"Auch für uns Einheimische"

Müden: 50 Freiwillige beim Heide-Entkusseln am Wietzer Berg

Die Heide soll schön bleiben – mit diesem gemeinsamen Ziel haben sich nun 50 Freiwillige von Jung bis Alt zum Entkusseln am Wietzer Berg bei Müden (Örtze) getroffen. "Für den Tourismus, aber auch für uns Einheimische" gilt es, die Kulturlandschaft vor der eigenen Haustür zu erhalten.

  • Von Marius Klingemann
  • 22. Jan. 2023 | 13:41 Uhr
  • 23. Jan. 2023
Hier ist Spaten-Kraft gefragt: Hans-Jürgen Dralle war "schon an verschiedenen Orten" bei Entkussel-Aktionen dabei. Wenn es wie mit dieser Jung-Birke am Wietzer Berg mal kniffliger wird, hat der Hermannsburger stets ein Hilfsmittel parat.
  • Von Marius Klingemann
  • 22. Jan. 2023 | 13:41 Uhr
  • 23. Jan. 2023
Anzeige
Müden (Örtze).

Ein wenig breitbeinig hinstellen, das Objekt der Begierde mittig vor sich, dann möglichst weit unten anfassen und mit beiden Händen kräftig ziehen, bis sich etwas tut – so lautet das Gebot der Stunde, wenn es ums Heide-Entkusseln geht. Das lassen sich die knapp 50 Freiwilligen nicht zweimal sagen, die an diesem Samstagmorgen am Wietzer Berg bei Müden (Örtze) zusammengekommen sind. Die motivierte Truppe hat sich vorgenommen, die hiesigen Flächen von Birken- und Kieferkeimlingen plus Größerem zu befreien und somit Waldbildung zu verhindern.

"Wenn die Bäume zu groß werden und zu viel Schatten werfen, kann das Heidekraut nicht mehr gedeihen und die Landschaft würde sich unweigerlich verändern", erklärt Organisator Volker Nickel. "Alle zwei bis drei Jahre", sagt Müdens Ortsvorsteher, sollten Heideflächen bestenfalls entkusselt werden, um "sauber" zu bleiben. Der jüngste Durchgang musste wegen der Corona-Umstände jedoch ausfallen, zuletzt Hand angelegt wurde hier deshalb 2018: "Wir haben jetzt also einiges vor."

"Wenn die Bäume zu groß werden und zu viel Schatten werfen, kann das Heidekraut nicht mehr gedeihen", sagt Organisator Volker Nickel.

Heide-Entkusseln: Jelle (5) ist jüngster Teilnehmer

Jüngster Entkusseler am Wietzer Berg ist heute Jelle Dodds, der mit Mutter Jill aus Bergen angereist ist. "Ich habe Lust darauf", lässt der Fünfjährige wissen, während er die herausgezupften Mini-Kiefern stapelt. Seine Mutter berichtet derweil, "dass wir gerne in der Gegend spazieren gehen, am Lönsstein kommen wir häufiger vorbei". Da sei es doch klar, dass die beiden mithelfen wollen, die Heide vor der eigenen Haustür auch heideartig zu halten. "Mal schauen, wie lange er durchhält", schmunzelt Jill Dodds mit Blick auf den Junior, der bislang aber munter dabei ist.

Und nicht nur das, Jelle hat vor dem Start auch schon den Bagger von Frank Tewes in der Ferne ausgemacht, wie er am Treffpunkt auf dem Berg-Parkplatz eifrig mitteilt. Tewes, der Eigentümer der Flächen ist, und sein Sohn Mattes sind in ihren Gefährten unterwegs, um die dicken Baum-Kaliber aus dem Boden zu entfernen und schließlich auf den Laster zu verladen.

Jelle (5) ist mit Mutter Jill Dodds aus Bergen angereist und am Wietzer Berg heute der jüngste Entkusseler. Im Hintergrund ist der Lönsstein zu sehen.

Knapp 15 Hektar Heidefläche am Wietzer Berg

"So, weiter geht's", bekräftigt der Landwirt nach ein paar Worten mit dem Pressebesuch. Zum Quatschen, das wird schnell klar, ist er nicht hier – und war es sicherlich auch in den vorangegangenen zwei Tagen nicht, als es den großen Birken- und Kiefervertretern bereits an die Äste ging. Unterstützt haben dabei auch Soldaten des Panzerlehrbataillons 93 aus Munster, das mit Müden in partnerschaftlicher Verbindung steht.

