Rückwirkende Abschöpfung?

Biogas: Landwirte aus Kreis Celle kritisieren Strompreis-Deckel

Rückwirkend ab März 2022 will Bundeswirtschaftsminister Habeck Strom-"Übergewinne" (über 18 Cent/kWh) abschöpfen – auch bei der Biogas-Verstromung. Das kritisieren die Landwirte aus dem Landkreis Celle erwartungsgemäß scharf.

  • Von Marius Klingemann
  • 27. Okt. 2022 | 11:05 Uhr
  • 27. Okt. 2022
Landwirt Georg Rahlfs junior produziert mit seiner Biogas-Anlage (im Hintergrund) Strom – und sieht sich jetzt wie viele Berufskollegen mit den Plänen von EU und Bund für einen Preisdeckel konfrontiert. Das findet der Adelheidsdorfer "kontraproduktiv". 
  • Von Marius Klingemann
  • 27. Okt. 2022 | 11:05 Uhr
  • 27. Okt. 2022
Anzeige
Celle.

Als "komplett unverständlich" empfindet Georg Rahlfs junior das, was sich auf politischem Parkett derzeit zum Thema Biogas tut. Der Landwirt betreibt in Adelheidsdorf eine Anlage, mit der er pro Stunde bis zu 1,2 Megawatt Strom für das öffentliche Netz produzieren kann.

Nun hat die EU wegen der momentanen Energiesituation und Preisentwicklung aber beschlossen, für den Zeitraum von Dezember bis einschließlich Juni kommenden Jahres eine Stromerlös-Obergrenze von 18 Cent pro Kilowattstunde (kWh) zu setzen. Was darüber hinausgeht, soll abgeschöpft werden. Ausnahmen gelten für Erdgas und Biomethan, nicht jedoch die übrige Stromerzeugung aus Bioenergie – das schließt Biogas-Anlagen, von denen es im Kreis Celle rund 60 gibt, ein.

Strompreis: Werden Biogas-Betreiber rückwirkend abgeschöpft?

"Solch ein Preisdeckel ist in Sachen Nachhaltigkeit und Klimawandel kontraproduktiv", sagt Landwirt Rahlfs. Biogas sei neben Wasser schließlich die einzige regenerative Energie, die rund um die Uhr produziert werden könne, dazu "netzwerkstabilisierend" und beim Hochfahren "nicht so behäbig" wie etwa Kohlekraftwerke.

"Solch ein Preisdeckel ist in Sachen Nachhaltigkeit und Klimawandel kontraproduktiv."

Georg Rahlfs junior, Landwirt aus Adelheidsdorf

Rahlfs hat bereits das Gespräch mit Kommunal- und Landespolitikern gesucht – insgesamt moniert er, dass "wir Kleinen genauso in die Haftung genommen werden wie die großen Energieerzeuger". Und das hierzulande womöglich sogar rückwirkend, nämlich ab März 2022: So sehen es Pläne von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck vor, inklusive eines Strompreis-"Sicherheitspuffers" von 3 Cent je kWh auf das genannte Erlös-Limit von 18 Cent.

Biogas-Anlagen: Zusätzliche Einnahmen durch Handel an Strombörse

Das sei nach wie vor nicht genug, um die aktuell anfallenden Betriebskosten zu decken, betont Hans-Hinrik Berkhan, der in Wathlingen zwei Biogas-Anlagen zur Verstromung mitbetreibt. Der durchschnittliche Ertrag aus der Stromerzeugung liege vor Ort – gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) – bei etwa 19 Cent pro kWh: "Das konnten wir über die Nutzung unserer Abwärme zur Beheizung von Gebäuden sowie die Getreidetrocknung noch steigern."

Seit 2017 habe man durch die "flexible Stromerzeugung" und Vermarktung über die Leipziger Strombörse zudem weitere Erträge. "So war es uns möglich, die Anlagen rentabel zu betreiben und, wie gesetzlich gefordert, auf dem Stand der Technik zu halten", sagt Berkhan.

Biogas: Steigende Getreidekosten verstärken Finanz-Sorgen

Problematisch sei nun allerdings das Kostenplus für die eingesetzten Substrate, etwa Mais und Zuckerrüben. Berkhan, der auch Bürgermeister von Bröckel ist: "Im laufenden Jahr hatten wir hier wegen der allgemeinen Entwicklung einen Preisanstieg von 35 Prozent" – und generell entfielen 70 Prozent des Finanzaufwands bei der Stromerzeugung auf diese sogenannten Input-Stoffe, hinzu kämen unter anderem Mehrkosten bei Lohn und Energie.

"Wenn wir jetzt noch rückwirkend vom Bund belangt werden, ist eine Insolvenz für unsere Anlagen wahrscheinlich", sagt Biogas-Betreiber Hans-Hinrik Berkhan aus Bröckel. 

Der feste Strompreis sollte im Wathlinger Fall "derzeit bei zirka 25 Cent je kWh liegen, um eine Kosten-Grunddeckung zu sichern". Werde man jetzt aber, so Berkhan, auch noch rückwirkend vom Bund belangt, "ist eine Insolvenz für unsere Anlagen wahrscheinlich".

Anlagen-Betreiber aus Adelheidsdorf: "Politik sollte sich raushalten"

 

"Viele Politiker sind gar nicht wirklich in der Materie drin." 

Hendrik Niemann, Landwirt aus Kragen

Hendrik Niemann, der im Escheder Ortsteil Kragen Biogas verstromt, fragt sich indes, "wer sich die Sache mit den 18 Cent ausgedacht hat". Viele in der Politik, vermutet er, "sind gar nicht wirklich in der Materie drin". Die betroffenen Landwirte hätten sich bei ihren Biogas-Investitionen auf Aussagen "von oben" verlassen, dass diese Methode als zukunftsträchtig gewünscht sei.

Nun sähe man sich jedoch einer "willkürlichen Abschöpfung" bei gleichzeitigen Kostensteigerungen ausgesetzt. In Adelheidsdorf wird Georg Rahlfs junior deutlich: "Die Politik sollte sich hier aus dem Markt raushalten."