Gaspreis

Sorgen um die Celler Mittelschicht

Zum Wegfall der Gasumlage gibt es bei der SVO und ihren Kunden viele Fragen – und bisher wenige Antworten. Eine Mangellage wird indes nicht erwartet.
  • Von Simon Ziegler
  • 30. Sept. 2022 | 16:19 Uhr
  • 30. Sept. 2022
Die Gasumlage ist Geschichte, die Preisbremse kommt: Die SVO wartet noch auf den endgültigen Beschluss aus Berlin, bevor die Senkungen an betroffene Kunden weitergegeben wird. In der Samtgemeinde Wathlingen hat Geschäftsführer Ulrich Finke über die Folgen der Gaskrise informiert.
  • Von Simon Ziegler
  • 30. Sept. 2022 | 16:19 Uhr
  • 30. Sept. 2022
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Celle.

Die Ampelkoalition hat am Donnerstag einen Abwehrschirm von bis zu 200 Milliarden Euro angekündigt, um Verbraucher und Unternehmen wegen der steigenden Energiepreise zu stützen. Die umstrittene Gasumlage ist vom Tisch – dafür soll es eine Gaspreisbremse geben. Für einen Teil des Verbrauchs sollen die Preise so gedeckelt werden, dass private Haushalte und Firmen nicht überfordert sind. Was das genau bedeutet, ist noch offen. Eine Kommission soll bis Mitte Oktober Vorschläge machen.

Abschläge wurden schon erhöht

Allerdings hat die Celler SVO wie andere Versorger auch bei einem Teil ihrer Kunden bereits die Abschläge erhöht. Die Preiserhöhungen sind, was die Gasumlage betrifft, von der Realität überholt. Wie der Celler Versorger damit umgeht, ist im Detail noch unklar. "Aktuell fehlt noch der endgültige und formelle politische Beschluss zum Wegfall der Gasbeschaffungsumlage", sagte am Freitag SVO-Sprecher Thomas Hans. "Liegt dieser vor, werden wir das selbstverständlich unverzüglich an unsere Erdgas-Kundinnen und -Kunden weitergeben und den Arbeitspreis entsprechend senken", so Hans weiter. Wie viele SVO-Kunden betroffen sind, wann diese wieder kontaktiert werden, ob sie die Gasumlage selbst abziehen können oder sollen; zu all diesen Fragen gab es zunächst keine Antworten.

Infos aus erster Hand in Samtgemeinde Wathlingen

Unterdessen hat SVO-Geschäftsführer Ulrich Finke am Mittwoch die Lokalpolitik im Wathlinger Samtgemeinderat über die Auswirkungen der Energiekrise informiert. "Wir wollen Informationen aus erster Hand", sagte Samtgemeindebürgermeisterin Claudia Sommer.

Preise im Großhandel verzehnfacht

"Seit Mitte 2021 haben sich die Preise im Großhandel sowohl für Strom als auch für Erdgas verzehnfacht", führte Finke aus. "Das Preisniveau von damals werden wir nie wieder erreichen." Flüssiggas sei zwei- bis dreimal so teuer wie russisches Gas, erläuterte Finke.

SVO hat vor zwei Jahren eingekauft

Sorgen bereiten ihm die vielen Kunden der unteren Einkommensgruppen. Er nannte folgendes Beispiel: In einem typischen Einfamilienhaus würden bisher 20.000 Kilowattstunden im Jahr verbraucht, der Abschlag für Gas liege bei vielleicht 180 Euro im Monat. Dieser Betrag könnte künftig auf bis zu 600 Euro steigen, "je nach Einkaufsstrategie" der Versorger – allerdings war hier die Gasumlage berücksichtigt. Finke erläuterte, dass die SVO die gegenwärtigen Preise auf dem Großmarkt vor zwei Jahren verhandelt habe. Andere Anbieter, so genannte Shortseller, seien viel kurzfristiger unterwegs. Sie würden beispielsweise erst dann Gas einkaufen, wenn sie einen neuen Kunden haben. Das erkläre auch die exorbitant gestiegenen Monatsabschläge von zum Teil mehr als 2000 Euro für einen einzigen Haushalt, über die zuletzt bundesweit berichtet wurde.

40 Prozent haben weniger als 2000 Euro

Gut 40 Prozent der Haushalte in Niedersachsen müssten mit weniger als 2000 Euro netto im Monat auskommen. "Derartige Preissteigerungen sowie weitere Preissteigerungen für Strom, Lebensmittel und Mieten können diese Haushalte wahrscheinlich nicht tragen", sagte Finke. Im Verbreitungsgebiet der SVO in den Kreisen Celle und Uelzen seien dies etwa 50.000 Haushalte der unteren Mittelschicht. Ein Teil könnte unter die Armutsgrenze fallen, obwohl sie bisher gar keine Sozialleistungen erhielten. Dazu kommt: Sozialbehörden und Jobcenter seien für den zu erwartenden Ansturm personell gar nicht ausgestattet.

Härtefallfonds zu kompliziert

Klar ist: Finke sprach im Samtgemeinderat, bevor am Donnerstag in Berlin die Gaspreisbremse beschlossen wurde. Der SVO-Geschäftsführer machte klar, dass Härtefallfonds das Grundproblem nicht lösen könnten. Denn die Prüfung, wer Anspruch habe und wer nicht, sei viel zu kompliziert. "Eine andere Lösung als den Gaspreisdeckel sehe ich nicht", so Finke. Er prognostizierte, dass es in diesem Winter in Deutschland keine Gasmangellage geben werde. Die Frage sei viel mehr, "ob wir uns das Gas noch leisten können". Sein für einen Versorger ungewöhnlicher Appell: Gas und Strom sparen, wo immer es geht.