Tabuthema brechen

Mit Musik aus der Depression zurück ins Leben

Er will anderen Betroffenen Mut machen: Calvin Tinney aus Eschede hat seine Depression in zwei Liedern verarbeitet. Ein Bericht mitten aus dem Leben. (+Youtube-Videos)

  • Von Carsten Richter
  • 02. Okt. 2022 | 09:05 Uhr
  • 02. Okt. 2022
Es gibt einen Weg aus der Krankheit: Calvin Tinney will erreichen, dass Depressionen nicht mehr länger ein Tabuthema sind. 
  • Von Carsten Richter
  • 02. Okt. 2022 | 09:05 Uhr
  • 02. Okt. 2022
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Eschede.

Was Calvin Tinney durchlebt hat, weiß niemand so genau wie er selbst. Es kann ja auch niemand wissen. Und doch fällt es dem heute 20-Jährigen schwer, seine Gefühle mit Worten zu beschreiben. Hat er überhaupt etwas gefühlt? Der junge Escheder ringt um die richtigen Attribute. Innerlich leer, antriebslos, vollkommen ausgelaugt – das mag es vielleicht treffen. Calvin Tinney weiß heute, dass sich eine Depression langsam entwickelt, ein schleichender Prozess ist. Eine Krankheit, die man ernst nehmen muss. Und: Er weiß, dass man es schaffen kann. Er ist ja selbst der beste Beweis dafür.

„Depressionen dürfen kein Tabuthema mehr sein“

Calvin Tinney geht offen mit dem Thema um. Das ist ihm ein wichtiges Anliegen. „Depressionen dürfen kein Tabuthema mehr sein“, sagt er. Und doch musste er zunächst eine Nacht drüber schlafen, bevor er sich dazu entschloss, auf das Gesprächsangebot mit der CZ anlässlich des Europäischen Depressionstages am morgigen 2. Oktober einzugehen. Sich zu öffnen, der breiten Masse Einblick in sein Leben zu geben. Das ist nicht einfach. Aber Calvin Tinney hat zugestimmt.

Ohne Hilfe geht es nicht: Escheder ist raus aus der Depression

Dabei lag genau darin die größte Hürde. „Sich einzugestehen, dass es richtig ist, sich Hilfe zu suchen, ist am schwierigsten. Ich habe dafür anderthalb Jahre gebraucht“, erzählt der Escheder. Heute weiß er: Es ist die beste Grundlage für einen Weg aus der Krankheit.

Mit Liedern über Depression anderen Mut machen

Tinney blickt realistisch zurück. In den beiden Liedern, die er dem Thema Depression gewidmet hat, will er Mut machen, aber zugleich ehrlich sein. „Es ist richtiger Mist“, sagt er gegenüber der CZ und beschreibt damit einen, wie er es nennt, „Zustand der Hoffnungslosigkeit“. Einmal schlafen und am nächsten Tag ist wieder alles besser? Nein, so ist eine Depression nicht. „Aber es geht, man kann diesen Zustand bekämpfen.“

Calvin Tinney macht Depression zum Thema in der Musik

Calvin Tinney hat sich nie isoliert, ist rausgegangen, hat sein Leben so gut es ging gemeistert. Und er hat sich Freunden anvertraut. „Ein unterstützendes Umfeld kann sehr hilfreich sein“, weiß er heute. Gleichwohl geht jeder Betroffene anders mit der Krankheit um. Jede Depression verläuft auch anders. Und nicht jeder stößt mit der Offenbarung dieser Krankheit auf Verständnis. Auch Tinney stieß auf Unverständnis. Trotzdem wurde ihm geholfen – und Freiraum gelassen.

 

 

 

„Ich hatte den riesigen Wunsch, wieder glücklich zu sein.“

Calvin Tinney (20 Jahre) aus Eschede, war an Depression erkrankt.

Seine Lieder sind ehrlich, aber voller Hoffnung

Eine lange Zeit der Therapie hat ihm geholfen, zurück ins Leben zu finden. „Ich hatte den riesigen Wunsch, wieder glücklich zu sein“, erzählt er. Medikamente hat er nicht gebraucht, aber auch das ist individuell. „Nichts ist falsch. Aber man muss es angehen.“ Musik war ihm immer schon wichtig. Sie war für ihn „das Sprungbrett zurück ins Leben“. Der US-Rapper Eminem, der in seinen Liedern viel über sein Leben erzählt, hat ihn inspiriert. Eines Tages hat er sich selbst hingesetzt und Texte geschrieben. Zusammen mit dem Escheder Produzenten Tommy Newton wurden aus den Texten Songs. In „Das System“ und „Krieg“ verarbeitet Tinney das Thema Depression. Schonungslos, ehrlich, aber voller Mut und Hoffnung.

Calvin Tinney steht wieder mitten im Leben

Heute steht der 20-Jährige wieder mitten im Leben und studiert Soziale Arbeit. Um später einmal anderen Menschen zu helfen. Ihnen zuzuhören, sie zu akzeptieren, aber nicht zu verurteilen. So wie er selbst erfahren hat. „Auch mit einer Depression ist man immer noch Mensch“, sagt er.