"Typ" aus Hermannsburg

Uwe Seemann ist Meister auf der Matte und am Herd

60 Jahre aktiver Kampfsport: Diese Marke erreicht nicht jeder. Uwe Seemann aus Hermannsburg hat nicht nur 15 Dan-Grade im Ju-Jutsu, sondern ist auch als Koch ein Meister. Er kann zudem von Begegnungen mit Erotik-Unternehmerinnen und Handgranaten berichten.

  • Von Marius Klingemann
  • 09. Dez. 2022 | 15:00 Uhr
  • 09. Dez. 2022
Nach wie vor schwungvoll: Uwe Seemann legt Sohn Jörg, ebenfalls ein Schwarzgurt, beim Ju-Jutsu-Training in Hermannsburg auf die Matte.
  • Von Marius Klingemann
  • 09. Dez. 2022 | 15:00 Uhr
  • 09. Dez. 2022
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Hermannsburg.

Das Leben, findet Uwe Seemann, ist mitunter eine runde Angelegenheit: „Manche Dinge spielen sich in Kreisen ab.“ Irgendwann komme also eins zum anderen, nicht selten mit Lerneffekt – da könne er sich auch er mit seinen inzwischen 66 Jahren nicht ausnehmen. Angefangen hat dieses Lernen für den jungen Uwe, geboren in Varel im Friesland-Kreis, in den heimischen vier Wänden. Vater und Bundeswehr-Offizier Werner Seemann „hat viel Wert auf Disziplin gelegt und uns Kindern schon früh Dinge wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme vermittelt“.

Zur Geschichte gehöre aber auch, „dass ich als junger Bengel ziemlich viel Blödsinn gemacht habe“ – teilweise offenbar mit praktischem Effekt: „Meine Kumpels und ich haben uns im Küstenkanal in Oldenburg selbst das Schwimmen beigebracht, auch mal zwischen den fahrenden Schiffen.“ Zu dieser Zeit lebte die Familie auf dem dortigen Militärstützpunkt Osternburg, „der war mit über 30.000 Soldaten der größte der ganzen Republik“.

Uwe Seemann als 24-Jähriger.

Judo-Begegnung als entscheidendes Ereignis

Uwe Seemann war damals sechs Jahre alt, als es zu einer für ihn entscheidenden Begegnung kommen sollte. Einige Bundeswehr-Väter, inklusive seinem, hatten nämlich beschlossen, dass der Moment gekommen war, in dem die „wilden Jungs“ mit externer Hilfe auf das Leben vorbereitet werden sollten: „Es ging zu den Pfadfindern nach Sandkrug, da war ich dann ungefähr acht Jahre lang.“

In der Oldenburger Landkreis-Gemeinde traf Seemann auf einen Japaner – „leider weiß ich seinen Namen nicht mehr“ –, der beruflich in Deutschland hängen geblieben war und nun Judo-Kurse für junge Menschen anbot. „Er hatte eine ganz besondere Art der Ansprache und uns dadurch gleich in seinen Bann gezogen, das hat mich schwer beeindruckt.“

Eine Passion mit Gleichgewicht

Sechs Jahrzehnte später, im Celler Nordkreis: Ein zwar ergrauter, aber nach wie vor drahtiger Mann richtet im schwarzen Anzug und Gürtel gleicher Farbe das Wort an seine Ju-Jutsu-Schüler. „Heute gucken wir, wie wir richtig fallen“, kündigt er an. Vor dem Training in der Sporthalle des Hermannsburger Christian-Gymnasiums werden zum japanischen Kommando „Mokuso“ (frei: „Meditation“) aber erstmal die Augen geschlossen und es wird sich sich konzentriert, zu „Mokuso Yame“ werden die Augen dann wieder geöffnet, und man verbeugt sich schließlich.

„Das körperliche Gleichgewicht ist beim Kampfsport essenziell“, erklärt Seemann, der beim TuS Hermannsburg seit 2016 die Ju-Jutsu-Abteilung leitet. Als Co-Trainer an seiner Seite ist Sohn Jörg (37), im Hauptberuf Beamter bei der Bundeswehr und ebenfalls Ju-Jutsu-Schwarzgurt. „So muskulös war ich auch mal“, bekräftigt der Senior-Chef – zeigt dann aber im direkten (Show-)Duell, dass er den Filius durchaus noch auf die Matte schicken kann.

60 Jahre Kampfsport und 15 Dan-Grade

Im Judosport, mit dem einst alles anfing, war Seemann bis 1993 aktiv, dabei seit 1983 in Hermannsburg, das er nun schon länger „meine Heimat“ nennt. Fähigkeiten – „hier insbesondere die Schnelligkeit“ – hat er in der Folge auch beim Taekwondo dazugewonnen, ehe es 2001 dann zum Ju-Jutsu ging. „Ich wollte nochmal was Neues ausprobieren“, blickt der heute 66-Jährige zurück. Zunächst war er beim TuS in Celle aktiv, mittlerweile wieder in der Südheide, wo er Erwachsene und Kinder („ab fünf Jahren“) trainiert.

Schon lange dabei: Uwe Seemann wird von Hans-Georg Hansch, dem Vizepräsidenten des Bundes Deutscher Ju-Jutsuka, für 60 Jahre aktiven Kampfsport geehrt.

