Typenportrait

Ein Ostfriese macht Schule

Schule hat für Otto Hoefer aus Ovelgönne seit jeher eine große Bedeutung. Als kleiner Junge wohnte der ehemalige Rektor der Erich-Kästner-Schule sogar in einer.

  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 13. Aug. 2022 | 14:10 Uhr
  • 13. Aug. 2022
  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 13. Aug. 2022 | 14:10 Uhr
  • 13. Aug. 2022
Anzeige
Hambühren.

Kann Otto Hoefer überhaupt ohne Schule? Das war vielleicht die wichtigste Frage, die 2008 im Raume stand, als der einstige Schulleiter der ehemaligen Erich-Kästner-Schule in Garßen nach seinem letzten Diensttag offiziell in den Ruhestand verabschiedet wurde. „Schule war einer der wichtigsten Bausteine meines Lebens und wird es auch immer bleiben“, sagt er. „Aber nach 14 Jahren kann ich alle beruhigen, denn ich genieße mein Rentnerdasein ebenfalls in vollen Zügen.“

 

Kindheit im Ostfriesland der Nachkriegszeit

Er konnte gerade laufen, da zog er mit seiner Familie in eine Schule. „Mein Vater war dort Dorflehrer, da war das damals oft üblich, dass die ganze Familie in der Schule unterkam“, erinnert sich der heute 79-Jährige. Hoefer wurde 1943 geboren und wuchs mit seinen Brüdern im Ostfriesland der Nachkriegszeit auf. „Es war eine besondere Zeit. Ich erinnere mich noch genau, dass es bei uns im Ort eine Frau gab, die uns immer mit Suppe versorgt hat. Und wir Kinder haben von ihr weiche Brötchen und Kakao bekommen. Noch heute liebe ich es, mein Brötchen in meinen Kakao zu tunken. So was vergisst man nie.“

 

Häschenschule war Lieblingsbuch

Schon bevor Hoefer eingeschult wurde, hielt er sich gerne in den Klassenräumen auf. „Ich konnte lesen, bevor ich überhaupt zur Schule ging“, erzählt er. Ein Gedicht hatte es dem kleinen Jungen besonders angetan: die Häschenschule. „Ich kann es bis heute auswendig vortragen. Meine Familie kann es inzwischen wahrscheinlich selbst mitsprechen“, sagt er lächelnd.

 

Förderschullehrer mit Leib und Seele

Zu seiner Familie gehört seit 1964 seine Frau Klaudia. Gemeinsam mit ihr lebt er seit vielen Jahren in Ovelgönne. Dabei war das eigentlich gar nicht der Plan, zumindest wenn es nach ihm gegangen wäre. „Kennengelernt haben wir uns in Schillig, Klaudia kommt gebürtig aus Goslar. Sie wollte gerne dortbleiben, da ich aber nicht mehr ohne sie sein wollte, verließ ich nach meinem Lehramtsstudium meine ostfriesische Heimat und ging zu ihr in den Harz. 1975 gingen wir dann mit unseren beiden Töchtern nach Celle. Für mich ein erster Schritt, eine Etappe zurück nach Ostfriesland. Leider hat Klaudia meinen Plan durchschaut und daraus wurde nichts“, erzählt er und lacht.

 

Lehrer-Gen in der Familie Hoefer

Auch wenn er sich schnell mit seiner neuen Heimat arrangierte, blieb ein Teil seines Herzens immer in Ostfriesland. „Ich bin noch heute oft da. Früher, als meine Mutter noch lebte und meine Brüder auch zu Hause waren, haben wir uns immer viel über unseren Schulalltag unterhalten. Meine Brüder sind nämlich ebenfalls in die Fußstapfen unseres Vaters getreten und arbeiteten als Lehrer“, berichtet er. „Das war immer spannend, weil sie beide in anderen Bundesländern unterrichteten und wir so immer vergleichen konnten.“ In Hoefers Fußstapfen selbst tritt unterdessen seine Enkelin. „Sie ist inzwischen Lehrerin in Eicklingen, das Lehrer-Gen bleibt also in der Familie.“

 

Beruflicher Beginn in Celle bei Lobetal

In Celle arbeitete Hoefer dann zunächst bei Lobetal in der Heimsonderschule. Dort bekam er die Möglichkeit, in Hannover noch zwei Jahre Sonderpädagogik zu studieren. „Ich habe in Goslar als Grund- und Hauptschullehrer unterrichtet, aber Sonderpädagogik hatte mich schon immer interessiert.“ Nach rund 13 Jahren Lobetal und einem kurzen Zwischenstopp an der damaligen Sonderschule Wathlingen verschlug es Hoefer dann Anfang der Neunziger nach Garßen an die Erich-Kästner-Schule (EKS), ab 2001 war er dort dann als Schulleiter tätig.

