Waschbären

Nachtaktive Räuber sind auf dem Vormarsch

Sie werden immer mehr: Die Zahl der Waschbären im Kreis Celle nimmt kontinuierlich zu. Welche Folgen das hat - und was man dagegen tun kann.

  • Von Carsten Richter
  • 01. Juli 2022 | 07:00 Uhr
  • 01. Juli 2022
  • Von Carsten Richter
  • 01. Juli 2022 | 07:00 Uhr
  • 01. Juli 2022
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Celle.

So viel vorweg: Es ist eine Geschichte ohne Happy End. In der Nacht zum Montag ist in der Nähe von Altensalzkoth eine Waschbärin überfahren worden. Eine junge Frau aus Eversen hat das Tier am Straßenrand bemerkt und gesehen, dass noch ein Jungtier bei seiner Mutter saß. Die 22-Jährige ist aus dem Auto gestiegen und hat mit Handschuhen das etwa sechs bis acht Wochen alte Tier gefangen und später an die ihr bekannte Celler Tierärztin Dr. Saskia Voelzke übergeben. Alle Versuche, den kleinen Waschbären aufzupäppeln, waren jedoch vergeblich: Das Jungtier ist im Laufe des Montags gestorben.

Waschbären können Schäden anrichten

Weitere Jungtiere wurden nicht gefunden, sie wären nun auf sich allein gestellt. Der kleine Waschbär habe noch versucht, an seiner Mutter zu saugen, erzählt Voelzke, die auf die Unfallstelle zukam. "Die Ausbreitung von Waschbären hat zugenommen", so die Veterinärin. Es gehört zu ihrem Berufsethos, kein Tier einfach liegen zu lassen. Das macht es für sie keinen Unterschied, ob es sich um Hund, Katze oder ein niedliches Eichhörnchen handelt oder um einen Waschbären, der zwar ebenfalls possierlich aussieht, aber auch Schaden anrichten kann.

Celler Kreisjägermeister: Ausbreitung deutlich zugenommen

Der Vorfall aus dem Nordkreis wirft Fragen nach der Vermehrung auf – und was man dagegen tun kann. Der Celler Kreisjägermeister Helge John berichtet von vermehrten Anrufen von Menschen aus dem Umland, die zu Hause Besuch von den nachtaktiven Raubtieren hatten. Dass die Ausbreitung "deutlich zugenommen" hat, macht er an der veränderten Jagdstrecke fest, also an der Zahl der erlegten Waschbären. Seien es im Jagdjahr 2011/2012 noch lediglich 11 Tiere gewesen, habe sich deren Zahl zehn Jahre später auf 582 Waschbären erhöht. "Die Zunahme der Population ist noch viel größer", sagt der Kreisjägermeister – auch ohne dafür exakte Zahlen zu haben. Die Entwicklung ist in ganz Niedersachsen zu beobachten: Im Landesjagdbericht 2020/2021 wird ein Anstieg um 4,7 Prozent bei der Jagdstrecke genannt.

Waschbären finden optimale Lebensbedingungen

Waschbären fänden "optimale Lebensbedingungen", seien sehr anpassungsfähig und hätten so gut wie keine natürlichen Feinde, sagt John. Waschbären gelten als Allesfresser – auch das macht sie widerstandsfähig. Bodenbrüter etwa sind leichte Beute für die Säugetiere mit der markanten schwarz gefärbten Gesichtsmaske und den filigranen Fingern. Umgekehrt könnte ein junger Waschbär höchstens von einem Fuchs oder Wolf angegriffen werden. Wenn sich ein Feind nähert, ist der Waschbär aber schon flugs auf einen Baum geklettert.

Immer mehr Waschbären im Kreis Celle erlegt

"Waschbärjagd ist aktiver Naturschutz", sagt John angesichts der zunehmenden Ausbreitung. Dabei sei wegen der Nachtaktivität der Räuber die Fallenjagd die beste Methode. Wer allerdings bei sich zu Hause einen Waschbären vermutet, sollte zuerst einen Jäger als Experten zu Rate ziehen, der feststellen könne, ob der Verdacht zutreffe. Anhand von Kratzspuren lasse sich ein Waschbär identifizieren. "Man darf nur mit einem Jagdschein töten, auch zu Hause", betont der Kreisjägermeister. Und auch für das Aufstellen einer Falle sei ein Fallenschein erforderlich. "Die Motivation, Waschbären zu jagen, ist allerdings nicht sehr groß", weiß John. Ihr Fell sei wertlos, auch würde man die Tiere nicht essen.

Waschbären seit den 1930er Jahren in Deutschland

1934 wurde die ursprünglich aus Nordamerika stammende Tierart in Deutschland eingeführt. Zunächst wurden vier Tiere am Edersee in Hessen ausgesetzt. "Dort liegt gewissermaßen die Keimzelle", sagt John, der nicht an ein Abflachen der Jagdstrecke glaubt. Laut dem niedersächsischen Landesjagdbericht gibt es in Deutschland die größte Waschbärenpopulation Mitteleuropas.