Am Lönsstein tot aufgefunden

Bleibt Mord an schwangerer Brigitte Tolle ungesühnt?

1989 wurde die Postbeamtin Brigitte Tolle, die im fünften Monat schwanger war, am Lönsstein bei Müden brutal erstochen. Verdächtigt wurde ihr damaliger Lebensgefährte Hartmut F. Obwohl er kein Alibi hatte und sich immer weiter in Widersprüche verstrickt hatte, konnte ihm die Tat nicht nachgewiesen werden. Bis heute wurde kein Täter überführt. Die CZ hat mit Stefan Pirch, Neffe des Opfers, gesprochen. Er ist sich sicher, wer seine damals 34-jährige Tante ermordet hat. 

  • Von Christopher Menge
  • 11. Aug. 2022
  • 14:58 Uhr
25. Aug. 2022
 
Müden.

Bei der Polizei wurde er nach seinem Verhältnis zum Lebensgefährten seiner vermissten Tante befragt. „Sonst hat man mir nichts gesagt“, erinnert sich Stefan Pirch. Drei Stunden lang habe er damals auf der Polizeiwache in Celle gewartet. Dann ging er raus zu einer Telefonzelle und rief bei seinen Verwandten in Baven an. „Da habe ich die Todesnachricht dann erfahren“, sagt der Neffe von Brigitte Tolle. Die 34-Jährige wurde am 4. Mai 1989 erstochen am Lönsstein aufgefunden.

"Jeder mochte sie – sie war eine liebe, nette Frau."

Stefan Pirch, Neffe der Ermordeten

Bis heute Mörder von Brigitte Tolle nicht ermittelt

„Das hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen“, erinnert sich Stefan Pirch auch 33 Jahre nach der Tat noch. Unter Mordverdacht geriet der damalige Lebensgefährte von Brigitte Tolle, Hartmut F. – doch er wurde freigesprochen. Sein Verteidiger Gerhard Schäfers hatte unter anderem einen möglichen Zusammenhang mit den Göhrde-Morden angedeutet, einen Beleg gibt es dafür bis heute nicht. Und bis heute konnte niemand für den Mord an der beliebten Postbeamtin zur Rechenschaft gezogen werden.

Für Familie ist ehemaliger Lebensgefährte der Täter

„Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Tante, war oft bei ihr in Baven“, erzählt ihr Neffe, der zum Zeitpunkt der Tat 1989 knapp 20 Jahre alt war. Seine Tante war etwa 1,70 Meter groß, eine kräftige Brillenträgerin, die kastanienrotes, langes, glattes Haar hatte. „Sie war bekannt wie ein bunter Hund. Jeder mochte sie – sie war eine liebe, nette Frau“, berichtet Stefan Pirch. Ihr Lebensgefährte Hartmut F., mit dem Brigitte Tolle schon einige Jahre zusammen war, sei dagegen in der Familie nicht sehr beliebt gewesen. „Er war raubeinig zu den Kindern und in der Familie nicht anerkannt“, erinnert sich Pirch. Und er sagt auch heute: „Alle haben gewusst, dass er der Täter war.“

„Alle haben gewusst, dass er der Täter war.“

Stefan Pirch, Neffe der Ermordeten

Hartmut F. beteuert vor Richter, nicht der Mörder zu sein

Doch nachweisen konnte man dem damals 30-Jährigen aus Müden die Tat damals nicht, obwohl er kein Alibi hatte und sich während des Verfahrens in Widersprüche verstrickt hatte. „Nicht jeder, der lügt, ist ein Täter“, sagte der Richter Walther Reinecke. Die Schwurgerichtskammer des Lüneburger Landgerichtes sprach Hartmut F. frei. „Es gab kein Geständnis und auch keine direkten Zeugen“, so der Richter. „Die Feststellungen reichten nicht aus. Begründete Zweifel an der Täterschaft sind geblieben.“ Unter anderem wurde das Mordwerkzeug nie gefunden. Hartmut F. verweigerte während des Prozesses die Aussage. Nach seiner Verhaftung hatte er zum Haftrichter gesagt: „Mein ganzes Leben war eine Lüge! Trotzdem – diesen Mord habe ich nicht begangen.“

So berichteten wir damals

Tote am Lönsstein war im fünften Monat schwanger

Rückblick: Am Himmelfahrtstag 1989 entdecken Spaziergänger an einem Heideweg unterhalb der Bergkuppe am Lönsstein die Leiche der 34-jährigen Brigitte Tolle. Kriminaldirektor Erich Philipp sagte der Celleschen Zeitung damals, dass das Opfer „fürchterlich zugerichtet“ worden sei. Mit mehr als 60 Stichverletzungen sowie mehreren Schlägen gegen den Kopf mit einem stumpfen Gegenstand wurde das Opfer traktiert. Anzeichen für ein Sexualverbrechen gab es keine. Aber eine andere, besonders tragische Erkenntnis: Brigitte Tolle war im fünften Monat schwanger. Ihr Lebensgefährte Hartmut F. behauptete, dass das Kind nicht von ihm, sondern "von einem Thomas" sei. Die Polizei fahndete daraufhin, auch unter Mithilfe der CZ, nach diesem unbekannten Mann, doch die Obduktion des Fötus ergab schließlich, dass F. selbst der Vater des ungeborenen Kindes war. Am 12. Juli 1989 wurde er von der Polizei festgenommen.

Suche nach mysteriösem Thomas

Wer aber war Thomas? Die Mordkommission überprüfte 172 Männer zwischen 25 und 50 Jahren mit diesem Vornamen, die in Hermannsburg, Unterlüß, Faßberg und Munster lebten. Doch keiner hatte irgendeine Verbindung zu Brigitte Tolle. Und doch war in ihrer Jacke ein „an Thomas“ adressierter Brief gefunden worden. Zudem kam eine Schriftsachverständige in ihrem Gutachten zu dem Ergebnis, dass es sich eindeutig um die Handschrift von Brigitte Tolle gehandelt habe und dass die Zeilen erkennbar nicht unter Zwang geschrieben worden seien. Nach Einschätzung der Gutachterin war der Brief also echt. „Mehrfach tauchte die Frage im Schwurgerichtssaal auf: Wenn der Angeklagte der Initiator des Schreibens gewesen sein sollte, wie mochte er seine Gefährtin dazu gebracht haben, den bisher nicht ermittelten Thomas anzuschreiben, ihm höflich, aber bestimmt den Laufpass zu geben und unter anderem zu formulieren, auch das Kind sei keine Grundlage für ein Zusammenbleiben?“, berichtete die CZ am 12. Januar 1990.

Lebensgefährte meldet Brigitte Tolle als vermisst 

Die Staatsanwaltschaft stützte ihre Anklage unter anderem darauf, dass es mit Sicherheit keinen Thomas gegeben habe und auch keinen anderen Vater des ungeborenen Kindes. Der Erzeuger war zweifelsfrei Hartmut F. „Meine Tante hätte etwas von einem Thomas erzählt“, ist sich auch Stefan Pirch sicher. „Den hat es nicht gegeben.“ Anders als damals die Schriftsachverständige vermutet er, dass der Brief gefälscht worden sei.

„Ihr Lebensgefährte hat sie schon nach einigen Stunden als vermisst gemeldet, dabei war es durchaus üblich, dass meine Tante mal länger bei einer Freundin war“, berichtet Brigitte Tolles Neffe. „Das war schon komisch.“ Dann sei Hartmut F. erst einmal verschwunden gewesen. „Am nächsten Morgen hat er mich angerufen und gefragt, ob ich ihn aus dem Krankenhaus abholen kann“, erzählt Pirch. Er habe einen Nervenzusammenbruch erlitten.

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„Im Krankenhaus wurde ich dann ausgerufen, an der Information wurde mir gesagt, dass ich zur Polizei kommen soll."

Stefan Pirch, Neffe der Ermordeten

Neffe erfährt in Telefonzelle von Tod seiner Tante

Dann überschlugen sich die Ereignisse für Tolles Neffen: „Im Krankenhaus wurde ich dann ausgerufen, an der Information wurde mir gesagt, dass ich zur Polizei kommen soll“, so Pirch. Er fuhr zur Polizei an der Jägerstraße, wurde dort befragt und erfuhr erst danach in der Telefonzelle nahe der Polizeidienststelle vom Tod seiner Tante. „Ich bin dann nach Baven zur Familie gefahren“, erinnert er sich. „Man kann keinem beschreiben, was da los war.“

Der mysteriöse Brief an Thomas war nicht das einzige Detail in dem Fall, das Fragen offen ließ. So wurde am 19. Juni 1989 – also rund sechs Wochen nach dem Mord an Brigitte Tolle – in einem Interregio-Zug eine Mappe mit den persönlichen Papieren der Getöteten als Fund abgegeben. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass der Angeklagte die Mappe in dem Zug platziert habe. Zudem stellten die Ermittler fest, dass Hartmut F. am Abend des Mordes nicht, wie behauptet, in einer Stunde zu Fuß nach Bergen gegangen sein könne. „Seinerzeit bot er als Alibi an, er sei um 22.15 Uhr am Mordabend in Hermannsburg zu einem Fußmarsch nach Bergen aufgebrochen und dort um 23.10 Uhr eingetroffen. Start und Ziel war jeweils ein Hotel. Aber für den etwa elf Kilometer weiten Weg brauchten zwei „Tester“ später genau eine Stunde und 55 Minuten. Bei den „Versuchspersonen“ handelte es sich um einen Kriminalbeamten und um – Hartmut F.“, hieß es damals im Gerichtsbericht der CZ.

Andere Ausgangslage als im Fall Frederike von Möhlmann

Nicht geklärt werden konnte zudem, wie das Auto von Brigitte Tolle nach Munster gekommen war, wo es am Himmelfahrtstag gefunden wurde. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass Hartmut F. es dorthin gefahren habe – Zeugen dafür gab es aber keine. Und auch über die Existenz oder Nicht-Existenz des mysteriösen Thomas gab und gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Anders als damals vom Verteidiger des Angeklagten gefordert, wurden die Soldaten aus Munster nicht in die Suche nach Thomas einbezogen.

Anders als im Fall Frederike von Möhlmann, die 1981 bei Hambühren vergewaltigt und getötet wurde, hat die Polizei im Fall Brigitte Tolle keine Spuren, die damals aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten nicht ausgewertet werden konnten. Wie Tarek Gibbah, Sprecher der Polizeidirektion Lüneburg, der CZ bestätigt hat, handelt es sich um keinen so genannten „Cold case“. Es gibt in dem ungelösten Kriminalfall also derzeit keine polizeilichen Ermittlungen. Dennoch hofft die Familie von Brigitte Tolle um ihren Neffen Stefan Pirch, dass noch neue Beweise oder Zeugen auftauchen, mit deren Hilfe doch noch ein Täter zur Rechenschaft gezogen werden kann.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür