Mit Hightech auf Täterjagd

Spurensuche: So arbeiten Kriminaltechniker

Spezialisten des Kriminaltechnischen Instituts des Landeskriminalamts werten tausende von Spuren aus. Im Interview erzählt Simon Ebbertz, wie das KTI arbeitet.

  • Von Gunther Meinrenken
  • 20. Aug. 2022 | 14:57 Uhr
  • 20. Aug. 2022
  • Von Gunther Meinrenken
  • 20. Aug. 2022 | 14:57 Uhr
  • 20. Aug. 2022
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Celle.

Wenn an einem Tatort Spuren gesichert werden, landen die in Niedersachsen beim Kriminaltechnischen Institut (KTI) des Landeskriminalamts. CZ-Redakteur Gunther Meinrenken sprach mit Pressesprecher Simon Ebbertz darüber, wie das KTI die Ermittler unterstützt.

Herr Ebbertz, die Hauptarbeit des KTI liegt in der Untersuchung von Spuren, die am Tatort gefunden wurden. Welche Dimensionen nimmt diese Tätigkeit ein?

Das KTI des Landeskriminalamtes (LKA) Niedersachsen ist die zentrale forensische wissenschaftlich-technische Einrichtung der niedersächsischen Polizei. Es unterteilt sich in fünf Dezernate, in welchen die Fachbereiche der Biologie, Physik, Chemie, Daktyloskopie sowie der zentralen Kriminaltechnik angesiedelt sind. Durch die Struktur und das Leistungsangebot des KTI ist die fachübergreifende Untersuchung und Begutachtung der relevanten Spuren an einem Ort möglich. Im Institut sind Wissenschaftler sowie Techniker und Spezialisten tätig. Durch die etwa 215 Mitarbeiter werden an die 35.000 Untersuchungsanträge mit etwa 250.000 Spuren- und Vergleichsmaterialien jährlich bearbeitet:

Werden alle Spuren an einem Tatort vom KTI untersucht?

Im KTI werden grundsätzlich alle Spuren im Auftrag der Polizeidienststellen, Staatsanwaltschaften und Gerichte bearbeitet. Die zentrale Bearbeitung ermöglicht ein Zusammenführen der jeweils fachlich relevanten Informationen. Das KTI ist ein akkreditiertes Prüflaboratorium. Hierdurch wird sichergestellt, dass die durchgeführten kriminalwissenschaftlichen und kriminaltechnischen Untersuchungen den Anforderungen internationaler Qualitätsstandards an die Kompetenz von Prüflaboratorien entsprechen.

Beteiligen sich Ihre Experten an der Spurensicherung oder ist das die Aufgabe der Ermittler vor Ort?

Unterschieden wird zwischen der sichernden Kriminaltechnik, welche in der Regel dezentral und eigenverantwortlich durch die örtliche Polizeidienststelle vorgenommen wird, und der auswertenden Kriminaltechnik im KTI. Nur in Ausnahmefällen ist die Expertise des KTI auch am Tatort beteiligt, etwa bei der Analyse von Blutspurenmustern. Die zentrale Kriminaltechnik bietet zudem eine Beratung und Unterstützung bei Fragen und Problemen im Zusammenhang mit der Tatortarbeit sowie der weiteren Spurenuntersuchung an.

Müssen Ihre Experten jeden Morgen durch Luftschleusen und tragen sie den ganzen Tag Schutzanzüge?

Zum Kontaminationsschutz der Asservate werden alle notwendigen Maßnahmen getroffen, die eine Verunreinigung von Spuren verhindern. Hierzu gehört unter anderem auch das Tragen von Schutzanzügen, Masken und Haarnetzen. Durch abgetrennte Arbeitsbereiche kann keine Vermischung von Spuren stattfinden.

Das KTI verfügt über umfangreiche kriminaltechnische Sammlungen. Wie darf man sich das vorstellen? Sie werden ja zum Beispiel nicht von jedem Schuh, der weltweit produziert wird, einen Abdruck haben.

Es gibt Sammlungen zu den verschiedensten kriminaltechnischen Fragestellungen, wozu eine Waffensammlung oder auch eine Referenzmustersammlung von Schuhen gehört. Hierbei ist das KTI bestrebt, bestmöglich auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Unsere Schuhreferenzmustersammlung umfasst fast 23.000 Datensätze. Jeder Datensatz umfasst mehrere Bilder, Hersteller- und Modellinformationen sowie geometrische Suchkriterien eines jeweiligen Schuhsohlenprofilmusters. Die digitale Sammlung wird seit 2005 geführt. Zuvor wurde analog gearbeitet. Damals wurden die Bilder und prägnante Abdruckspuren in Klarsichthüllen in Ordnern gesammelt (eine Hülle je Schuhsohlenprofilmuster). Eine Sammlung von „echten“ Schuhsohlen wurde unter anderem aufgrund der nötigen Lagerkapazität nie geführt. In der kriminalpolizeilichen Mustersammlung befinden sich etwa 10.000 Exemplare. Dabei handelt es sich um Schusswaffen jeglicher Art, von der Spielzeugpistole über Schreckschuss-, Druckluft-, Jagd- und Sportwaffen bis hin zu Kriegs-Handfeuerwaffen.