Jetzt sind also die Zivilisten am Zug, die Volker Nickel "nach Augenmaß" in fünf Gruppen – eine unter anderem mit Faßbergs Bürgermeisterin Kerstin Speder – aufteilt und zum Entkussel-Einsatz schickt. Knapp 15 Hektar umfassen die Heideflächen am Wietzer Berg insgesamt, die Teams verteilen sich rasch und sind teilweise nur noch als kleine Punkte oder auch gar nicht mehr zu sehen.

Der Großteil der freiwilligen Heide-Entkusseler kurz vor dem Start.

"Besser als Zimmer aufräumen ist das auf jeden Fall"

Ob Sichtkontakt oder nicht, das Ziel eint hier alle: "Wir wollen so viel wie möglich schaffen", wie Vanessa Hiestermann sagt. Ein Wettbewerb solle es aber freilich nicht sein, vielmehr eine gemeinschaftliche Aktion, "bei der jeder mitmachen kann".

Hiestermann, die auch im Müdener Förderkreis NaturHeimat aktiv ist, hat übrigens die eingangs genannten Tipps für Entkussel-Anfänger gegeben – ist aber gleichzeitig froh, Ehemann Nils als "starke Nachhut", zum Nachhelfen notfalls auch mit dem Spaten ausgestattet, zu haben. Die nächste Heidepfleger-Generation ist mit den Kindern Nike (11) und Mattis (8) ebenfalls am Start. "Besser als Zimmer aufräumen ist das auf jeden Fall", versichert die große Schwester, während sie sich an einem Kieferkeimling zu schaffen macht.

"Unsere Heide soll schön bleiben", finden auch Mattis (8), Schwester Nike (11) und Mutter Vanessa Hiestermann (im Hintergrund).

Beim Entkusseln geht's Kiefern und Birken an die Wurzeln

Die sind – auch für Stadtpflanzen – ziemlich einfach von den Birken-Pendants zu unterscheiden: Sie tragen auch im Winter ihre Nadeln, während die Gegenstücke blattlos sind. So oder so landen sie nun aber auf den vielen Haufen an Entkusseltem, die die Heideflächen nach getaner Arbeit zieren. Der Fachbegriff selbst, um den sich hier heute alles dreht, kommt aus der Landschaftspflege und meint das Beseitigen junger Gehölze, auch "Kussel" genannt.

"Man sollte sich auf jeden Fall nicht verheben", bei schwierigen Baum-Fällen also auf Spaten und Co. zurückgreifen, rät Hans-Jürgen Dralle – und demonstriert das gleich mal an einem schon etwas größeren Birken-Exemplar. Der Hermannsburger war, insbesondere seit seinem Ruhestand, "schon an verschiedenen Orten" beim Entkusseln dabei. "Nicht auf dem unebenen Heideboden vertreten", hat er noch einen weiteren Hinweis parat, während aus etwas Entfernung fetzige Musik durch die Szenerie dröhnt.

"Keine Frage": Auch Müdens Dorfjugend packt beim Heide-Entkusseln mit an – unterstützt von fetziger Musik aus dem Baustellen-Radio.

Arbeit am Wietzer Berg: Gemeinschaft wird großgeschrieben

Dafür verantwortlich ist Müdens Dorfjugend, die aber natürlich auch zum Arbeiten da ist: "Als wir angesprochen wurden, war die Sache sofort klar", betonen Tom Leverenz, Lea Tschense und ihre Mitstreiter, alle zwischen 18 und 25 Jahre alt. Neben dem Baustellen-Radio und einer Machete haben sie heute auch die ein oder andere Erfrischung zum Wietzer Berg mitgebracht.

Gemeinschaft, dieses Stichwort schreiben Jung und Alt hier ganz groß – und zelebrieren es auch beim anschließenden Grillen am Lönsstein. Aber bei Würstchen und Steaks bleibt es längst nicht: "Die Heide ist eine Kulturlandschaft, die es unbedingt zu erhalten gilt. Für den Tourismus, aber auch für uns Einheimische", sagt Volker Nickel.

Landwirt und Flächen-Eigner Frank Tewese verlädt mit Sohn Mattes schließlich alles per Bagger.