„Die Bereitschaft zum Lernen ist bei den Schülern das Wichtigste“, aber auch er als alter Hase nehme gerne neue Impulse an – Stichwort Kreise. Seemann hat insgesamt 15 Dan-, also Meister-Grade in fünf verschiedenen Ju-Jutsu-Formen, trägt den Titel „Sensei“ und nimmt nach wie vor bundesweit Prüfungen ab. Für 60 Jahre Kampfsport wurde er kürzlich sogar offiziell geehrt, treu bleiben möchte er seiner „Passion“, solange es geht. Am liebsten also bis 101, dieses Alter hat nämlich Großmutter Martha Müller erreicht.

Thema Essen: Lieber Wild statt Geflügel

Um dorthin zu kommen, setzt Seemann auch auf ausgewogene Ernährung. Und das haben nicht nur „die Kampfsport-Meister im alten Japan schon so praktiziert“, sondern er auf seinem Werdegang auch so gelernt. Der Heute-Hermannsburger ist nämlich ausgebildeter Koch und IHK-geprüfter Küchenmeister, hat die Küche der Bundeswehr-Führungsakademie in Hamburg und bis zum Ruhestand im Jahr 2020 die Truppenküche in Faßberg geleitet.

Uwe Seemann als Küchenchef der Bundeswehr-Führungsakademie in Hamburg, hier 2008 mit dem damaligen Luftwaffen-Inspekteur Klaus-Peter Stieglitz.

Zum Thema Essen kann Seemann genauso viel erzählen wie zu Sportlichem: „Man kann alles probieren, aber es sollte in Maßen stattfinden.“ Zu Geflügelfleisch rät er weniger, „da sind oft Antibiotika drin“, stattdessen eher zu dunklem Wild. Und: „Nach 18 Uhr sollte man nicht mehr essen.“ Das dürfte aber selbst einem Sensei, der abends regelmäßig in der Sporthalle ist, nicht immer gelingen.

Beate Uhse bei der Meisterprüfung

Gelungen ist ihm dafür auch im Kochbereich seine Meisterprüfung, und zwar im Jahr 1987 in Flensburg. „Das war ein langer Tag, von 8 bis 22 Uhr, neben dem Vor- und Zubereiten der Gänge gehörte auch die gepflegte Konversation mit der Kommission zu den Aufgaben.“ Auf den Tisch kamen unter anderem, da erinnert er sich noch gut, Hirschrücken und Wildkraftbrühe. Verkostet wurde dies etwa von Flensburgs damaligem Oberbürgermeister Olaf Cord Dielewicz sowie Heeresinspekteur Hans-Henning von Sandrart, aber auch einem schillernden Gast: Unternehmerin Beate Uhse.

„Ich wusste natürlich von ihrer Tätigkeit in der Erotik-Branche“, sagt Seemann, „mich hat aber viel mehr ihre Vergangenheit als Pilotin interessiert“. So seien dann nicht nur Gaumenfreuden, sondern auch „gute Gespräche“ zustande gekommen. Gekocht hat Seemann in der Folge auch für Franz Josef Strauß, Peter Struck oder Ernst Albrecht – „alles Freunde meines Vaters, die für mich zu Förderern geworden sind“.

Uwe Seemann hat 15 Dan-Grade in verschiedenen Ju-Jutsu-Richtungen und trägt den Titel "Sensei".

Kampfsport-Instinkt rettet mehrere Leben

Brenzlig wurde es für den Koch in Militärdiensten dagegen 1999/2000, als er für sieben Monate auf Auslandseinsatz im damaligen Jugoslawien war: „Das war die Hauptphase der UÇK, eine ganz dreckige Zeit.“ Im Bundeswehr-Lager in Tetovo (heute Nordmazedonien) kam es eines Tages dazu, dass ein Unabhängigkeitskämpfer eine Handgranate in die vollbesetzte Truppenküche werfen wollte. Uwe Seemann hatte die Gefahr gewittert und sich der Tür, wie es ihm sein Kampfsportler-Instinkt sagte, seitlich genähert.

„Ich konnte seinen Arm greifen, ihm die Granate entreißen und den Stift wieder reinstecken.“ Im nächsten Moment sei schon ein Bajonett auf ihn zugeschnellt, „dem konnte ich ausweichen und den Nächsten zu Boden bringen“. Das erging dann auch zwei weiteren Angreifern so. Sport-Lehren aus dem Celler Land, die in Südosteuropa ein und noch mehr Leben retten – auf diesen Kreis hätte an jenem Tag wohl niemand auf deutscher Seite verzichten wollen.

Lebenslauf Uwe Seemann

20. September 1956: Geboren in Varel (Kreis Friesland)

1975 bis 1978: Koch-Ausbildung in Faßberg

1980: Hochzeit mit Ehefrau Karin; heute zwei Söhne und vier Enkel

Ab 1983: Judo in Hermannsburg, später Taekwondo

1987: IHK-Prüfung zum Küchenmeister

1999/2000: Auslandseinsatz in Jugoslawien

Ab 2000: Küchenchef Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg 

2001:Sportlicher Wechsel zum Ju-Jutsu; seit 2016 Abteilungsleiter beim TuS Hermannsburg

2022: Auszeichnung 60 Jahre Kampfsport