Beschäftigt sich das KTI nur mit Fällen schwerwiegender Kriminalität oder auch mit eher geringfügigen Vorgängen wie die Untersuchung von Lackspuren bei Fahrerflucht, bei der niemand zu Schaden kam?

Das KTI untersucht Spuren aus allen Kriminalitätsfeldern, was komplexe Fälle der Schwerstkriminalität, insbesondere Straftaten gegen das Leben und die sexuelle Selbstbestimmung ebenso einschließt wie auch die Untersuchung von Lackspuren bei einer Fahrerflucht. Allerdings werden die Spuren nach Wichtigkeit priorisiert bearbeitet. Immer wenn die besondere kriminaltechnische Expertise gefragt ist, kommt das KTI ins Spiel. Denn viele Spuren können nur dort ausgewertet werden.

Um mit den Tätern Schritt zu halten, müssen auch die Ermittlungsmethoden ständig auf dem neuesten Stand sein. In welchem Feld gab es in den vergangenen Jahren die größten Entwicklungssprünge?

Die moderne Kriminalwissenschaft und -technik ist wie alle technischen Bereiche geprägt von raschen Innovationszyklen. So gibt es beispielsweise bei der DNA- und Betäubungsmitteluntersuchung sehr dynamische Entwicklungen. Die Untersuchungsmethoden des KTI werden laufend auf dem Stand der Technik gehalten.

Spielt die Untersuchung von DNA heutzutage die wichtigste Rolle bei Gewaltverbrechen?

Die Auswertung von DNA ist eine leistungsstarke Methode, da ein eindeutiger Zusammenhang zwischen einer Spur und einer Person hergestellt werden kann. Es gibt jedoch nicht „die beste Untersuchungsmethode“. In jedem Fall muss geprüft werden, welche Art von Spuren für die Ermittlungen von Wert sein können.

Beteiligt sich das KTI auch an der Weiterentwicklung beziehungsweise der Erforschung neuer Ermittlungsmethoden?

Das KTI ist eingebunden in den fachlichen Austausch der kriminaltechnischen Institute von Bund und Ländern. Außerdem ist das KTI Mitglied in der ENFSI, einem Verbund europäischer forensischer Institute. Auch wenn das KTI keine Forschungseinrichtung im eigentlichen Sinne ist, spielt die Weiterentwicklung forensischer Methoden eine große Rolle.

Das wertet die Kriminaltechnik aus

Urkunden und Maschinenschriften

Reisepässe, Führerscheine, Ausweise, Verträge, Zeugnisse, Testamente – am KTI werden Dokumente jeglicher Art auf ihre Echtheit überprüft. In einer Mustersammlung befinden sich zu Vergleichszwecken 15.000 Asservate – vollkommen gefälschte, verfälschte und echte Dokumente. Ähnlich wie bei den Handschriften werden von Schreibmaschinen Schriftproben genommen und mit eventuellen Bekenner- oder Erpressungsschreiben verglichen. Auch eine chemische Analyse der Schreibmittel, etwa der Tinte, kann Aufschlüsse bringen. Ein weiterer Bereich deckt die Untersuchung von Falschgeld ab. Hier geht es unter anderem darum, beschlagnahmte falsche Geldscheine mit bestimmten Fälscherwerkstätten in Beziehung zu setzen. Durch die Zuordnung bestimmter Merkmale können auch Kopiergeräte identifiziert werden. Stempel, Plaketten, Kennzeichen, entfernte verdeckte Schriften sowie Abrisskanten an Briefmarken oder Schreibblöcken gehören ebenfalls zum Untersuchungsgebiet.

Werkzeuge, Schlösser, Fahrzeuge

Auch Werkzeuge hinterlassen Spuren. Anhand von Beschädigungen an Türen oder Fenstern lässt sich rekonstruieren, ob ein bestimmtes Werkzeug dafür in Frage kommt. Brechen bei der Tat Teile etwa eines Brecheisens ab, lässt sich feststellen, ob diese zu einem Werkzeug passen, das bei einem Verdächtigen gefunden wurde. Des Weiteren werden Kopierspuren an Schlüsseln oder Manipulationen an Schließsystemen analysiert. Zum Untersuchungsfeld gehören zudem die Überprüfung sichergestellter Fahrzeug oder Fahrzeugteile, die Rekonstruktion entfernter Prägezeichen und die Analyse von Glasbrüchen.

Schusswaffen

Die zweifelsfreie Identifizierung einer Tatwaffe gehört zu den wichtigsten Ermittlungstätigkeiten. Am KTI werden Schusswaffen, Hieb- und Stoßwaffen sowie Munition untersucht. Dazu werden etwa Pistolen „beschossen“, um die Funktionsfähigkeit festzustellen und Hülsen und Geschosse, die am Tatort gefunden wurden, mit den typischen so genannten Verfeuerungsspuren der Waffe zu vergleichen. Beim Beschuss wird in ein Wasserbecken geschossen, die Geschosse werden so ohne Fremdspuren aufgefangen. Die Munitionsteile werden zudem dem BKA zur Verfügung gestellt, um sie mit unaufgeklärten Straftaten zu vergleichen.

Schuh- Reifen- und Handschuhspuren

Nicht nur Fingerabdrücke können einen Täter verraten, sondern auch die Schuhe, die er getragen hat, oder die Reifen des Autos, mit dem er unterwegs gewesen ist. Durch die Abnutzung des Profils der Reifen und der Schuhe entstehen charakteristische Besonderheiten, die so individuell sind wie ein Fingerabdruck. Durch eine umfangreiche Referenzmustersammlung von Schuhen und Reifen ist zudem die Zuordnung eines Abdrucks zu einem bestimmten Typ von Schuh oder Reifen möglich. Das grenzt die Tätersuche ein und ist ein wichtiger Hinweis für die Ermittler bei eventuellen Hausdurchsuchungen bei verdächtigen Personen.

Materialanalytik

Täter hinterlassen Spuren, aber auch berührte Materialien und Stoffe lassen sich an der Bekleidung oder den Händen nachweisen. Feinste Glasrückstände, Lacke, Metalle, Klebebänder, Sprengstoff- und Schussrückstände, die am Tatort gefunden wurden, lassen sich so mit oft nicht sichtbaren Anhaftungen an den Händen mutmaßlicher Täter vergleichen. Zum Einsatz kommt dabei ein Licht- und Rasterelektronenmikroskop. Ein weiteres Untersuchungsfeld ist der Nachweis von Lackspuren, die nach einem Unfall etwa an einem Fahrzeug festgestellt werden können, mit dem ein Verdächtiger Fahrerflucht begangen hat. Schmauchpartikel lassen unter anderem Rückschlüsse auf die Schussentfernung zu.

Handschriftenvergleich

Gefälschte Unterschriften auf Schecks, Überweisungsträgern oder Geschäftsverträgen, Bekennerschreiben, Lösegeldforderungen – bei diesen Delikten kommt der Handschriftenvergleich zum Einsatz. Am KTI überprüfen die Experten, ob eine Unterschrift echt ist. Außerdem lassen sich durch eine schriftvergleichende Analyse Zusammenhänge zu anderen Taten herstellen oder der Urheber einer Straftat ermitteln, wenn eine Vergleichsprobe vorliegt. Mit optischen und physikalisch-technischen Methoden werden zudem Durchdruckspuren auf Materialien wie etwa Papierblöcken oder -heften untersucht, auf denen ein mögliches Schreiben handschriftlich aufgesetzt worden ist.

Bildtechnik

Mordtatorte, Einbrüche, Verkehrsunfälle, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen oder auch Umweltdelikte – im zentralen Fotolabor werden jährlich etwa zwei Millionen Fotos bearbeitet. Ziel: Die Fotos werden optimiert, um den „größtmöglichen Informationsgehalt aus jeder Aufnahme herauszuholen“. Dazu werden Videoaufnahmen etwa aus Überwachungsanlagen von Geldinstituten mit speziellen Bildbearbeitungsprogrammen aufbereitet, da die Qualität oft mangelhaft ist. Eine große Bedeutung kommt letztlich auch den Bildberichten zu. Monatlich werden hier vom Printservice 10.000 Bildberichte, die besonderen kriminaltechnischen Anforderungen genügen müssen, von der Polizei angefordert.

