Freispruch

Richter: „Nicht jeder, der lügt, ist ein Täter“

Die schwangere Brigitte Tolle wurde am Lönsstein bei Müden ermordet. Darum hat das Gericht Hartmut F. freigesprochen. So berichtete die CZ am 9. Februar 1990.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 08. Aug. 2022 | 11:39 Uhr
  • 23. Aug. 2022
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  • 23. Aug. 2022
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Müden.

77 Minuten nach Beginn der sehr ausführlichen Urteilsbegründung sprach Richter Walther Reinecke im Sitzungssaal der Schwurgerichtskammer des Lüneburger Landgerichts die Worte: „Die Sitzung ist geschlossen!“ Damit endete ein ungewöhnlicher Indizienprozeß um einen schrecklichen Frauenmord, der großes Aufsehen bei seiner Entdeckung erregt hatte und heute nach wie vor Gesprächs- und Diskussionsthema ist. Das gilt vor allem für den Raum Müden (Örtze)/Hermannsburg. Hartmut F., Kellner aus Müden, hörte seinen Freispruch.

Indizienprozess um Frauenmord bei Müden

Er verzog keine Miene, der schlanke Angeklagte, der wie immer ein weißes Hemd zur dunklen Hose trug, der mit ebenso dunklem Mantel neben seinem Verteidiger Gerhard Schäfers den langen Gang zum Schwurgerichtssaal durchschritten hatte und wieder seinen schwarzen Aktenkoffer trug. Was würde der Chronist geben, wenn er erfahren könnte, mit welchen Gedanken der Angeklagte zum letzten Prozeßtage nach Lüneburg gefahren war!

Freispruch für Angeklagten Hartmut F.

„Der Angeklagte wird freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens und die notwendigen Auslagen des Angeklagten trägt die Landeskasse.“ Das war das Urteil. Zu denen, die keine Reaktion zeigten, gehörten auch Oberstaatsanwältin Siegrid Kindervater und Rechtsanwalt Gerhard Schäfers (Celle), der als Verteidiger auf einen ganz großen Erfolg stolz sein kann. Die Schwurgerichtskammer war auf weiten Strecken den Ausführungen seines Plädoyers gefolgt. „Es gab kein Geständnis, keine direkten Zeugen waren vorhanden“, sagte Richter Walther Reinecke eingangs. „Die Feststellungen reichten nicht aus. Begründete Zweifel an der Täterschaft sind geblieben.“ Der Vorsitzende stimmte der Oberstaatsanwältin zu: „Viele Tatsachen und Überlegungen gibt es, die Verdacht erregen.

Keine Zeugen

Aber bei diesen Verdachtsmomenten bleiben auch Lücken, die wir nicht ausfüllen können. Und es gibt auch Punkte, die gegen die Täterschaft sprechen. Es reicht oben nicht, das Verbrechen aufzuklären." Richter Walther Reinecke ging auf die Beweisführung der Oberstaatsanwältin ein und gab die Meinung der Strafkammer wieder, nach der „die Konstruktion der Staatsanwaltschaft nicht trägt“. Dazu einige Überlegungen des Gerichts:

• es gibt keine konkreten Beweise dafür, daß sich Hartmut F. und Brigitte Tolle am Abend des 3. Mai 1989, an dem die junge Frau den Freund abgesetzt hatte, wieder getroffen haben,
• es gibt keine objektiven Anhaltspunkte für eine Fahrt zum Lönsstein,
• es gibt keine Zeugen und keine anderen Anhaltspunkte für den Mord,
• die Tatwaffe wurde nie gefunden.

Die Konstruktion der Staatsanwaltschaft setze voraus, sagte der Vorsitzende, daß F. nach dem Mord mit dem Wagen die etwa 16 Kilometer lange Strecke nach Munster gefahren sei. Nicht erkennbar sei für das Gericht, warum er das getan haben sollte. Er sei unterwegs nicht gesehen worden.

"Dorf-Don-Juan"

In dem von zwei Zeugen beobachteten blauen Mercedes (wie ihn Brigitte Tolle besaß)
hatten zwei Zeugen einen Mann gesehen, der größer als der Angeklagte gewesen sei. F. hätte, wäre er getrampt, in einem fremden Fahrzeug die 30 Kilometer von Munster nach
Bergen zurücklegen müssen. Niemand habe sich gemeldet und mitgeteilt, den Angeklagten aufgenommen zu haben. „Nach allem: Es gibt keine konkreten Beweise für den von der Staatsanwaltschaft angenommenen Geschehensablauf.“ Der Vorsitzende vergaß dabei nicht, festzuhalten, daß der Angeklagte freilich kein Alibi hat.

„Die Annahme der Staatsanwaltschaft, daß er kein Kind wollte, liegt sicherlich nahe. Aber er hat den Heiratsabsichten von Brigitte Tolle nicht sichtbar Widerstand entgegengesetzt.“ Der Angeklagte habe „zu stetiger Arbeit sicher ein gebrochenes Verhältnis" meinte das Gericht. Er habe sich bei Brigitte Tolle, die ein eigenes Haus gehabt habe, geborgen und wohl gefühlt. Seine Beziehungen zu anderen Frauen seien bekannt gewesen. Vorsitzender: „Er galt als der ,Dorf-Don-Juan‘.“

„Faustdicke Lügen“

Zur mangelnden Wahrheitsliebe des Angeklagten führte Richter Reinecke aus: „Er hat
nicht nur viel dummes Zeug geredet, sondern er hat in einigen Fällen nachweislich gelogen." Zu den „faustdicken Lügen" des Angeklagten zählte die Schwurgerichtskammer die Angaben zum 19. Juni 1989. An jenem Tage war F. in dem Interregiozug 1777 gefahren und zwischen Hannover und Göttingen war später die Tasche mit Personalpapieren der Getöteten beim Zugführer abgegeben worden. Man könne, sagte Richter Reinecke, nicht ausschließen, daß die Tasche schon vor diesem Tage und auch nicht unbedingt vom Angeklagten in dem Zuge abgelegt worden sei. „Nicht jeder, der lügt, ist ein Täter.“

Angeklagte verhält sich auffällig

Zum auffälligen Verhalten des Angeklagten am 3. und 4. Mai 1989 hieß es, die Angaben über den Fußmarsch seien als Schutzbehauptung zu werten. Sonst habe sich F. wegen
jeder kleinsten Strecke fahren lassen. Auffällig sei auch seine Geschwätzigkeit im Telefongespräch mit dem Polizeibeamten, bei dem er schon nachts gegen 1 Uhr seine Freundin als vermißt meldete. Auffällig sei weiter sein Hinweis auf den möglichen Standplatz des Wagens in Munster, wo das Auto später gefunden wurde.

Was für eine Täterschaft des Angeklagten spreche, sei der Umstand, daß Brigitte Tolle
nicht mit einem Unbekannten nachts zum Lönsstein gefahren wäre, wohl aber mit Hartmut F. Sie habe sich möglicherweise auch mit dem (jetzt in der Urteilsbegründung auftauchenden) „Thomas“ dorthin begeben.

Suche nach "Thomas": 170 Männer überprüft

Dieser geheimnisumwitterte Unbekannte, den die Kripo unter rund 170 überprüften 25 bis 50 Jahre alten Trägern dieses Namens nicht ermittelte, wird möglicherweise immer im Dunkeln bleiben, ist aber nach den Worten des Vorsitzenden vielleicht doch unter den nicht unter die Lupe genommenen Soldaten in Munster zu suchen. Und warum sollte Brigitte Tolle - wenn sie denn einen Freund gehabt haben sollte - nicht auch einen jungen Mann unter 25 Jahren als Schatz gehabt haben?

Ganz, unzweifelhaft schrieb sie den Brief „an Thomas", der bei ihr gefunden wurde, und sie brachte ihn nicht unter psychischem Druck zu Papier. Dieses sei dem Gutachten der Schriftsachverständigen des Landeskriminalamtes zu entnehmen. Das Gericht übersah nicht, daß niemand die Existenz des Unbekannten bestätigte. Aber es gibt keine Erklärung dafür, weshalb Brigitte 'Tolle den Brief schrieb. „Wenn es auch nicht sehr wahrscheinlich ist, daß ein 'Thomas' existiert, ist es aber nicht auszu schließen", sagte der Vorsitzende.

Kommt Revision?

Eine Haftentschädigung bekommt der Angeklagte nicht, denn er hat mit seinem Aussageverhalten fahrlässig seine Inhaftierung herbeigeführt. Der Haftbefehl des Amtsgerichts Celle, dessen Vollzug bereits ausgesetzt war, wurde natürlich aufgehoben. An den Angeklagten gewandt, wies der Vorsitzende daraufhin: „Herr F., Sie wissen, die Staatsanwaltschaft hat noch die Möglichkeit Revision einzulegen?!“

Der Text ist am 9. Februar 1990 im Original in der Celleschen Zeitung erschienen. Wir haben lediglich die gefetteten Zwischenzeilen hinzugefügt. 

Von Enno B. Bruns