von einem Telefonat, das sie in den letzten Wochen vor Esras Tod mit Hüseyin geführt habe. „Er hatte mich angerufen. Er hat geweint und mir erzählt, dass er zu Esra gesagt habe, dass er sich umbringen werde. Esra habe erwidert, das sei gut. Dann könne sie zu ihren Kindern zurück“, so die 45-Jährige.

Unklar ist bisher, ob Esra zu der Zeit einen neuen Freund hatte, wie das Esra selbst gegenüber ihrem Ehemann geäußert haben soll. Die Schwestern und die Nichte sagen, es gab keinen anderen Mann. Esra habe das gegenüber Hüseyin nur behauptet, damit er sie endlich in Ruhe lasse. Laut Verteidigung habe dieser seine Frau in Burgdorf attackiert, nachdem er dort von ihr erfahren habe, dass sie liiert sei.

Der Streit zwei Wochen vor der Tat

Der Vorsitzende Richter versuchte zu klären, was den Streit zwei Wochen vor der Bluttat konkret ausgelöst hat, in dessen Folge Esra auszog. Es ging nach den Schilderungen der Zeugen um eine Freundin der Getöteten, die in den Augen ihres Ehemannes ein schlechter Umgang für Esra sei. Streit habe es auch um Geld gegeben – Einnahmen aus einem Hausverkauf. Dieses Geld war auf ihrem Konto, nicht auf seinem. Er soll das Geld und die Autoschlüssel verlangt haben. Die Kinder seien hin- und hergerissen gewesen. Der eine Sohn wollte bei der Mutter bleiben, der andere beim Vater.

Urteil Ende Januar

Esra wurde am 3. Mai in Burgdorf mit 13 Messerstichen getötet, als sie auf dem Weg zu einem Scheidungsanwalt war. Hüseyin C. hat die Tat gestanden. Die Verteidigungsstrategie von Waldraff läuft darauf hinaus, dass es eine Affekttat gewesen sein soll. Die Nebenklägerinnen um Anwältin Antje Heister halten dies für nicht glaubhaft. Die Verhandlung wird an diesem Dienstag fortgesetzt. Das Urteil soll im Januar fallen.

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