Kindermörder

Im Bett erwürgt: Mord an der kleinen Birgitt erschütterte nicht nur Faßberg

Eine grausame Tat schockierte den Landkreis Celle im Jahr 1964. Ein 19-jähriger Gefreiter der Bundeswehr brach in ein Wohnhaus in Faßberg ein und tötete die dreieinhalbjährige Birgitt, die in ihrem Bett schlief. An dem Tatabend gab es eine schreckliche Übereinstimmung: Immer wieder suchte er sich weibliche Opfer, die er mit einem Würgegriff zu attackieren versuchte. 

  • Von Jürgen Poestges
  • 18. Aug. 2022
  • 16:50 Uhr
19. Aug. 2022
 
Faßberg.

Ein Schuh, der offensichtlich einem Bundeswehrsoldaten gehörte, hat im August 1964 zur Überführung eines Kindermörders in Faßberg geführt. Es war ein Verbrechen, das auch heute noch sprachlos macht. Was in der Nacht zum 24. August 1964 geschah, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Es war gegen 3 Uhr in der Nacht, als die Eltern der dreieinhalbjährigen Birgitt, von einem Geräusch geweckt, ihre Tochter tot in ihrem Bett fanden. Das Mädchen war erwürgt worden, im Bett nebenan schlief ihr jüngerer Bruder. Wie die innerhalb kurzer Zeit einsetzenden Ermittlungen ergaben, war der Täter durch den Keller ins Haus eingedrungen und von da aus ins Wohngeschoss gelangt. Da der Schlüssel außen in der Tür steckte, fand er ungehinderten Zutritt zur Wohnung.

Schuh beim Einbruch verloren

In der Nähe des Tatorts wurde von den ermittelnden Beamten ein Schuh gefunden, den der Täter offensichtlich bei seinem Einbruch verloren oder ausgezogen hatte. Dieser Schuh, ein Fabrikat, wie es bei der Bundeswehr getragen wird, führte schon nach wenigen Stunden zur Ermittlung und zur Festnahme des Täters. Den „ruchlosen Mord“, wie er in der Celleschen Zeitung bezeichnet wurde, beging ein 19-jähriger Gefreiter der Bundeswehr, der zu dieser Zeit bei einer Faßberger Ausbildungsstaffel Dienst tat.

Bereits bei der Vernehmung durch die Kriminalpolizei gab der Gefreite, gerade einmal 19 Jahre alt, die Bluttat zu und gestand außerdem, dass er schon einen anderen Einbruch in der gleichen Nacht verübt habe. Als Motiv der „furchtbaren Bluttat“ gab er an, dass bei ihm unter dem Einfluss von Alkohol unbestimmte Hassgefühle gegen alle, vor allem aber gegen Kinder, wach würden.

Im Übrigen habe er nicht gewusst, in wessen Haus er eingebrochen sei, und der Vater des Kindes — ebenfalls ein Angehöriger der Bundeswehr — sei ihm völlig unbekannt; es habe sich also bei seiner Tat keineswegs um einen „Racheakt“ gehandelt.

„Wenn auch die grausige Tat nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist, so bleibt doch die Tatsache erfreulich, dass es der guten und schnellen Zusammenarbeit zwischen der Ortspolizei und der Celler Mordkommission zu verdanken ist, dass der jugendliche Mörder schon nach wenigen Stunden ermittelt und gefasst werden konnte“, ergänzt der Berichterstatter der CZ am 25. August 1964 in der Zeitung.

So berichteten wir damals

Mörder läuft betrunken durch Faßberg

Der Mörder fing sich indes in seinem eigenen Netz, was wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen war, dass er betrunken durch den Ort lief. Er hatte am gleichen Abend einen Einbruch in eine andere Wohnung verübt, war aber dort von einer Frau gestellt worden und nach kurzem Kampf geflüchtet. Hierbei hatte er dann auch den Schuh verloren. Auf der Wache des Fliegerhorstes Faßberg war dem Wachhabenden die unordentliche Kleidung des Gefreiten aufgefallen und er hatte ihn auf der Wache festgesetzt. Als die Kriminalpolizei hiervon erfuhren, vernahmen die Beamten den Verdächtigen auf der Wache und sagten ihm das Verbrechen auf den Kopf zu, worauf er den Mord gestand.

Ohne ein Wort des Bedauerns

Am Montag, 17. Mai 1965, sagte der Angeklagte vor der Jugendstrafkammer aus. Sachlich und nüchtern, als erstatte der Gefreite und Flugzeugmechaniker eine „Einsatzmeldung“, ohne jede innere Anteilnahme, ohne ein Wort des Bedauerns für seine ruchlose Tat zu finden, erklärte der Prozessbeobachter damals. Nach einer ausgedehnten Zecherei habe er „Drang“ verspürt, noch „irgendetwas zu unternehmen“. Er könne sich aber nur noch daran erinnern, dass er über Hecken und Zäune gesprungen sei, an Türen und Fenstern gerüttelt habe. Schließlich sei er in ein Wohnhaus eingedrungen und von einer Frau gestellt worden und habe nach kurzem Handgemenge das Haus fluchtartig verlassen; hierbei müsse er seine Schuhe verloren haben.

Durch den Keller in ein anderes Haus

Dann sei er durch den Keller in ein anderes Haus eingedrungen und die Treppe hinauf nach oben gegangen. Da die Wohnungsschlüssel außen in der Tür gesteckt hätten, habe er die Tür geöffnet und ein Kleidungsstück auf die Schwelle gelegt, um ein Zuschlagen zu verhindern. Dann sei er in das Wohnzimmer gelangt, habe zunächst die Balkontür geöffnet, um einen Fluchtweg zu haben, und habe Schränke und Schübe durchwühlt, eine Schachtel Zigaretten gefunden und sich eine Zigarette angezündet.

Schließlich sei er in das Kinderzimmer gelangt, in welchem zwei Bettchen standen; in einem von ihnen schlief die kleine Birgitt. Er habe auch hier zunächst wieder das Fenster geöffnet, einen Schrank durchwühlt und dann habe er den „Drang verspürt, das Mädchen umzubringen“. Mit aufgerissenen Augen habe ihn das Mädchen angestarrt und sich mit den Händen an seine Arme geklammert, als er es erwürgte.

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„Unbestimmte Hassgefühle“

Nach dem Motiv gefragt, meinte der junge Mann achselzuckend, vielleicht seien in ihm unbestimmte Hassgefühle gegen Kinder wach geworden, als er das Mädchen in seinem Bett schlafend fand. Er wisse es jedenfalls nicht und könne weiter nichts dazu sagen. „So grausig die Tat, so erschütternd war die nüchterne Sachlichkeit, mit der der schmalbrüstige junge Mann den Hergang schilderte“, so der CZ-Berichterstatter.

Dreimal griff er in der Nacht zum 24. August in merkwürdiger Übereinstimmung nach einem Hals: Bei dem Vorfall in der Damentoilette eines Lokals, in dem er getrunken hatte, nach dem Hals eines jungen Mädchens, als er handgreiflich werden wollte, bei dem versuchten Einbruch nach dem Hals einer jungen Frau, die ihn überraschte und bei dem vollendeten Einbruch nach dem Hals eines Kindes, das ihn beobachtete. Der dritte „Griff nach dem Hals“ wurde zum Mord.

Dreimal nach einem Hals gegriffen

Zu neun Jahren Gefängnis bei Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilte die Jugendkammer beim Amtsgericht Celle schließlich den inzwischen 20-jährigen ehemaligen Gefreiten der Bundeswehr. Die Jugendkammer erkannte auf Mord, billigte dem Täter aber „verminderte Zurechnungsfähigkeit unter dem Einfluss von Alkohol“ zu. Wegen der Jugend des Angeklagten machte die Kammer von der Möglichkeit Gebrauch, die an sich verwirkte Zuchthausstrafe in eine Gefängnisstrafe von gleicher Dauer umzuwandeln.

Bei der Tat des jungen Mannes handele es sich einwandfrei um Mord, denn er habe vorsätzlich gehandelt, um einen Mitwisser, der ihm lästig werden konnte, zu beseitigen. Und die Einlassung des Täters, er habe plötzlich „einen Hass auf kleine Kinder verspürt“, sei schon deshalb unglaubwürdig, weil er von sämtlichen Zeugen als ausgesprochen kinderlieb geschildert wurde.

Vielmehr müsse sich der Vorgang etwa wie folgt abgespielt haben: Der Angeklagte sei bei seinem Einbruch in das Kinderzimmer gekommen, habe das Licht eingeschaltet, den Schrank geöffnet und durchwühlt. Durch Licht und Geräusch wurde die kleine Birgitt wach und hat den ihr fremden Mann, „mit großen Augen angestarrt“, wie der Angeklagte selbst gesagt hat. Um sie am Schreien zu hindern und aus Furcht, sie könne ihn später verraten, habe der Angeklagte dann das Verbrechen begangen. Also vorsätzlicher Mord, „zielstrebig“ durchgeführt mit dem Motiv: Furcht vor der Entdeckung.

 

Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht?

Eine zweite Frage, vor die sich die Jugendkammer gestellt sah, war die Frage, ob der Angeklagte als „Heranwachsender“, also nach Erwachsenenstrafrecht, zu behandeln sei oder ob auf ihn noch die Bestimmungen des Jugendstrafrechts in Anwendung gebracht werden müssen oder können, da er bei Ausübung der Tat erst 19 Jahre alt war. In Übereinstimmung mit der Beurteilung der medizinischen Sachverständigen stufte die Jugendkammer den Angeklagten als „Heranwachsenden“ ein, denn er sei überdurchschnittlich intelligent, seinen Altersgenossen geistig weit überlegen und habe sich auf seinem beruflichen Lebensweg als sehr zielstrebig und konsequent erwiesen; von einer (erblich bedingten) Geistesschwäche könne keine Rede sein.

Schließlich ging es in dem Prozess noch um die Frage nach dem Grad der Verantwortlichkeit. Der Angeklagte sei keineswegs volltrunken gewesen, noch habe er sich in einer Art „pathologischem Rausch“ befunden. Denn die Blutprobe, so hieß es in der Begründung, wies auf 1,32 bis höchstens 1,83 Promille. Da der Angeklagte sich bei dem medizinischen Test als „alkoholverträglich“ erwiesen habe, könne man also bei ihm nur von einem „leichten Rausch“ sprechen. Daher könne bei der strafrechtlichen Würdigung der Tat höchstens die Bestimmung der verminderten Zurechnungsfähigkeit zur Anwendung gebracht werden. Die Jugendkammer billigte dem Angeklagten diese Einschränkung zu.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür