Nach Unfall in Hambühren

Verkehrspsychologe analysiert, was Raser treibt

Jung, männlich, Fuß auf dem Gas – in das Profil passt auch der Unfallverursacher in Hambühren. Was dahinter steckt, weiß Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss.
  • Von Benjamin Behrens
  • 24. Juni 2022 | 19:05 Uhr
  • 24. Juni 2022
Mit über 100 Kilometern pro Stunde war der Fahrer dieses SUV in Hambühren vor einigen Tagen unterwegs – trotz des Unfall-Risikos überwog der Wille Gas zu geben. 
  • Von Benjamin Behrens
  • 24. Juni 2022 | 19:05 Uhr
  • 24. Juni 2022
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Hambühren.

Am Rande des Schützenfestes in Hambühren wurde ein 13-jähriges Mädchen bei einem schweren Unfall tödlich verletzt. Unfälle wie dieser, bei dem ein 30-Jähriger mit deutlicher überhöhter Geschwindigkeit durch den Ort gerast war, sind Berufsalltag für Verkehrspsychologen wie Karl-Friedrich Voss. Er ist Vorsitzender des Bundesverband Niedergelassener Verkehrspsychologen, Diplom-Psychologe und amtlich anerkannter Verkehrspsychologischer Berater. CZ-Redakteur Benjamin Behrens sprach mit ihm über den tödlichen Unfall in Hambühren, Unrechtsbewusstsein von Rasern, was Menschen bei einer Medizinisch-Psychologischen-Untersuchung (MPU), im Volksmund auch „Idiotentest“ genannt, erwartet und fragte, ob gerade junge Menschen zu leicht an PS-starke Autos kommen.

Ein 30-Jähriger rast mit über 100 km/h nachts durch eine Ortschaft, kollidiert mit einem Golf, drei der Insassen werden schwer verletzt, eine 13-Jährige stirbt. Hatten Sie mit solchen Fahrern schon zu tun?

Ja, aber nicht immer mit Getöteten und Verletzten.

Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss

Der Fahrer war vom Unfallort geflüchtet, er stellte sich erst Tage nach dem Vorfall, nachdem mit Hochdruck gefahndet worden war. Fehlt das Unrechtsbewusstsein bei Rasern?

Das Unrechtsbewusstsein ist wohl im Prinzip vorhanden, unterliegt aber im Konflikt mit dem Fahrerlebnis.

Fehlen Rasern jegliche Selbstreflexion?

Vor der Ermittlungsrichterin sagte der Unfallfahrer aus, er sei „schneller gefahren als er gewollt habe“. Den Tod anderer Menschen in Kauf genommen zu haben, bestreitet er. Fehlen da die Verantwortung für das eigene Handeln und die Selbstreflexion? Oder wie lässt sich das sonst erklären?

Das Fahrverhalten orientiert sich auch an der Art der Antizipation von Ereignissen im Straßenverkehr, sei es nun – wie im vorliegenden Fall – in der bloßen Fortsetzung des bereits praktizierten Verhaltens oder in der Einsicht, dass eigentlich keine Aussagen über den nächsten Streckenabschnitt aus dem vorherigen gemacht werden können. So ist der Fahrer offenbar davon ausgegangen, dass die Straße an der Unfallstelle „frei“ war. Das steht im Gegensatz zur Fahreignung, die das Befolgen von Vorschriften vorsieht – unabhängig von der Verkehrslage.

In diesem Fall wurde ein VW Tourareg gefahren, ein großes SUV, als 2020 die „Kudamm-Raser“ in Berlin vor Gericht standen, hatten sie sich in Audi A6 und AMG-Mercedes ein Ampel-Rennen geliefert und einen tödlichen Unfall verursacht. Sitzt ein Raser immer in Hochklasse-Wagen und welchen Stellenwert hat sein Auto für ihn?

Auffällige Autofahrer haben offenbar das Bedürfnis, ihr Selbstwertgefühl mit einem PS-starken Auto zu erhöhen und sich damit zu identifizieren. Diese Fahrer sind selten auch Besitzer dieser Autos, oft sind sie nur ausgeliehen. Wird dieses Gefühl zum Beispiel durch andere Autofahrer auf die Probe gestellt, kann es leicht zu einer verhängnisvollen Eskalation kommen, die mit einem Verlust der Bodenhaftung einhergeht.

Profitiert der Autohandel vom Wunsch junger Menschen nach PS-Boliden?

Ist es seitens des Autohandels zu leicht und vielleicht auch zu günstig, für junge Menschen an solche PS-Boliden zu kommen?

Die Konstruktion der Fahreignung führt dazu, das es für Pkw-Benutzer im allgemeinen keineBeschränkungen der Fahrerlaubnis auf bestimmte PS-Zahlen gibt, obwohl es wissenschaftlich gesehen kaum nachvollziehbar ist, dass jemand ohne Fahrerlaubnis kein Auto fahren darf, aber mit Fahrerlaubnis jedes Auto.

