Verbrechen nehmen beim Heuball in Marwede ihren Anfang

Schrotthändler macht Jagd auf Liebespaare in Celle und Umgebung

An den Heuball im Jahr 1968 erinnern sich die Menschen in Marwede noch immer: Am Rande des traditionellen Dorffestes wurde ein junges Liebespaar bei einem Mordversuch schwer verletzt. Die Gewalttat sollte der Auftakt zu einer ganzen Verbrechensserie werden. Als "Heuball-Schütze" und "Liebespaar-Schreck" versetzte der Schrotthändler Karl-Wilhelm D. aus dem Landkreis Gifhorn von 1968 bis 1971 eine ganze Region in Angst und Schrecken. 

  • Von Carsten Richter
  • 25. Aug. 2022
  • 12:31 Uhr
15. Sept. 2022
 
Marwede.

Der Heuball gehört zu Marwede wie das sagenumwobene „Mädchen Heide im Wasser“. Seit fast hundert Jahren ist das gute Tradition. Auch am Samstag, 3. September, wird wieder gefeiert. Nur ungefähr 200 Meter hinter der Lutter-Brücke, an der Gabelung Räderloher Weg/Bargfelder Weg, wurde der Heuball über viele Jahre hinweg veranstaltet. So auch im Jahr 1968. Es sollte ein Heuball wie in jedem anderen Jahr zuvor werden. Ausgelassen und fröhlich. Und so war es auch – eigentlich. Während jedoch die Dorfgemeinschaft am Abend und in der Nacht auf den 1. September (ein Sonntag) fröhlich tanzte und feierte, wurde in nur wenigen Metern Entfernung eine unfassbare Tat verübt. Was zu dem Zeitpunkt noch niemand wusste: Es sollte der Auftakt einer ganzen Gewalt-Serie werden, die sich weit über das Jahr 1968 hinaus erstreckte.

„Das Geschoss drang dem Jungen durch den Oberschenkel, dem Mädchen in den Unterleib, durchschlug die Leber und blieb in der Lunge stecken. Die Verletzungen des Mädchens sind lebensgefährlich.“

CZ vom 3. September 1968

Wie die Cellesche Zeitung am darauf folgenden Dienstag berichtete, hatte ein bis dato noch unbekannter Täter aus etwa 10 bis 15 Metern Entfernung auf die 15-jährige Ursula Z. und ihren 17 Jahre alten Freund Helmut D. geschossen. „Das Geschoss drang dem Jungen durch den Oberschenkel, dem Mädchen in den Unterleib, durchschlug die Leber und blieb in der Lunge stecken. Die Verletzungen des Mädchens sind lebensgefährlich“, heißt es im CZ-Bericht vom 3. September 1968.

„Das war damals ein großes Thema. Überall wurde gefragt: ‚Hast du schon gehört ...?‘“

Bewohner aus Marwede

Die Polizei gründete eine Sonderkommission, die sich um die Aufklärung des Mordversuchs kümmerte. Nach längerer Suche fanden die Beamten am Montag nach der Tat die Geschosshülse in unmittelbarer Nähe des Tatorts. Dieser befand sich maximal 200 Meter vom Heuball entfernt am Blickwedeler Weg.

Besucher des Heuballs in Marwede bemerken Verbrechen nicht

So nah dabei – und dennoch unbemerkt von den Heuball-Besuchern. Die meisten Menschen im Ort haben erst am nächsten Tag erfahren, was sich am Vorabend abgespielt hat. Ein heute 81-jähriger Dorfbewohner, der nicht mit Namen in der Zeitung stehen möchte, erinnert sich: „Das war damals ein großes Thema. Überall wurde gefragt: ‚Hast du schon gehört ...?‘“ Ansonsten geht es ihm wie den meisten Marwedern. Etwas mitbekommen von der kaltblütigen Tat hat er nicht.

In diesem Bereich am Blickwedeler Weg lauerte Karl-Wilhelm D. einem Liebespaar auf. Eine damals 15-Jährige wurde lebensgefährlich verletzt. 

„Das war ein richtiger Einschnitt“, blickt eine Einwohnerin zurück. „In der Umgebung hatten wir alle Angst“, sagt sie. Angst, dass sich die Ereignisse wiederholen und der Täter sich seine nächsten Opfer sucht. Die Sorge war berechtigt, wie sich schon nach wenigen Tagen herausstellen sollte. Aus dem Mordversuch wurde eine Serie, die sich von Celle bis in den Raum Helmstedt erstreckte. Das Ziel war immer dasselbe: Der Täter hatte es auf junge Liebespaare abgesehen.

Menschen in Marwede und Umgebung nach der Tat in Angst

„Es war aufregend. Die Polizei hat nach der Tat in allen Häusern gefragt“, erinnert sich eine 82-jährige Marwederin. Der unbemerkte Mordversuch an dem jungen Paar war Gesprächsthema Nummer eins im Dorf. „Die Leute haben sich den Kopf darüber zerbrochen“, erzählt sie. Dabei sei es vor allem um die Situation gegangen, in der der Täter seine Opfer angetroffen hat. Das Liebespaar habe sich ins Gras gesetzt, als der Täter aus einem Revolver eine Kugel abfeuerte, hieß es im Zeitungsbericht. Bei ihren Intimitäten ertappt – das sorgte für Debatten, besonders im von der sexuellen Revolution geprägten Jahr 1968. „Für das Mädchen tat es einem schon leid, in der Situation erwischt zu werden“, sagt die 82-jährige Einwohnerin.

So berichteten wir damals

„Der Vollmond schmunzelte zu den Zärtlichkeiten, die die jungen Leute miteinander tauschten“, schrieb die CZ knapp zwei Jahre später, nachdem beim Schützenfest in Meinersen ein 23-Jähriger erschossen und ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt wurde. Die Polizei stellte schnell einen Zusammenhang zum Fall in Marwede her.

Schüsse auf Liebespaar am Stadtrand von Peine

Die Hinweise verdichteten sich schon wenige Tage später. In der Nacht auf den 5. September wurde am Stadtrand von Peine zweimal auf ein Liebespaar geschossen, das in einem Auto saß. Weitere vergleichbare Taten ereigneten sich in den ersten Septembertagen 1968 außerdem am Ortsrand von Wolfenbüttel sowie in der Nähe von Bremen. Bei Wolfenbüttel wurde auf dem Parkplatz eines Ausflugslokals ein 23-Jähriger an Oberarm und Hand verletzt, seine 19-jährige Freundin blieb unverletzt. Einen Zusammenhang erkannte die Polizei aber zunächst nicht.

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"Nach mehreren Glas Bier habe ich das Verlangen nach Mädchen gespürt." 

Karl-Wilhelm. D. 1972 vor dem Schwurgericht Braunschweig

Es vergingen drei Jahre, bis die Ermittler dem Täter doch noch auf die Schliche kamen. Schützenfest Meinersen im Juli 1971: Vom Schützenplatz ging ein 23-Jähriger mit einer 14-Jährigen über die Straße zu einem Spielplatz, wo sie sich auf eine Bank setzten. Im damaligen CZ-Bericht hieß es: „Plötzlich aber fiel ein Schuss, der junge Mann sprang auf und brach – in den Rücken getroffen – sofort wieder zusammen.

Maskierter Täter springt plötzlich aus dem Gebüsch

Da sprang der maskierte Täter aus dem Gebüsch, packte das verstörte Mädchen und zog die zu Tode Erschrockene ein paar hundert Meter mit sich fort, wobei er sie ständig mit der Pistole bedrohte.“ Dann kam es zur Vergewaltigung, der Täter verschwand anschließend. Das Mädchen fasste ihren letzten Mut zusammen und hielt an der Straße ein Auto mit jungen Leuten an. Sie fuhren zum Tatort, sahen den 23-Jährigen tot auf der Erde liegen und alarmierten die Polizei.

Da sich die Taten ähnelten, vermutete die Polizei nun doch einen Zusammenhang zu Marwede und den anderen Sexualverbrechen. Am 16. Juli 1971 gab es schließlich einen Erfolg aus dem Kreis Gifhorn zu vermelden: „Liebespaar-Mörder in Grußendorf von der Polizei gefasst“, titelte die CZ. Karl-Wilhelm D., ein 31 Jahre alter Schrotthändler und verheirateter Vater von zwei Kindern, hatte die Gewalttat von Meinersen eingeräumt. D. wurde dem Haftrichter am Amtsgericht Gifhorn vorgeführt, der Haftbefehl erließ. Er habe nach mehreren Glas Bier „das Verlangen nach einem Mädchen“ gespürt, hatte er der Polizei gesagt. Entscheidend zur Aufklärung hatte die Tatwaffe beigetragen, die die Beamten auf dem Schrottplatz des 31-Jährigen gefunden hatten.

In Marwede hatte alles seinen Anfang genommen. Insgesamt gingen acht Anschläge auf Liebespaare – weitere Fälle gab es 1970 und 1971 bei Braunschweig und Helmstedt – auf das Konto von Karl-Wilhelm D.; er hat alle Taten gestanden.

Jahrelang wurde der Heuball in Marwede auf dem Platz an der Ecke Bargfelder Weg/Räderloher Weg (rechtes Bild im Hintergrund) gefeiert. Unweit vom Ort der Veranstaltung beging Karl-Wilhelm D. (rechts) 1968 einen Mordversuch – es sollte nicht sein letzter gewesen sein.

Ende 1972 begann schließlich der Prozess gegen den Schrotthändler. Unter der Anklage des Mordes, des fünffachen Mordversuchs und zweier „Notzuchtverbrechen“, wie die CZ damals schrieb, musste sich D. vor dem Schwurgericht Braunschweig verantworten. „Eigentlich wollte ich die Liebespaare nur beobachten. Wie ich schießen konnte, ist mir unerklärlich. Ohne Alkohol wäre das nicht passiert“, wird er am 2. Dezember 1972 zitiert.

Opfer, Ehefrau und Eltern des Täters stehen vor einem Rätsel

Vor einem Rätsel standen auch die Ehefrau und Eltern des bei Prozessbeginn 32 Jahre alten Schützen. Die Mutter sagte unter Tränen aus, Karl-Wilhelm sei "immer ein lieber, netter Junge" gewesen. "Auch heute noch." Schulunterricht hatte er zusammenhängend nur ein halbes Jahr bekommen, da seine Eltern als Schausteller und später als Schrotthändler stets unterwegs waren. Über sexuelle Themen wurde zu Hause nie gesprochen. Der Anblick von Liebespaaren habe ihn seit frühester Jugend sexuell erregt, sagte er. Als er älter war, habe er sich beim Angeln an Liebespaare herangeschlichen – immer mit der Angst, entdeckt zu werden. Eine Pistole habe er sich gekauft, um sich Respekt zu verschaffen. Seine Straftatenserie begann, als ein Arzt bei ihm eine Geschlechtskrankheit festgestellt und ihm untersagt hatte, in der Ehe intim zu werden. An das Verbot will er sich strikt gehalten haben.

Karl-Wilhelm D. wurde schließlich zu 15 Jahren Freiheitsstrafe in der Justizvollzugsanstalt Celle I verurteilt. Danach sollte er in einer Heil- und Pflegeeinrichtung untergebracht werden. Nach einem Ausgang, der ihm am 3. Juli 1986 gewährt worden war, kehrte er erst am 10. November des Jahres freiwillig zurück. Vorher war bundesweit nach ihm gefahndet worden. Am 21. April 1987 sollte er in Heil- und Pflegeverwahrung genommen werden – davor hatte er Angst.

Heuball-Schütze zu 15 Jahren Haft verurteilt

Wie sein Leben von da an weiterging, lässt sich 35 Jahre später nicht mehr rekonstruieren. "Die Aufbewahrungsfrist von Dokumenten/Akten ist bereits lange überschritten", teilt JVA-Sprecherin Linda Holexa auf CZ-Anfrage mit. Auch das Landesarchiv in Stade, das historisch relevante Dokumente von der Celler JVA bezieht, hat keine weiterreichenden Informationen. "Die Gefangenenpersonalakte schließt mit der Angabe, dass Karl-Wilhelm D. nach Verbüßen der Haftstrafe 1987 in eine Pflege- und Heilanstalt gebracht werden soll", so ein Sprecher.

Das in Marwede schwer verletzte Mädchen stammt aus einem Nachbardorf und lebt dort auch heute noch – über das Thema mit der Presse sprechen möchte sie aber nicht.

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