Feuerwerksopfer berichtet

Unterlüßer nach Silvester-Unfall auf einem Auge blind

Seit einem Unfall in der Silvesternacht ist Lucas-André Welsch aus Unterlüß auf dem linken Auge blind. Wie der 18-Jährige mit der neuen Situation umgeht, was ihm Hoffnung macht und wovor er andere dringend warnt. 

  • Von Christopher Menge
  • 18. Jan. 2023 | 10:03 Uhr
  • 20. Jan. 2023
Lucas-André Welsch verlebte einen schönen Silvesterabend, bevor es zum Unglück kam. Ein Feuerwerkskörper nahm ihm sein Augenlicht.
  • Von Christopher Menge
  • 18. Jan. 2023 | 10:03 Uhr
  • 20. Jan. 2023
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Unterlüß.

Dieser Moment hat das Leben von Lucas-André Welsch komplett verändert. In der Silvesternacht zündeten er und ein Freund bei einer Feier in Sehnde Römische Lichter. "Ich bin auf ihn zugegangen, wir dachten, dass sie leer sind", erzählt Welsch. Doch die letzte Kugel aus dem Feuerwerksrohr seines Kumpels schoss in sein linkes Auge. "Ich habe mich sofort auf den Boden geschmissen und geschrien", sagt der 18-Jährige. "Es hat sich angefühlt, als ob die Sonne direkt in mein Auge geflogen ist." Es sei wie der Moment gewesen, in dem man in einem Alptraum aufwacht. "Aber ich bin nicht aufgewacht", sagt der Unterlüßer. Ob er auf dem linken Auge jemals wieder sehen kann, ist unklar.

Feuerwerkskörper schießt jungem Mann ins Auge

"Meine Freundin hat mir ins Auge geschaut und gesagt, dass wir sofort nach Hause müssen", erzählt Welsch. In der Wohnung seines besten Freundes blickte er in den Spiegel und realisierte sofort, dass es etwas Ernstes ist.

"Ich habe ein großes Loch in meinem Auge gesehen und sofort nach einem Krankenwagen gerufen."

Lucas-André Welsch (Feuerwerksopfer)

Unterlüßer in Angst: Wie sage ich es meiner Familie 

"Ich habe ein großes Loch in meinem Auge gesehen und sofort nach einem Krankenwagen gerufen", sagt der Unterlüßer, der zu dem Zeitpunkt auf dem Auge noch etwas sehen konnte. "Ich hatte einen komplett schwarzen Punkt im Auge, oben und unten konnte ich noch etwas durchsehen", berichtet Welsch. Zuvor habe er die "Magnesiumkugel aus dem Auge rausgepult, während sie noch geglüht hat". "Das hört sich sehr eklig an, aber hätte ich das nicht gemacht, wäre wahrscheinlich gar keine Chance auf Besserung vorhanden", sagt Welsch.

Im Rettungswagen war seine größte Angst zunächst, wie er es seiner Familie und vor allem seiner Mutter beibringen könne, ohne dass sie sich zu große Sorgen machen. "Ich dachte, dass ich mit einem blauen Auge davon komme", sagt Welsch, der vor einem knappen Jahr gerade einen schweren Autounfall überstanden hatte. Aber dieses Mal hatte er weniger Glück.

Feuerwerksopfer wird in der Medizinischen Hochschule Hannover behandelt

Als erstes Feuerwerksopfer im neuen Jahr kam Welsch in die Medizinische Hochschule Hannover. "Ich habe ohne Narkose eine Spritze ins Auge bekommen und ich habe dabei zugesehen, dabei habe ich höllische Angst vor Spritzen. Alle haben mich festgehalten, ich habe mich festgehalten", erzählt der 18-Jährige. "Dann wurde geschnippelt, rausgeholt und gesäubert." Nach der Operation war er auf dem Auge komplett blind. "Die zweite Operation wurde verschoben, weil weitere Silvesteropfer eingeliefert wurden", sagt Welsch. "Das habe ich akzeptiert, den anderen ging es noch viel schlechter. Bei mir war es zum Glück nur ein Auge."

Video von Lucas Welsch hat vier Millionen Aufrufe auf TikTok

Noch am Neujahrstag wurde Welsch aber ein zweites Mal operiert. Über sein Auge wurde ein Stück Plazenta genäht. Zuvor hatte er auf dem sozialen Netzwerk "TikTok" noch ein Video hochgeladen – eigentlich nur um Freunde und Familie über seinen Zustand zu informieren. Als der Unterlüßer aus der Narkose aufwachte, hatte dieses Video drei Millionen Aufrufe, inzwischen wurde es von vier Millionen TikTok-Nutzern gesehen. Inzwischen informiert er täglich seine rund 30.000 Follower über seinen Zustand. Sein Kumpel, der das Römische Licht in der Hand hatte, aus dem die Kugel in sein Auge schoss, hat sich dagegen bis heute nicht gemeldet. "Da herrscht Funkstille", erzählt der Auszubildende.

Therapie nach Unfall mit Pyrotechnik wird zu Hause weitergeführt 

Am vergangenen Freitag durfte Lucas-André Welsch, der in Faßberg eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker absolviert, das Krankenhaus verlassen. "Ich kann die Therapie zu Hause weiterführen", sagt der 18-Jährige, der vor zwei Jahren mit seinen sechs Geschwistern und seinen Eltern nach Unterlüß gezogen ist.

Alltag für Feuerwerksopfer schwierig 

"Wenn ich die Unterstützung meiner Familie nicht hätte ...", sagt Welsch. Es sei anders, als wenn man sich ein Auge zuhalte. "Es ist alles eingeschränkt, dreidimensional kann ich gar nicht sehen", sagt das Feuerwerksopfer. Wenn er etwas in die Hand nehmen wolle, greife er daneben. "Ich laufe ständig irgendwo gegen", ergänzt der 18-Jährige. "Ich muss jetzt damit umgehen und hoffen." Er habe es akzeptiert, dass er für immer auf seinem linken Auge blind sein könnte.

Doch Lucas-André Welsch will sich damit gar nicht beschäftigen – frei nach dem Motto "Wer positiv denkt, dem wird Positives widerfahren". "Es besteht die Chance, dass ich wieder sehen kann", sagt der Unterlüßer. Diesen Moment sehne er herbei. "Auch wenn es eine langjährige Geschichte wird." Ein erster kleiner Erfolg hat sich zumindest eingestellt. "Hell und dunkel kann ich wieder erkennen", sagt Welsch.

"Ein Kleinfeuerwerk aus der Kinderpackung hat mir mein Augenlicht genommen."

Lucas-André Welsch (Feuerwerksopfer)

Böller-Opfer will andere mit seiner Geschichte warnen 

Er erzählt seine Geschichte auch, um andere Leute zu warnen. "Das waren keine Polen-Böller, sondern deutsches Feuerwerk", sagt der 18-Jährige. "Ein Kleinfeuerwerk aus der Kinderpackung hat mir mein Augenlicht genommen." Dabei sei Silvester immer sein liebster Feiertag gewesen. "Ich mag Feuerwerk", sagt Welsch. "Aber es ist kein Spielzeug."