 

Rahmenbedingungen und Pädagogik haben sich verändert

„Das war eine großartige Zeit, in der sich Unterrichtsalltag, pädagogische Ansätze und äußere Rahmenbedingungen stark verändert haben. Gemeinsam mit meinen Kollegen habe ich in diesen Jahren so viel bewegt, da bin ich heute ein Stück weit stolz drauf“, sagt er.

 

Inklusion und Integration als wichtigster Faktor

Wichtig war ihm immer, dass Inklusion und Integration nicht nur propagiert, sondern auch gelebt wird. Auf allen Ebenen. „Zu den prägendsten Erinnerungen meiner Schullaufbahn gehört die Geschichte einer ehemaligen Kollegin. Sie war erst wenige Jahre im Schuldienst, als sie erblindete. Viele schlossen damals aus, dass sie jemals in den Schuldienst zurückkehren konnte. Zu mir sagte sie: Ich habe doch aber nur mein Augenlicht verloren, ansonsten sind meine Fähigkeiten die gleichen wie vorher. Wir haben wochenlang zusammen gesessen, auch mit anderen Kollegen, und haben überlegt, was wir tun können, damit sie weiter bei uns arbeiten kann. Am Ende hatten wir ein Konzept, welches bis zu ihrem eigenen Ruhestand wunderbar funktioniert hat.“

 

Selbstbewusstsein der Schüler stärken

Seinen Schülern wollte er unterdessen immer das Gefühl vermitteln, dass sie trotz ihrer Lernschwäche alles schaffen können, was sie sich vornehmen. „Oft haben diese Kinder mit Vorurteilen zu kämpfen, schon alleine, weil sie eine Förderschule besuchen. Sie erfahren weniger Wertschätzung als Gleichaltrige und das ist in meinen Augen eine Katastrophe“, meint der ehemalige Schulleiter. Das Selbstbewusstsein stärken, nicht schwächen, ist seine Devise. Auf unterschiedlichste Art und Weise.

 

Etablierung einer Hauptschulklasse in Erich-Kästner-Schule

„Ich habe mit meinen Klassen zum Beispiel immer plattdeutsch geübt, weil mir die Sprache sehr am Herzen liegt“, erzählt er. „Ich erinnere mich noch genau, wie zwei meiner Schüler, ein kurdischer Junge und ein Junge aus Mittelamerika dann beim Schulfest voller Stolz eine Geschichte auf Platt vorgelesen haben. Oder auch unsere Schulband. Wir haben gemeinsam Musik gemacht und bei Festen sind wir aufgetreten. Zu sehen, wie die Kinder darin aufblühen, das hat jedes Mal mein Herz erwärmt.“ Außerdem etablierte Hoefer in seiner Amtszeit eine 10. Hauptschulklasse an der EKS.

 

Zweite Leidenschaft ist Blasmusik

Neben seinen Schülern, seiner Heimat Ostfriesland und seiner Familie (er hat zwei Kinder und zwei Enkeltöchter, zu denen er ein enges Verhältnis hat) gilt seine Liebe darüber hinaus der Blasmusik. Seinen Anfang nahm diese, wie auch anders, ebenfalls in der Schule. „Ich kam eines Tages ins Lehrerzimmer und sah auf dem Tisch eine Posaune herumliegen“, erzählt Hoefer. „Das hat mich schon immer fasziniert und ich wollte unbedingt verstehen, wie man da eine Melodie herausbekommt.“

 

Späte Liebe zum Alphorn

Der Ovelgönner fackelte also nicht lang und kaufte sich ein Instrument. Und probierte einfach drauf los. „Es lief ganz gut und dann habe ich mit Bekannten zusammen in unserem Ort einen Posaunenchor gegründet. Anfangs saßen wir an der Oldauer Schleuse und haben mit unseren Posaunen rumprobiert.“ Zu Hochzeiten bestand der Ovelgönner Posaunenchor aus 18 Mitgliedern. „Leider ging es dann irgendwann bergab und unser Chor war nicht mehr lebensfähig.“ Heute spielt der zweifache Großvater noch immer in Altencelle Posaune. So ganz ohne neue Herausforderungen kann Hoefer dann aber noch nicht. Seit einigen Jahren widmet er sich nun schon der hohen Kunst des Alphornspielens. „Das klingt wohl etwas ungewöhnlich, ist es auch. Aber als mich eines Tages ein Freund fragte, ob ich es nicht mal probieren möchte, dachte ich mir, warum denn nicht. Man ist schließlich nie zu alt, um etwas Neues zu lernen.“

lebenslauf

11. Januar 1943

Geburt in Bunde in Ostfriesland

1949 bis 1953

Grundschule in Collinghorst

1953 bis 1960

Besuch Realschule und
Gymnasium in Leer

1960er

Lehramtsstudium in Oldenburg

1966 

Hochzeit mit Klaudia

1975

Umzug nach Celle,
Arbeit bei Lobetal

1988

Förderschullehrer an
Sonderschule Wathlingen

1989 bis 2001

Förderschullehrer
an der EKS Garßen

2001 bis 2008 

Schulleiter der EKS Garßen