Mitschülerin und Reporterin blicken zurück

Erinnerungen an Frederike von Möhlmann: „Das hätte jede treffen können“

Der brutale Mord an der damals 17 Jahre alten Frederike von Möhlmann aus Hambühren hat im November 1981 den ganzen Landkreis erschüttert. Mehr als 40 Jahre nach der Tat erinnern sich ihre damalige Mitschülerin Silke Kollster und Karin Abenhausen, die als Reporterin für die Cellesche Zeitung über den Mordfall berichtete, an das Verbrechen, das bis heute für Schlagzeilen sorgt und deutsche Rechtsgeschichte schreiben könnte. 

  • Von Simon Ziegler
  • 21. Juli 2022
  • 13:29 Uhr
21. Juli 2022
 
Hambühren.

Silke Kollster erinnert sich genau. „Wir haben häufig mit Frederike diskutiert. Wir wollten nicht, dass sie trampt. Doch sie hatte wohl keine andere Möglichkeit“, sagt die 58-Jährige. Die Cellerin war in den 70er Jahren mit Frederike von Möhlmann zur Schule gegangen. Erst auf die Hehlentorschule, später auf das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium (KAV). Und beide haben zusammen im Chor der Stadtkantorei gesungen. Die Proben im Kantoreisaal an der Kalandgasse waren immer mittwochs und donnerstags von 18.30 bis 19.30 Uhr, das weiß Silke Kollster bis heute. Manchmal sei Frederike von einem Ehepaar aus Hambühren mitgenommen worden. Doch es kam auch vor, dass sie per Anhalter nach Hause fuhr.

„Wir haben häufig mit Frederike diskutiert. Wir wollten nicht, dass sie trampt. Doch sie hatte wohl keine andere Möglichkeit.“

Silke Kollster, Mitschülerin von Frederike von Möhlmann

Am 4. November 1981 wurde die 17-jährige Frederike von Möhlmann auf dem Rückweg von einer Chorprobe vergewaltigt und ermordet. Sie war wieder nach Hause getrampt. Man weiß, dass Frederike zuvor noch aus einer Telefonzelle an der Bahnhofstraße versucht hat, jemanden anzurufen. Möglicherweise um eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren. Fest steht: Viele Jahre später, nämlich 2012, wurde eine DNA-Spur von Ismet H. an einer Binde der Getöteten nachgewiesen.

 

Frederike von Möhlmann auf Rückweg von Chorprobe vergewaltigt und ermordet 

Es war eine Sensation. Denn der Mann war in den 80er Jahren zunächst verurteilt und später rechtskräftig freigesprochen worden, weshalb er viele Jahre ein Leben als freier Mann führen konnte. 2021 wurde das Gesetz geändert. Ismet H. saß seit Februar in der JVA Celle in Untersuchungshaft, ist inzwischen nach einer Eilentscheidung des Bundesverfassungsgerichtes aber wieder frei. Sollten die Karlsruher Richter seine Verfassungsbeschwerde zurückweisen, könnte Anfang 2023 ein neuer Prozess am Landgericht Verden beginnen – juristisch absolutes Neuland.

„Es war sehr bedrückend. Ganz viele Menschen waren da. Die Anteilnahme war enorm. Es war eine so furchtbare Vorstellung, dass in dem Sarg der geschundene Körper von Frederike liegt."

Silke Kollster

„Wir haben mit dem Chor auf der Beerdigung in Oldau gesungen“, erinnert sich Silke Kollster an den November 1981. „Es war sehr bedrückend. Ganz viele Menschen waren da. Die Anteilnahme war enorm. Es war eine so furchtbare Vorstellung, dass in dem Sarg der geschundene Körper von Frederike liegt“, beschreibt die einstige Mitschülerin den Tag der Beerdigung vor über 40 Jahren.

Frederike war für Celler Stadtkantorei etwas Besonderes 

Sie seien keine sehr guten Freundinnen gewesen, eher Bekannte, Klassenkameradinnen und eben beide Sängerinnen im Chor. „Frederike war für die Kantorei etwas Besonderes. Sie war die einzige vom Dorf. Sie hat sich da behauptet. Die sah man“, erinnert sich Silke Kollster, die sich seit vielen Jahren in der Celler Kommunalpolitik engagiert und für die CDU im Kreistag und im Ortsrat Hehlentor sitzt. Die Stadtkantorei feiert 2024 ihr 100-jähriges Bestehen. Gesungen werden Oratorien, aber auch weltliche Lieder.

Frederike ist, soweit ich mich erinnere, bis zur dritten Klasse mit mir in die Grundschule gegangen. Dann ist sie nach Oldau gezogen. Später waren wir dann zusammen auf dem KAV“, sagt Silke Kollster. Frederike sei „selbstbewusst, intelligent und sehr eigenständig gewesen“.

Silke Kollster ging mit Frederike von Möhlmann auf das KAV in Celle

Einmal habe sie die Mitschülerin zusammen mit der ganzen Klasse zu Hause in Oldau besucht. „Das muss 1977 oder 1978 gewesen sein. Da waren wir 13, 14 Jahre alt.“ Die Klasse habe auf dem Gelände des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) gezeltet.

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Mordfall Frederike: Die Chronologie des Verbrechens

Die Chronologie des Verbrechens

Auch Karin Abenhausen kann sich noch gut an den November 1981 erinnern. Die heutige Ortsbürgermeisterin (Grüne) von Klein Hehlen hatte kurz zuvor ein Volontariat bei der CZ begonnen. „Ich habe abends mit der Polizei telefoniert. Es war schlimm. An dem Tag gab es zwei Tötungsdelikte in Nienhagen und in der Blumlage sowie einen Vermisstenfall. Die Vermisste war Frederike von Möhlmann. Später hat sich dann herausgestellt, dass auch sie tot ist. Es war ein Schock“, berichtet Abenhausen, die damals 20 Jahre alt war.

„Da saß man mit einem Kloß im Hals. Damals wurde ja viel mehr getrampt als heute. Das hätte jede treffen können. Ich kannte Frederike nicht persönlich, höchstens über drei Ecken.“

Karin Abenhausen, damals Reporterin für die Cellesche Zeitung

Mit der CZ ist sie mehr als 40 Jahre später zum Fundort der Leiche in einem Waldstück am Bruchweg in Hambühren gefahren. Der Mord an Frederike sei damals Thema in der ganzen Stadt gewesen, erinnert sich die 61-Jährige. Nicht nur in der Redaktion, in den Familien, auf der Straße – überall habe man darüber gesprochen, sagt Karin Abenhausen.

Mord an Frederike war in der ganzen Stadt ein Thema 

„Da saß man mit einem Kloß im Hals. Damals wurde ja viel mehr getrampt als heute. Das hätte jede treffen können.“ Sie selbst habe der Mord auch deshalb so mitgenommen, weil sie gerade mal drei Jahre älter als Frederike war. „Ich kannte Frederike nicht persönlich, höchstens über drei Ecken.“

Die Berichterstattung vom ersten Prozess in Celle hat 1982 nicht die junge Volontärin, die später zum NDR wechselte, sondern eine erfahrene Kollegin übernommen. Aber Karin Abenhausen erinnert sich noch, wie damals vor Gericht um Fasern an der Kleidung und Reifenspuren gerungen wurde. Der Freispruch in zweiter Instanz 1983 sei in Celle, zumal Juristenstadt, „mit viel Groll zur Kenntnis genommen worden“.

Die Diskussion um die Wiederaufnahme des Verfahrens und das bundesweite Interesse an dem Fall haben sowohl Abenhausen als auch Kollster in den vergangenen Jahren intensiv verfolgt. „Das Thema bewegt mich“, sagt Silke Kollster. „Es wäre schön, wenn irgendwie Gerechtigkeit hergestellt werden könnte. Das wäre wichtig für alle Beteiligten. Ich möchte, dass es zu einem Ende kommt, das Frederike gerecht wird.“ Karin Abenhausen denkt auch an den Vater Hans von Möhlmann: „Es tut mir sehr leid für ihn, dass er den neuen Prozess nicht mehr erlebt.“

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür

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