Klimawandel deutlich spürbar

Wo im Landkreis Celle überall der Grundwasserspiegel sinkt

Der Grundwasserspiegel im Landkreis Celle sinkt. Das sind die Gründe und Folgen - und die Erwartungen an die Landwirtschaft.

  • Von Christopher Menge
  • 15. Nov. 2022 | 09:15 Uhr
  • 15. Nov. 2022
Der sinkende Grundwasserspiegel kann zur Einschränkung der Feldberegnung führen.
  • Von Christopher Menge
  • 15. Nov. 2022 | 09:15 Uhr
  • 15. Nov. 2022
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Celle.

Als Beirat für Klimaschutz in den zuständigen Ausschüssen von Stadtrat und Landkreis Celle hat Michael Huber den Kommunalpolitikern im August eine Stellungnahme zum Thema Grundwasser, Trinkwasser und Feldberegnung zukommen lassen. „Grundwasserbestände in Niedersachsen seit 20 Jahren rückläufig“, schreibt Huber, der bei der Celler Klimaplattform aktiv ist, in seinem Bericht. Eine kürzlich veröffentlichte Datenanalyse von Correctiv.Lokal hat diese Aussage unterstrichen. Der Grundwasserspiegel in Niedersachsen sinkt teils drastisch.

Grundwasser: Forschungsprojekt des NLWKN

„Die Auswirkungen des Klimawandels werden auch in den Grundwasserstandsmessungen in Niedersachsen deutlich spürbar“, sagt Carsten Lippe, Pressesprecher des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Die Behörde ist für die Überwachung der Grundwasserstände zuständig. Aktuell gebe es einen aktiven Diskurs auf fachlicher Ebene, etwa mit Akteuren wie dem Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) oder der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser. „Auch im Bereich der Forschung beschäftigen sich die Akteure mit dem Thema“, sagt Lippe. Erste Ergebnisse eines Forschungsprojektes, welches gemeinsam mit Universitäten und dem LBEG durchgeführt wird, sind Anfang des nächsten Jahres zu erwarten.

Grundwasserspiegel sinkt in Becklingen, Miele und Queloh drastisch

Im Landkreis Celle wurde an drei Messstellen (Becklingen, Miele und Queloh) eine stark fallende Tendenz in den vergangenen 30 Jahren festgestellt. Der Grundwasserspiegel ist hier um mehr als ein Prozent pro Jahr gesunken. Leicht sinkend ist die Tendenz an den Messstellen Beckedorf, Lachendorf, Rebberlah und Quarmühle. Die Datenanalyse von Correctiv.Lokal zeigt zudem eine leicht sinkende Tendenz in Unterlüß und Lünsholz an. Laut NLWKN ist der 30-jährige Trend hier aber gleichbleibend. Gestiegen ist der Grundwasserspiegel laut NLWKN in Beedenbostel.

„Die Trends können auch regional an verschiedenen Messstellen sehr unterschiedlich ausfallen“, sagt Lippe. „Pauschale Aussagen können nur schwer getroffen werden, da uns zum Beispiel auch die möglichen anthropogenen Beeinflussungen am einzelnen Messpunkt nicht immer bekannt sind.“ Der Begriff „anthropogen“ beschreibt alles vom Menschen Beeinflusste.

Michael Huber, Beirat in den Umweltausschüssen des Landkreises und der Stadt Celle, fordert ein Umdenken.

Michael Huber: „Eklatanter Wassermangel im oberen Grundwasserhorizont"

Huber, der nach eigener Aussage alle wissenschaftlichen Fakten völlig neutral zusammengetragen und mit Quellen belegt hat, sieht beim Blick auf den Landkreis Celle Unterschiede. „Das Trinkwasser für die Stadt Celle wird bei Garßen aus einer etwa 60 Meter tief liegenden Grundwasserschicht gefördert, was dort dem unteren Grundwasserhorizont entspricht“, sagt der Beirat der Klimaausschüsse. „In dieser Schicht scheint derzeit noch reichlich Wasser zur Verfügung zu stehen.“ Doch auch das könne sich angesichts der abnehmenden Grundwasserneubildung in den kommenden Jahrzehnten ändern. Im oberen Grundwasserhorizont, der in den meisten Gebieten des Landkreises bei etwa vier bis zwölf Metern Tiefe liegt, sieht er dagegen einen „eklatanten Wassermangel“. „Angesichts der abnehmenden Grundwasserneubildung wurde und wird in weiten Gebieten des Landkreises offenbar zu viel Grundwasser entnommen, wobei die Feldberegnung sicher eine wesentliche Rolle spielt“, sagt Huber.

Beim NLWKN hält man sich mit einer solchen Aussage dagegen zurück. „Wie gestiegene Grundwasserentnahmen zum Beispiel für die öffentliche Wasserversorgung, den erhöhten Bewässerungsbedarf beziehungsweise den weiteren Ausbau der Feldberegnung die Entwicklung der vergangenen Jahre beeinflusst haben, können wir als NLWKN nicht abschließend beurteilen“, sagt Lippe. Für entsprechende Genehmigungen sind in der Regel die unteren Wasserbehörden der Landkreise zuständig.

