Pastor Bradn Buerkle

Aus Sibirien in die Südheide

Pastor Bradn Buerkle war für das Evangelisch-lutherischen Missionswerk Niedersachsen in Russland beschäftigt. Mit seiner Familie floh er nach Hermannsburg.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 08. Aug. 2022 | 17:07 Uhr
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  • 08. Aug. 2022 | 17:07 Uhr
  • 08. Aug. 2022
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Hermannsburg.

Seine Vorfahren stammen aus Deutschland und wanderten im 19. Jahrhundert ins Gebiet der heutigen Ukraine aus, Anfang des 20. Jahrhunderts siedelten sie in die USA über. Hier wurde Bradn Buerkle 1976 geboren. Seine Liebe zur Literatur von Tolstoi und Dostojewski brachte ihn 2001 nach Russland, wo er bis vor Kurzem als Pastor tätig war, zuletzt im Auftrag des Evangelisch-lutherischen Missionswerk Niedersachsen (ELM) in Hermannsburg. Hier hat der 46-Jährige mit seiner Familie seit März Zuflucht gefunden. Ob die Südheide auch eine Heimat auf Dauer für ihn als amerikanischen Staatsbürger, seine russische Frau und seine Kinder mit doppelter Staatsbürgerschaft werden kann, wird die Zukunft zeigen.

"Wir müssen schnell raus"

„Ich habe entschieden, dass wir schnell raus müssen“, erinnert sich Buerkle an die Tage Ende Februar. Die Familie lebte in Moskau. Er konnte nun sein Gehalt nicht mehr vom Konto abheben und täglich wurden mehr Flüge gecancelt und Grenzen geschlossen.

Im Visier des KGB

Auch bei seiner Arbeit konnte der Geistliche keinen Klartext mehr sprechen. „Es war die Passionszeit. Man bekennt sich zur Wahrheit. Ich hätte sagen wollen und sollen, dass wir diesen Krieg angefangen haben und konnte das nicht“, erinnert sich der Amerikaner, der sich nach 22 Jahren in Russland auch mit seiner Wahlheimat identifizierte. Als Pastor hätte er seine Arbeit absegnen lassen müssen. Und als Amerikaner war er sowieso im Visier des KGB. Immer wieder gab es „Gespräche“. „Wenn der Staat ein Ziel finden will, findet er eins“, ist Buerkle überzeugt und meint: Wenn man ihn hätte inhaftieren wollen, wäre das möglich gewesen.

Viel Hilflosigkeit

Bei den Menschen in seiner Umgebung beobachtete Buerkle viel Hilflosigkeit. „Dass Putin einen großen Krieg anfängt, hat alle schockiert“, meint er. Viele Menschen hätten ab dem 24. Februar resigniert, machten sich nun teilweise auch mit der Propaganda gemein. Nachdem der Sohn eines Kollegen zum Militär eingezogen wurde, habe der Vater angefangen, im Krieg einen Sinn zu sehen, erzählt Buerkle.

Sohn sollte nicht zum Militär

Familie Buerkle wollte durch ihrer Flucht nach Hermannsburg verhindern, dass ihr ältester Sohn in Russland zum Militär muss. Ein Direktflug nach Deutschland war allerdings nicht mehr möglich. So wählte die Familie zunächst Istanbul als Ziel. Hierhin können russische Staatsbürger ohne Visum reisen. Vier Wochen dauerte es noch, bis der Flug nach Deutschland möglich wurde. Den mussten Buerkles allerdings ohne ihre Schwiegermutter antreten.

Schwiegermutter weiter in Russland

Die deutsche Botschaft in Istanbul wollte ihren Visumsantrag nicht annehmen. Obwohl Buerkles Schwägerin ihren Wohnsitz in Deutschland hat, wurden ihre Einladung und seine Arbeitserlaubnis von den deutschen diplomatischen Diensten nicht als ausreichend angesehen. Stattdessen beharrten sie darauf, dass solche Anträge nur in dem Land gestellt werden können, in dem man seinen Wohnsitz hat, also in Russland.

Miteinander reden ist wichtig

Von Hermannsburg aus bleibt die Familie mit ihr mittels Whatsapp in Kontakt. Auch mit Mitgliedern seiner Gemeinden, die er in Nowosibirsk, Nowgorod, Tomsk, Irkutsk und Wladiwostock betreut hat, und mit Pastoren in Russland, ist Buerkle in Kontakt. „Es ist wichtig, dass sie ihre Geschichten hören“, sagt der Theologe. „Zum Beispiel, dass Alexander nicht am Meeting teilnehmen kann, weil seine Stadt bombardiert wird.“ Es sei verständlich, dass Ukrainer einen Hass auf Russland hätten. Umso wichtiger sei es, dass sie mit Russen sprächen, die auch in schwierigen Situationen seien.

Das miteinander sprechen hält Bradn Buerkle auch für die einzige Möglichkeit, dem Krieg zu begegnen. „Es gibt viele, die eine militärische Lösung proklamieren. Die Kirche sollte was anderes anbieten. Hört auf zu kämpfen. Fangt an, miteinander zu reden“, lautet sein Aufruf.

Von Susanne Zaulick