Laues Lüftchen

Warum bei Windkraft im Kreis Celle nix passiert

Es wäre Zeit, dass sich was dreht. Seit fünf Jahren ist im Kreis Celle kein einziges neues Windrad aufgestellt worden. Das wird auch erst mal so bleiben. (mit Kommentar)

  • Von Simon Ziegler
  • 24. Okt. 2022 | 07:05 Uhr
  • 24. Okt. 2022
Im Landkreis Celle stehen insgesamt 96 Windräder. Inzwischen ist etwas Bewegung in den Markt gekommen, aber konkrete Pläne für neue Windräder gibt es kaum.
  • Von Simon Ziegler
  • 24. Okt. 2022 | 07:05 Uhr
  • 24. Okt. 2022
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Jörn Schepelmann.
Celle.

Es ist lange her, dass im Kreis Celle ein neues Windrad aufgestellt wurde. Die letzten Genehmigungen für fünf Anlagen im Windpark Beedenbostel stammen aus dem Jahr 2016, die Inbetriebnahme erfolgte 2017. Es handelte sich noch nicht mal um neue Standorte. Die fünf alten Windkraftanlagen wurden durch neue und höhere Türme ersetzt. Man nennt das Repowering.

96 Windräder im Kreis Celle

In Stadt und Kreis Celle stehen 96 Windräder, drei im Stadtgebiet, die übrigen 93 im Kreis. Nur kommt seit Jahren keine einzige Anlage dazu. Wer geglaubt hat, dass der Ukraine-Krieg daran etwas ändern wird, sieht sich getäuscht. Es tut sich so gut wie nichts, obwohl in der größten Energiekrise seit Jahrzehnten der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien dringend nötig ist.

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Wind-an-Land-Gesetz beschlossen

Im Sommer wurde in Berlin das "Wind-an-Land-Gesetz" beschlossen, das eigentlich kein Gesetz, sondern ein Sammelsurium an Gesetzesänderungen ist. Damit soll der Bau von Windkraftanlagen beschleunigt werden. Im Land Niedersachsen sollen künftig 2,2 Prozent der Fläche für Windkraft zur Verfügung stehen. Das heißt aber noch lange nicht, dass auch im Kreis Celle 2,2 Prozent ausgewiesen werden, erläutert Erster Kreisrat Gerald Höhl. Ob es am Ende 1,7 oder 3 Prozent sind, soll kommendes Jahr feststehen. Im Kreis Celle macht neben vielen anderen Bestimmungen zu Naturschutz und Abstandsregeln die Bundeswehr die Sache kompliziert. Für seine Windkraft-Pläne muss der Landkreis wissen, wie die Flugrouten und -höhen für den Flugplatz Wietzenbruch und den Fliegerhorst Faßberg sind. Die Bundeswehr will diese, sagt Höhl, aber nicht preisgeben – im Ergebnis geht kaum etwas voran.

Windkraft im Wald jetzt möglich

Inzwischen ist klar, dass in Niedersachsen Windkraft künftig auch im Wald möglich sein wird. Den Weg dafür hat das SPD-CDU-Kabinett – von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet – kurz vor der Landtagswahl freigemacht. Was das allerdings konkret bedeutet; in welchem Waldgebiet man Windräder errichten darf und wo nicht, steht auf einem anderen Blatt. Jede neue Anlage muss geprüft und genehmigt werden. Für den Landkreis Celle bedeutet die Entscheidung, dass er sein regionales Raumordnungsprogramm, an dem er in einem endlosen Klein-Klein seit vielen Jahren ergebnislos arbeitet, erneut anpassen muss. Ziel ist es nach wie vor, Vorranggebiete für Windräder auszuweisen, damit nur in diesen Gebieten und nirgendwo sonst gebaut werden darf.

Erhard Thölke im Jahr 2014 vor dem Windpark Schmarloh.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Jörn Schepelmann hält die Entscheidung der alten Landesregierung, den Wald für Windkraft zu öffnen, für richtig. "Wir brauchen mehr Windkraft. Es ist besser, mit Windrädern in den Wald zu gehen als näher an die Wohnbebauung. Energiewende geht nur mit den Menschen", sagt der Mann aus Eicklingen.

Frust in Nienhagen

Vor Ort fordern die Kommunen, dass endlich Tempo gemacht wird. Der Frust ist enorm. Beispiel Nienhagen. Die Samtgemeinde Wathlingen will den Flächennutzungsplan ändern, damit die beiden bestehenden Anlagen südlich von Nienhagen repowert und zwei weitere gebaut werden können. Vor Ort sind sich alle einig: Politik, Verwaltung, Investor, Grundstückseigentümer. Es gibt nicht mal eine Bürgerinitiative, die dagegen wäre. Wird aber, Stand heute, trotzdem nichts, die Fläche ist kein Vorranggebiet für Windkraft. Und auf eigene Faust dürfen die Kommunen nicht planen. "Das ist alles absolut irre", sagt Nienhagens Bürgermeister Jörg Makel. Er wünscht sich ein "Signal aus Berlin", dass endlich Schwung in die Sache kommt.

"Es muss sich dringend etwas ändern."

Erhard Thölke, Wegbereiter des Windparks Schmarloh

Nachfrage bei Erhard Thölke, dem Wegbereiter des Windparks Schmarloh. "Es muss sich dringend etwas ändern", fordert der frühere langjährige Hohner Bürgermeister. Nach seiner Beobachtung sei immerhin wieder Bewegung in das lange festgefahrene Windkraft-Thema gekommen. Auch im Kreis Celle seien wieder vermehrt Investoren unterwegs, die das Gespräch mit Grundstückseigentümern suchen. "Der Markt ist auf", sagt Thölke. Er spricht sich angesichts der Weltlage gegen Denkverbote aus. "Wo es möglich und tolerierbar ist, müssen wir neu überlegen." Das betreffe etwa den Bereich südlich von Hohne, da könnten vielleicht sieben oder acht Anlagen stehen. Der SPD-Kreistagspolitiker will aber auch nicht Windkraft-Befürworter zu Gegnern machen und zu nah an die Häuser ran, wie er sagt. Trotzdem dürfe nichts ausgeschlossen werden. „Die Reduzierung der Abstände für Wohnbebauung von 1000 Metern und Einzelbebauung von 600 Metern ist erst dann in Betracht zu ziehen, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.“

Windpark zwischen Ahnsbeck und Hohne?

Mag die Energiekrise noch so groß sein, wann im Kreis Celle mal wieder ein neues Windrad aufgestellt wird, weiß derzeit niemand. Es könnte gut sein, dass es das Gebiet zwischen Ahnsbeck und Hohne ist, wo die Samtgemeinde Lachendorf, die Gemeinde Ahnsbeck und das Unternehmen Drewsen Spezialpapiere gemeinsam einen Windpark mit 15 neuen Anlagen realisieren wollen. Die dortige Fläche und die Windkraft-Planung der Samtgemeinde passten zur Raumordnung des Landkreises, ordnet Erster Kreisrat Gerald Höhl ein.

Immerhin, es ist ein Hoffnungsschimmer.

Kommentar von Simon Ziegler  Erbärmlich Was für ein Trauerspiel: Wochenlang wird in Berlin eine Scheindebatte über Atomkraft geführt, an deren Ende ein fast schon lächerliches Ergebnis steht. Auf einmal können in der Ampel alle damit leben, dass das AKW Emsland dreieinhalb Monate länger am Netz bleibt. Und auf der anderen Seite wird der dringend notwendige Ausbau der Windkraft seit Jahren verschleppt. Dass es seit 2017 kein einziges neues Windrad im Kreis Celle gibt, ist das katastrophale Ergebnis einer verfehlten Energiepolitik in Berlin und Hannover. Die Tatsache, dass es in anderen Bundesländern noch schlimmer als in Niedersachsen ist, macht es nicht viel besser. In Bayern, Baden-Württemberg und Hessen – letztere beiden mit grüner Regierungsbeteiligung – wurden in diesem Jahr jeweils fünf neue Windräder gebaut. Erbärmlich. Wenn nicht schnell Tempo beim Ausbau der Windkraft gemacht wird, kann es mit der Energiewende nichts werden. Dabei ist es eine Binsenweisheit: Wenn man aus Atom und Kohle aussteigt und russisches Gas nicht mehr fließt, müssen Alternativen her. Und zwar jetzt. Deshalb muss der unfassbare Bürokratismus bei Planung und Genehmigung der Windräder endlich beendet werden. Vorschlag: Schluss mit viel zu komplexen Raumordnungsprogrammen und Vorranggebieten. Die Gemeinden sollen selbst ganz alleine entscheiden, wo sie Windräder haben wollen und wo nicht. Dann würde es mit dem Ausbau endlich vorangehen.