Beregnungsverbände müssen Entnahmen an Landkreis Celle melden

„Die Höhe der Beregnungsmenge ist in der Erlaubnis des jeweiligen Beregnungsverbandes festgelegt“, sagt Tore Harmening, Sprecher des Landkreises Celle. Diese festgelegten Entnahmemengen dürften nicht überschritten werden. „Die Beregnungsverbände sind verpflichtet, die Entnahmen dem Landkreis monatlich zu melden“, sagt Harmening. „Bei Erreichen der genehmigten Entnahmemenge ist die Beregnung einzustellen.“ Das werde vom Landkreis überwacht.

„Des Weiteren werden seitens der unteren Wasserbehörde die Entnahmen aus Beregnungsbrunnen in sensiblen Bereichen beschränkt“, ergänzt der Kreissprecher. „Auch werden dort die Grundwasserstände besonders überwacht. Bei Erreichen eines kritischen Wertes werden die entsprechenden Beregnungsbrunnen abgeschaltet.“

Huber fordert in seiner Stellungnahme aber mehr. „Als tendenziell von der Grundwasserknappheit bedrohter Landkreis sollte mit dem Verbrauch auch im Trinkwasserbereich sehr sorgfältig und sparsam umgegangen werden“, sagt er. Eine Neuansiedlung von Industrie oder Gewerbe mit hohem Wasserverbrauch sei abzulehnen. „Speziell im Bereich Landwirtschaft würde jede Ausweitung der Grundwasserentnahme den Landwirten vielleicht kurzfristig Entlastung bringen, aber mittel- und langfristig würden sie sich selbst das ,Wasser abgraben‘“, sagt das Klimaplattform-Mitglied.

Landwirtschaft im Landkreis Celle: Umstellung auf andere Früchte?

Die vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium teilweise subventionierte Neuanschaffung von Großflächen-Beregnungsanlagen in Linear- oder Kreistechnik kritisiert Huber: „Die Vorteile dieser moderneren Anlagen liegen laut Fachliteratur vor allem beim Energieverbrauch und beim Arbeitsaufwand und nicht bei einer Wasserersparnis.“ Wirkliche Wasserersparnisse von bis zu 70 Prozent würden nur Mikrobewässerungssysteme (Tröpfchen- beziehungsweise Punktbewässerung) oder Unterflurbewässerung (Tropfrohre im Wurzelbereich der Pflanzen verlegt) bringen. „Das bedeutet in der Regel mehr Aufwand und ist nicht für alle Kulturen gleich gut geeignet“, schränkt Huber ein. Über die Bewässerung und Bewässerungstechniken allein lasse sich das Dürreproblem nicht lösen. „Man braucht unter anderem andere Fruchtfolgen, Mischkulturen, Untersaaten, Mulchsaat, Direktsaat und Bodenbedeckung im Winter“, sagt Huber. „Letztlich wird auch in vielen Fällen die Umstellung auf völlig andere Feldfrüchte nicht zu umgehen sein.“ Insbesondere müsste der in den vergangenen 20 Jahren stark ausgeweitete Anbau von Biogas-Mais mittelfristig wieder reduziert werden.

Projekt „Wasserrückhalte- und Grabenmanagement“ im Landkreis Celle

Das vom Bundesumweltministerium und vom Landkreis Celle finanziell unterstützte Projekt „Wasserrückhalte- und Grabenmanagement“ nennt Huber einen ersten guten Ansatz. Es startet laut Landvolk-Geschäftsführer Martin Albers in Kürze. Ziel ist es, die vorhandene Grabenstruktur für die Grundwasserneubildung zu nutzen.

Grundwasser ist Grundlage für Trinkwasserversorgung

Als Grundwasser wird das unterirdische Wasser bezeichnet, das die Hohlräume des Untergrundes zusammenhängend ausfüllt. Das Grundwasser fließt in überwiegend sandigen oder kiesigen Grundwasserleitern (Aquifer) bei entsprechendem Wasserspiegelgefälle den oberirdischen Gewässern entgegen und tritt schließlich in diese ein. Schluffige und tonige Bodenarten lassen keine oder nur sehr geringe Grundwasserbewegungen zu; sie werden als Grundwasserhemmer bezeichnet.

Je nach den geologischen Verhältnissen können ein oder mehrere Grundwasserstockwerke übereinander liegen, deren einzelne Grundwasserleiter jeweils durch zwischengelagerte Grundwasserhemmer voneinander getrennt sind. Im obersten Grundwasserstockwerk steht das „freie“ Grundwasser unter atmosphärischem Druck. In darunter liegenden Stockwerken kann „gespanntes“ (artesisches) Grundwasser vorkommen.

Das Grundwasser ist ein Teil des natürlichen Wasserkreislaufes und zugleich unser größter und wichtigster Süßwasserspeicher. Aus ihm speisen sich Quellen, Flüsse und Seen. Oberflächennahe Grundwasservorkommen versorgen Pflanzen mit Wasser und lassen wertvolle Feuchtbiotope entstehen. Es ist nicht zuletzt die Grundlage unserer Trinkwasserversorgung, betonen Experten des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz.