Schwangere Tote am Lönsstein

Oberstaatsanwältin beantragte 13 Jahre Strafe im Fall Brigitte Tolle

Die schwangere Brigitte Tolle wird bei Müden tot aufgefunden. Ihr Lebensgefährte wird mit der Tat in Verbindung gebracht. So berichteten wir am 1. Februar 1990.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 08. Aug. 2022 | 11:38 Uhr
  • 23. Aug. 2022
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Müden.

Eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren wegen Mordes beantragte Oberstaatsanwältin Siegrid Kindervater gestern im Indizienprozess gegen den 30jährigen Kellner Hartmut F. aus Müden (Örtze) vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Lüneburg. Sie sieht als erwiesen an, daß der Angeklagte seine 34jährige Lebensgefährtin, die Postbedienstete Brigitte Tolle aus Hermannsburg, am Lönsstein bei Müden erstochen hat. Dort wurde die Leiche der Frau, die von F. ein Kind erwartete, am Morgen des 4. Mai 1989 gefunden.

Oberstaatsanwältin: Hartmut F. hat Brigitte Tolle getötet

Nach der Überzeugung der Anklägerin handelte der Kellner aus niedrigen Beweggründen im Zustande verminderter Schuldfähigkeit. F. beteuerte von Anfang an seine Schuldlosigkeit. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Gerhard Schäfers (Celle), plädierte auf Freispruch. Der Angeklagte im Schlußwort: „Ich habe da nichts mehr zu sagen.“ Der Zuhörerraum war fast voll besetzt, als die Oberstaatsanwältin, die von der ersten Stunde an den Fall bearbeitete und ihn nicht mehr aus den Augen verlor, ihr genau 100 Minuten dauerndes Plädoyer hielt. Sie schilderte unter der Verwertung der in der Beweisaufnahme gehörten Zeugenaussagen und Sachverständigengutachten die Beziehung des Angeklagten zu der Postbediensteten, die Vorfreude der jungen Frau auf ihr Baby und auf den Tag der Hochzeit, auch Spannungen, begründet unter anderem in den Beziehungen des jetzigen Angeklagten zu einer anderen Frau, schließlich kam die Oberstaatsanwältin auf das Verhalten von F. am Abend des 3. Mai 1989 und in der Nacht zu sprechen, in der er Brigitte Tolle telefonisch als vermißt meldete.

Chefanklägerin aus Celle rekonstruiert Bluttat

„Am Abend des 3. Mai 1989 begeben sich Brigitte Tolle und Hartmut F. zur Bank am Lönsstein, wo sie sich früher oft aufgehalten haben. Der Angeklagte greift zu einem Messer, sticht auf sie ein, schlägt auch auf ihren Schädel, versetzt der am Boden Liegenden eine Vielzahl von Stichen, schlägt mit einem unbekannten Gegenstand ihren Schädel ein und fährt mit dem Auto in sehr hoher Geschwindigkeit über die Heidefläche fort, nach Munster, wo er das Fahrzeug stehen läßt", beschreibt die Oberstaatsanwältin das aufsehenerregende Verbrechen in der lauen Nacht zum Himmelfahrtstag. So jedenfalls sieht die Chefanklägerin aus Celle die Bluttat. Sie hat keinen Zweifel an der Täterschaft von Hartmut F., der keinerlei Gefühlsregungen erkennen läßt, aber die ganze Zeit den Ausführungen mit größter Aufmerksamkeit genauso konzentriert lauscht wie sein Verteidiger, der später darangehen wird, das Plädoyer der Oberstaatsanwältin zu zerpflücken.

Verhalten belastet Hartmut F.

Die Angaben über seinen Fußmarsch nach Bergen seien widerlegt, heißt es im Schlußvortrag der Oberstaatsanwältin weiter. Sein Verhalten in mehreren Lokalen belaste ihn. Das Telefonieren zu später Stunde (unter anderem mit der Polizei), die telefonische Vermißtenmeldung, die „Ahnung“ von „etwas Schlimmem“, das Vorlesen des Entwurfs eines Schreibens an den nicht näher bekannten Freund „Thomas“, die nach dem Auffinden des Wagens von Brigitte Tolle sofort bemerkten Veränderungen (andere Einstellung des Sitzes, anderes Abstellen, sonst unübliches Einlegen des Gangschalthebels) an dem Fahrzeug, alles das zählte die Oberstaatsanwältin als Indizien auf, die zur Überführung des Angeklagten geeignet seien.

Wer war Thomas?

Gleichfalls breiten Raum nahm in dem Plädoyer das Ver-halten von Hartmut F. nach dem 19. Juni 1989 ein, an dem die Mappe mit den Personalpapieren von Brigitte Tolle im Interregiozug 1777 beim Zugführer als Fund abgegeben wurde. Kein anderer als Hartmut F. habe die Sachen in dem Zug platziert, um eine Spur zu seiner Entlastung zu legen. Nochmals ging die Oberstaatsanwältin auf den ominösen „Thomas“ ein, der aus dem Verfahren nicht wegzukriegen ist, denn eines steht fest: Brigitte Tolle hat den Brief „An Thomas" mit eigener Hand zu Papier gebracht. Warum? Diese Frage wird man nie beantworten können. Aber Oberstaatsanwältin Siegrid Kindervater: „Nach meiner Meinung gibt es den ,Thomas' nicht!" Der Inhalt des Schreibens sei ja nachweislich falsch. Nach dem Gutachten des Rechtsmediziners Professor Tröger von der Medizinischen Hochschule Hannover ist ja das im Brief erwähnte Baby von Hartmut F.

Führte Druck zur Heirat zum Mord?

Das Motiv? „Brigitte Tolle liebte den Angeklagten und wollte noch vor der Geburt des Kindes von ihm geheiratet werden. Die Spannungen steigerten sich in den letzten Tagen zum Konflikt. Der Angeklagte wollte nicht als Ehemann in die Pflicht genommen werden. Er wollte weiterhin die Geborgenheit bei Brigitte Tolle genießen, aber nach wie vor seinen Neigungen nachgehen.“ Zur rechtlichen Würdigung: „Es sind niedrige Beweggründe anzunehmen.“ Die Grausamkeit allerdings sei nicht zu beweisen. Alkohol und Erregung könnten zur verminderten Schuldfähigkeit, die man zugunsten des Angeklagten annehmen müsse, geführt haben. Die Oberstaatsanwältin beantragte weiter, den Haftbefehl gegen den Angeklagten wieder in Vollzug zu setzen.

Keine schlüssige Indizienkette

Rechtsanwalt Gerhard Schäfers (Celle) stellte zu Beginn seines Plädoyers fest, daß es „keiner Diskussion darüber“ bedürfe, „daß hier ein scheußliches Verbrechen verübt“
worden sei. Aber man habe nichts, durch das der Angeklagte zu verurteilen sei. „Was wir hier haben, sind Hilfstatsachen, bei denen jede Beziehung zur Tat fehlt.“ Denn wenn nur eine einzige Hilfstatsache zusammenbreche, dann stürze das ganze Gebäude zusammen. Alles sei zweideutig. Die schlüssige Indizienkette sei eben nicht vorhanden. Der Grundsatz „in dubio pro reo“ gelte auch für Zeitangaben, man wisse ja gar nicht, wann die Tat passiert sei. Im Zweifel müsse die von Professor Tröger „unter normalen Bedingungen“ anhand der Körpertemperatur der Getöteten vermutete Tatzeit von 0.35 Uhr um zwei Stunden zurückverlegt werden, denn in der lauen Maiennacht habe sich die Leiche wieder aufgewärmt.

Anderer Mann soll am Tatort gesehen worden sein

Der Verteidiger kam bei seinen Berechnungen darauf, daß dem Angeklagten höchstens fünf Minuten für das Wiedertreffen mit Brigitte Tolle, für die Fahrt zur Bank am Lönsstein, für die Auseinandersetzung, für die Tat, für den Kampf, für das Wegfahren und das Fortschaffen des Wagens nach Munster zur Verfügung gestanden hätten. Besonderen Wert legte Rechtsanwalt Schäfers darauf, daß durch Zeugenaussagen gesichert sei, daß ein Mann von etwa 1,85 Meter Größe in einem vom Tatort wegjagenden Wagen gesehen worden sei. Der Angeklagte aber sei gut zehn Zentimeter kleiner. „Und was ist mit dem Messer? Irgendwann taucht das Messer auf. Und ein blutiges Frotteetuch. Aus dem Haushalt ist es nicht. Alles ,Drumherum' ist nichts. Wenn es keine Erklärung gibt, dann müssen wir akzeptieren, daß eben nichts da ist. Es gibt nichts Halbes und nichts Ganzes in dem Fall.“

Fund im Interregio 1777

Der Verteidiger ging weiter: „Und wenn es einen ,Thomas' nicht gegeben hat, ja was wäre denn dann? Dann wäre immer noch gar nichts ... Und wie soll er in der kurzen Zeit das Auto nach Munster schaffen?“ Nach dem Gutachten des Sachverständigen könne F. - eben wegen der Größe - nicht gefahren sein. Zum Fund im Interregio 1777 legte der Anwalt Wert darauf, daß der Zugführer ausgesagt habe, große Reinigungen in diesen Zügen würden nur alle paar Wochen vorgenommen: und nicht einmal dann wäre sicher, daß der Fund entdeckt werde. Und der sich voll ins Zeug legende Verteidiger weiter: „Nehmen wir aber einmal an, der Angeklagte hätte die Mappe mit den Papieren im Zug abgelegt. Ja, was besagt das denn? Er könnte sie ja in den Sachen gefunden haben, die der geschiedene Ehemann von Brigitte Tolle ihm vor die Tür gestellt hatte. Und dann brennt so etwas heiß. Also weg damit! Sollte F. denn mit dem Fund zur Kripo gehen? Nachdem er schon einmal beim Haftrichter war?“

Psychiater: "Tat und Täter passen nicht zusammen"

Der Verteidiger versäumte nicht, auch daraufhinzuweisen, daß der Psychiater Professor Venzlaff ausgeführt hat, „Tat und Täter passen nicht zusammen“. Deswegen und weil nicht ausgeschlossen werden könne, daß ein größerer Mann das Auto weggefahren habe und auch der Täter sein könne, weiter wegen des Nichtwissens um die genaue Tatzeit und darum, wie der Täter zum Lönsstein gekommen sei, beantragte er den Freispruch. Hilfsweise fordere er ein Gutachten über die Glaubwürdigkeit der als Zeugin vernommenen Freundin des Angeklagten. Richter Walther Reinecke will das Urteil am Donnerstag nächster Woche um 15 Uhr verkünden.

Der Text ist am 1. Februar 1990 im Original in der Celleschen Zeitung erschienen. Wir haben lediglich die gefetteten Zwischenzeilen hinzugefügt. 

Von Enno B. Bruns