Frederike von Möhlmann

Wie der brutale Mord an einer 17-Jährigen noch nach 40 Jahren Deutschland bewegt

Der Fall "Frederike von Möhlmann" ging in die deutsche Rechtsgeschichte ein: Die 17-Jährige aus Hambühren wird 1981 vergewaltigt und getötet. Der Täter wird überführt und bekommt eine lebenslange Freiheitsstrafe. Doch das Urteil wird aufgehoben - aus Mangel an Beweisen. Damit gilt Ismet H. als „freigesprochen“. Jahre nach dem Freispruch überführen ihn DNA-Analysen als Frederikes Mörder, aber nach dem Gesetz kann er nicht noch mal verurteilt werden. 1982 fand in Celle der erste Prozess gegen Ismet H. statt. Der damals 18-jährige Dolmetscher Sükrü Kizilyel erinnert sich an den Fall.

  • Von Simon Ziegler
  • 20. Juli 2022
  • 18:55 Uhr
21. Juli 2022
 
Hambühren.

Für ihn war es einer seiner ersten Jobs. „Das Gericht hat mich angerufen“, sagt Sükrü Kizilyel. Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Lüneburg im Celler Amtsgericht brauchte einen Dolmetscher, der nicht nur Kurdisch spricht, sondern auch den Dialekt von Ismet H. versteht.

„Das war ein ganz besonderer Fall, das hat mich richtig mitgenommen. Es war so grausam.“

Sükrü Kizilyel, Dolmetscher im Gerichtsprozess

Damals 18-jähriger Dolmetscher erinnert sich an Verhandlung

Mehrere Tage lang stand Sükrü Kizilyel dem Gericht zur Verfügung. An alle Details erinnert er sich nicht mehr, aber was er noch weiß: „Das war ein ganz besonderer Fall, das hat mich richtig mitgenommen. Es war so grausam“, sagte Kizilyel jetzt gegenüber der CZ. Der gebürtige Celler ist heute 59 Jahre alt und lebt in Burgdorf. Er arbeitet noch immer als Übersetzer.

40 Jahre nach der Tat geht Fall in deutsche Rechtsgeschichte ein

Im Juni 1982 hatte in Celle der erste Prozess gegen Ismet H. begonnen. Die CZ schrieb, dass der Mordprozess gegen den kurdischen Arbeiter aus Bahcecik auf ungewöhnlich großes Interesse gestoßen war. Dass dieser Prozess drauf und dran ist, mehr als 40 Jahre nach der Tat deutsche Rechtsgeschichte zu schreiben, ahnte damals niemand.

Mutmaßlicher Täter gibt sich „ruhig und gefasst“ im Prozesssaal

Die CZ beschrieb den Angeklagten 1982 als „kleinen, untersetzten jungen Mann mit leichtgewelltem braunen Haar und kurzem Oberlippenbart“, der die Einzelheiten des ersten Verhandlungstages, die Anklageverlesung und die Vernehmung der Sachverständigen „ruhig und gefasst“ zur Kenntnis nahm. „In seinem sandfarbenen Sommeranzug mit passendem braunen Hemd und sandfarbener Krawatte sieht er nicht aus wie ein Mann, dem Mädchen nicht auch freiwillig folgen würden, geschweige denn wie ein unvorstellbar grausamer Mörder“, hieß es im Ton der Zeit.

„In seinem sandfarbenen Sommeranzug mit passendem braunen Hemd und sandfarbener Krawatte sieht er nicht aus wie ein Mann, dem Mädchen nicht auch freiwillig folgen würden, geschweige denn wie ein unvorstellbar grausamer Mörder.“

Auszug aus der CZ-Berichterstattung vom 29. Juni 1982

Für Prozess werden Übersetzer gesucht

Ismet H. wurde im ersten Prozess von Rechtsanwalt Deckmann aus Hannover verteidigt. Der hatte einen zweiten Dolmetscher gefordert und schließlich nach langem Suchen auch gefunden. Nachdem Deckmann festgestellt hatte, dass der vom Gericht bestellte kurdische Dolmetscher Mustafa Pacaci aus Bremen nur sinngemäß und nicht wortwörtlich übersetzte, stellte sich schließlich der 18-jährige Sükrü Kizilyel zur Verfügung und „rettete den Prozess“, wie die CZ pathetisch schrieb.

