Prozeß gegen „Heuball-Schützen'' begann

Liebespaar-Schreck D. wegen Mordes und fünffachen Mordversuchs angeklagt

Nach der Serie an Überfällen auf mehrere Liebespaare in Niedersachsen muss sich der gefürchtete Heuball-Schütze vor Gericht verantworten und seine Taten erklären. So berichtete die CZ am 2. Dezember 1972 über den Prozessauftakt gegen den Schrotthändler aus dem Landkreis Gifhorn. 

  • Von Cellesche Zeitung
  • 02. Dez. 1972 | 17:33 Uhr
  • 25. Aug. 2022
So berichtete die CZ am 2. Dezember 1972 über den Prozessauftakt gegen den Heuball-Schützen.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 02. Dez. 1972 | 17:33 Uhr
  • 25. Aug. 2022
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Marwede.

Unter der Anklage des Mordes, des fünffachen Mordversuchs und zweier Notzuchtverbrechen muß sich seit Freitag der berüchtigte „Liebespaar-schreck“ K.-W. D. aus Grußendrorf (Kreis Gifhorn) vor dem Schwurgericht in Braunschweig verantworten. Die Anklage wirft dem 32 Jahre alten Schrotthändler vor, am 11. Juli vorigen Jahres in Meinersen (Kreis Gifhorn) auf ein Liebespaar geschossen und dabei den 23 Jahre allen Schaustellergehilfen Günther H. aus Leeseringen (Kreis Nienburg) getötet zu haben. Bei fünf Mordversuchen an Liebespaaren, bei denen er laut Anklage seinen Geschlechtstrieb befriedigen wollte, soll er sechs Menschen zum Teil schwer verletzt haben. An zwei der Überfallenen Frauen verübte er Notzuchtverbrechen. Zu dem Prozeß sind 36 Zeugen und fünf Sachverständige geladen.

Angeklagter: Ohne Alkohol wäre das nicht passiert

Vor vollbesetzten Zuschauerbänken bezeichnete sich der Angeklagte als „richtiges Muttersöhn-chen“. Er sei als Kind schwächlich und oft krank gewesen. Vor den im Gerichtssaal anwesenden Verwandten wollte er sich jedoch nicht über die sexuellen Vorgänge äußern, die ihn 1968 zum ,.Heuball-Schützen“ von Marwede (Kreis Celle) und schließlich 1971 zum „Schützenplatz-Mörder“ von Meinersen werden ließen. „Eigentlich wollte ich die Liebespaare nur beobachten“, sagte er vor Gericht. „Wie ich schießen konnte, ist mir unerklärlich. Ohne Alkohol wäre das nicht passiert,“ Die alte Armeepistole, die er 1968 für 30 Mark in Celle erworben hatte, führte er immer im Führerhaus seines Lastwagens mit sich, wenn er eine Schrott-Sammelfahrt unternahm.

Ehefrau und Eltern stehen vor einem Rätsel

D., so ergab die Vernehmung des Angeklagten, hat nur etwa ein halbes Jahr zusammenhängend den Schulunterricht erhalten, weil seine Eltern zunächst als Schausteller und später als Schrotthändler stets unterwegs waren. Als seine Hobbys nannte D. Autos. Angeln und Sammeln alter Waffen. Von sexuellen Dingen war in der Familie nie die Rede. „Da schämte sich einer vor dem anderen“.

Ehefrau verweigert die Aussage

Sowohl die gleichaltrige Ehefrau Ds., die vor Gericht in hohen Lackstiefeln und einem superkurzen Pelzmantel auftrat, als auch die Eltern — der Vater Analphabet — stehen vor
einem Rätsel, wie „Jonny“ die ihm zur Last gelegten Taten begehen konnte. Die Mutter sagte unter Tränen aus. K.-W. sei, „immer ein lieber, netter Junge“ gewesen, „auch heute noch“. Die Ehefrau dagegen verweigerte die Aussage. Sie meinte nur: „Ich halte weiter zu ihm“. Sie gestattete jedoch, daß die als Sachverständige berufene Sexualwissenschaftlerin Frau Professor Dr. Elisabeth Müller-Luekmann (Braunschweig) die während der Prozeßvorbereitung gegebenen Schilderungen des ehelichen Lebens verwenden darf.

Am Nachmittag erörterte das Schwurgericht die sexuellen Motive des Liebespaar-Attentäters. Da-bei ergab sich, daß der knapp 1.60 Meter große, schmächtige Mann seit frühester Jugend durch den Anblick von Aktfotos und Liebespaaren erregt wurde. Als er älter war. schlich er sich beim Angeln an Liebespaaren heran, wobei er stets Angst hatte, entdeckt zu werden. Aus diesem Grund habe er sich eine Pistole gekauft, um sich Respekt verschaffen zu können. D. konnte sich nicht genau erinnern, wie es beim Heuball von Marwede am 1. September 1968 dazu kam. daß er zum ersten Mal auf einen Menschen schoß. „Ich muß unter einem sexuellen Zwang gehandelt haben“, sagle er. Danach will er „wie erlöst“ gewesen sein. Vor Gericht wurde bekannt, daß Ds. Straftatenserie zu dem Zeitpunkt begann, als ein Arzt bei ihm eine Geschlechtskrankheit festgestellt hatte und dem 32jährigen untersagte, in der Ehe intim zu werden. An diese Verbot will sich der Angeklagte strikt gehalten haben.

Der Text ist am 2. Dezember 1972 im Original in der Celleschen Zeitung erschienen. Wir haben lediglich die gefetteten Zwischenzeilen hinzugefügt.