Computer, Handy und Co

In der Abteilung der Forensischen Informations- und Kommunikationstechnik werten die Mitarbeiter elektronische Beweismittel wie Computerdateien, Handys und Laptops aus. Aufgrund der rasanten technologischen Entwicklung stellt die Tätigkeit eine ständige Herausforderung dar. Die Deliktfelder liegen zumeist im Bereich der Kinderpornografie, Rechtsextremismus und Wirtschaftskriminalität. Die Arbeit ist enorm zeitaufwändig, unter anderem muss zunächst von den Datenträgern eine Kopie erstellt werden. Die zu untersuchenden Dateien bewegen sich oft im Terabyte-Spektrum. Mit spezieller Software müssen die Ermittler auch oft Passwörter knacken, um an die gewünschten Daten heranzukommen.

Betäubungsmittel und Gifte

Egal, ob vergiftete Lebensmittel oder der Gehalt von Drogen und Betäubungsmitteln im Blut oder in anderen Körperflüssigkeiten: Durch leistungsfähigste Analysemethoden ist es möglich, Spuren der Stoffe noch bis in den Nanogrammbereich hinein nachzuweisen. Dabei werden vor allem spektroskopische und chromatographische Verfahren angewendet, mit denen Rückschlüsse auf die Stoffe und deren Wirkstoffgehalt gezogen werden können. Die Erscheinungsformen der Untersuchungsgegenstände variieren stark, reichen von Pulverproben und Lebensmitteln bis hin zu Waagen oder Banknoten, an denen etwa ein Spurennachweis von Betäubungsmitteln vorgenommen wird.

Biologie, Textil- und Bodenspuren

In der Fachgruppe Biologie werden textile Spuren im Mikrobereich, Boden- und Vegetationsspuren sowie Tierhaare und andere zoologische Besonderheiten bis hin zu Tierbissen untersucht. Das geht sogar bis zum Nachweis einer möglichen Selbstentzündung von biologischen Materialien wie Heu. Ganz wichtig: Die Analyse wird mit einem hohen Aufwand an Geräten vorgenommen, wobei die Spuren auf keinen Fall zerstört werden dürfen.
Hintergrund: Bei Tatorten im Freien werden kleinste Blättchenfragmente, Holz, Samen, Stacheln, Kleinstlebewesen und eben auch Tierhaare an die Täter oder deren Kleidung übertragen. Damit könnte man nachweisen, dass der Verdächtige sich an diesem Ort aufgehalten hat. Zudem wird der Mageninhalt eines Verstorbenen analysiert, was Rückschlüsse auf die Todeszeit zulässt. Ebenfalls untersucht werden vom Auge nicht zu erkennende Faserspuren von Textilien. So lässt sich ein eventueller Kontakt zwischen Täter und Opfer nachweisen.

Brand, Elektro, Chemie und Umwelt

Brände und Explosionen werden in den meisten Fällen durch vorsätzliche oder fahrlässige Brandstiftungen verursacht. Um dies von natürlichen Ursachen wie Blitzeinschlägen und Selbstentzündungen oder technischen Mängeln abzugrenzen, werden noch am Tatort Installationen und später im Labor elektrische Geräte untersucht. Ferner werden Brandschuttproben dahingehend analysiert, ob Spuren von Brandbeschleunigern wie Benzin gefunden werden. Zudem wird in diesem Bereich auch Umweltverschmutzungen von Wasser und Boden auf den Grund gegangen.

Finger-, Hand- und Fußabdrücke

An den Handinnen- und Fußunterseiten befindet sich Leistenhaut, deren Papillarleisten unveränderlich sind und sich von Mensch zu Mensch unterscheiden. Ein Abdruck dieser Muster stellt daher ein sicheres Verfahren dar, um Personen eindeutig zu identifizieren, also auch Straftäter. Die Spuren entstehen durch die Übertragung von Schweiß und Talg beim Berühren von Gegenständen. Für das menschliche Auge sind sie meist nicht zu sehen, aber mit verschiedenen Verfahren können sie sichtbar gemacht werden. Ein Abgleich mit Fingerabdrücken eines Verdächtigen oder mit einer Datenbank kann zur Ermittlung von Tätern führen.

DNA-Analytik und Molekulargenetik

Blut, Sperma, Speichel oder Haare sind die hauptsächlichen biologischen Spuren, die Ermittler an einem Tatort sicherstellen, um sie mit Hilfe der DNA-Analytik einem möglichen Täter zuordnen zu können. Dabei wird das Spurenmaterial mit bestimmten biochemischen Verfahren aufbereitet und das enthaltene Erbgut (DNA) isoliert. Danach werden Abschnitte der DNA zu Fragmenten vervielfältigt und mit Farbstoffen markiert. Durch Computerverfahren werden Bandenmuster bestimmt, die in Bezug zu einem Vergleichsmuster gemessen werden und aus denen DNA-Identifizierungsmuster gebildet werden. Mit dem Abgleich der DNA von Verdächtigen oder mit Datenbanken können so Täter ermittelt werden.

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