Mit welchem Beispiel – oder gibt es ein solches? – würden sie Menschen erklären, die gerne mal schneller fahren als erlaubt – welche Konsequenzen ihr Handeln haben kann, auch bei verhältnismäßig moderaten Geschwindigkeitsübertretungen?

Es geht aus meiner Sicht nicht nur um die Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, sondern um die Herstellung einer an die Straßen- und Verkehrsverhältnisse angepassten Geschwindigkeit. Das ist nur mit Selbstkontrolle zu erreichen, während mit dem Einhalten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit vermieden wird, Gegenstand einer Fremdkontrolle zu werden. Die Selbstkontrolle sehe ich als ein „gutes Geschäft“ an, weil so Unfälle, Bußgelder und Punkte besser vermieden werden können.

Zu Ihnen kommen Menschen, die Punkte abbauen oder sich auf eine MPU vorbereiten, eine Medizinisch–Psychologischen Untersuchung, im Volksmund auch „Idiotentest“ genannt. Was erwartet jemand, der eine MPU absolviert?

Eine MPU nach Verkehrsdelikten, bedeutet für den Kandidaten, das Fehlverhalten zu dokumentieren, die Ursachen dafür bei der eigenen Person zu suchen, sich Schritte zur künftigen Vermeidung von Verkehrsdelikten anzueignen, zum Beispiel durch das systematische Entdecken und das konsequente Befolgen von Tempolimits, andere Ursachen für das Fehlverhalten zu beheben, zum Beispiel durch Verzicht auf das Verwenden äußerer Umstände, Zeitdruck, Verspätung, als Legitimation eines Fehlverhaltens. Schließlich geht es um das Erkennen und Vermeiden einer Rückfalltendenz.

Gibt es "den Raser"?

Gibt es „den Raser“ – oder ist in einer MPU der junge Mann im Sportwagen neben einer Frau jenseits der 50 mit klapprigem Kleinwagen?

Mit der Bezeichnung „Raser“ wird im allgemeinen eine Abgrenzung vorgenommen, die bedeutet, das alle, die keine Raser sind, keine Fehler im Straßenverkehr machen. Es kommt vielmehr darauf an, eigene Schwächen zu entdecken und zu beheben – etwa beim Beachten der Vorfahrt. Wer beim Linksabbiegen den Gegenverkehr nicht beachtet, tut im Ergebnis das gleiche wie einer, den man als Raser bezeichnet. Leute, die oft auffallen im Straßenverkehr, wenden ein Verfahren zum Vergessen ihrer Fehler an, zum Beispiel durch Bagatellisierung und Einzelfallbetrachtung.

Was sind die gängigsten Ausreden der Raser?

Ausreden, die öfters verwendet werden, sind „Es ist doch nichts passiert“, „Das machen doch alle so“ und „Zeitdruck“.

Im aktuellen Fall aus Hambühren soll der Fahrer ein Rennen gefahren sein, mit dem Ziel, den Ort mit Höchstgeschwindigkeit zu durchqueren. Kennen Sie solche Fälle mit alleinbeteiligten Wagen bei einem Rennen?

Ja solche Fälle kenne ich. In einem Fall wurde eine Wette über die Fahrzeit für eine bestimmteStrecke abgeschlossen, was dann mit einem schweren Unfall endete.

Das sagt der Fachmann zum geforderten Tempolimit 130

Tempolimit 130 ist wieder in der Diskussion, von Umweltschutz bis zur Sicherheit gibt es viele Argumente dafür, dennoch lehnen es viele in Befragungen ab. Ein Blick auf die Europakarte zeigt, dass wir weit und breit das einzige Land ohne generelles Tempolimit sind. Die Deutschen – ein Volk von Rasern?

Die Deutschen sind kein Volk von Rasern. Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf deutschenAutobahnen liegt heute schon bei 130 km/h, eher noch darunter. Ich halte die Forderung nach Tempo 130 für ein Lippenbekenntnis, das wenig kostet. Wenn man mehr für dieVerkehrssicherheit und für den Umweltschutz erreichen möchte, dann braucht man dafür ein tragfähiges Verkehrsicherheitskonzept. Der Unfall auf der B214 ist das beste Beispiel dafür. Die Straße zwischen Celle und der A7 ist in vielen Abschnitten viel zu breit, auch innerhalb geschlossener Ortschaften, womit Vorstellungen von einer überhöhten Geschwindigkeit gefördert werden. Das zweite wäre ein Abstandsassistent, der auf kleiner werdende Abstände reagiert und die Akzeptanz der Fahrer findet in der Weise, dass ein manchmal unpraktisches System nicht einfach abgeschaltet wird.

Zur Person

Karl-Friedrich Voß ist Vorsitzender des Bundesverband Niedergelassener Verkehrspsychologen, Diplom-Psychologe und amtlich anerkannter Verkehrspsychologischer Berater. Er praktiziert in Hannover und Hannoversch Münden.