Sieben Wochen nach der Tat wird Ismet H. verhaftet

Ismet H. war am 21. Dezember 1981, also rund sieben Wochen nach der Tat, verhaftet worden. Zum Zeitpunkt des Celler Prozesses war er 23 Jahre alt. Er hat elf Geschwister, seine Familie arbeitete im Süden der Türkei als Schaf- und Ziegenzüchter, hieß es. „Wie seine Familie gehört auch er dem Glauben der Eziden an. Hier in Celle lebt er seit fünf Jahren in der Familie seines Bruders; eine Schwester wohnt ebenfalls in Celle, eine weitere in Burgdorf. Er arbeitete in Wietze, machte – obwohl Analphabet mit geringen Lese- und Schreibkenntnissen in Türkisch – seinen Führerschein und kaufte gemeinsam mit dem Bruder einen BMW, Baujahr 1970“, hieß es in der Berichterstattung. Ismet H. habe der Baumschule Rahte in Wietze gearbeitet. „Um 17 Uhr war Feierabend, um 18 Uhr zurück in Celle ging er entweder mit seinem Bruder in ein Café oder traf sich mit anderen Kurden.“

Chronologie des Verbrechens

Justiz-Krimi

Ergebnisse der Obduktion schockieren Zuhörer 

So soll es auch am 4. November 1981 gewesen sein. Im Prozess in Celle spielten die Herkunft der Teppiche im Auto und auch der Standort des Wagens in der Mordnacht eine bedeutsame Rolle. Zentral waren zudem Reifen- und Textilfaserspuren, die am Leichenfundort entdeckt und mit dem Wagen des türkischen Arbeiters in Verbindung gebracht wurden.

Die Obduktionsbefunde des gerichtsmedizinischen Sachverständigen seien für die Zuhörer kaum zu ertragen gewesen, so die CZ Ende Juni 1982 weiter. Als Fotos der Ermordeten gezeigt wurden, wurden „dem jungen Dolmetscher beinahe die Knie weich“. Der Angeklagte habe wiederholt mit den Schultern gezuckt und auf die Frage des Vorsitzenden Richters, ob er das Mädchen umgebracht habe, „bestimmt“ geantwortet: „Nein, nie im Leben würde ich das machen. Ich kenne dieses Mädchen nicht.“

Erstes Urteil 1982: Lebenslänglich für Ismet H.

Es war ein reiner Indizienprozess. Nach drei Tagen wurden die Plädoyers gehalten. Die Staatsanwaltschaft forderte lebenslänglich, genau wie der junge Celler Jurist Uwe Kerstan, der im Prozess Frederikes Mutter als Nebenklägerin vertreten hatte. Die Verteidigung forderte Freispruch. Am 1. Juli 1982 fiel das Urteil gegen Ismet H. Obwohl er bis zuletzt seine Unschuld beteuerte, bekam er lebenslänglich.

Sachverständiger hatte nach Reifengutachten Zweifel 

Doch es blieben Zweifel. In zweiter Instanz urteilte das Landgericht Stade im Mai 1983, dass die Indizien nicht ausreichend seien. Es sprach den Mann frei und ihm eine Entschädigung für 16 Monate Haft zu. Nach einem neuen Reifengutachten sei eine Verurteilung von H. nicht mehr in Frage gekommen, begründeten die Stader Richter das Urteil. Zuvor hatte ein Experte, der beim Gericht „den Eindruck sicheren Sachverstandes“ hinterlassen hatte, ausgesagt, die Spur des Tatfahrzeugs stamme „mit großer Wahrscheinlichkeit“ nicht vom Auto des Angeklagten.

10:11

Ismet H. rechtskräftig freigesprochen - 40 Jahre später wird er verhaftet

Den Fasern an Frederikes Kleidung komme „kein überragender Beweiswert“ zu, urteilten die Richter, wenn auch die Kombination aller Faserspuren „ein starkes, für einen Kontakt sprechendes Moment“ darstelle. Ismet H. („Nach 16 Monaten Gefängnis kann ich gar nicht sagen, wie ich mich freue. Es lebe die Gerechtigkeit.“) war ein freier Mann – bis er im Februar 2022 in Gifhorn verhaftet wurde.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür

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