Energiekrise

Verdreifachung der Energiepreise? Das sagt der SVO-Chef dazu

SVO-Geschäftsführer Holger Schwenke spricht im CZ-Interview über die aktuelle Marktlage und die Zukunftsaussichten und was das für Celler Kunden bedeutet.

  • Von Maren Schulze
  • 01. Aug. 2022 | 14:56 Uhr
  • 15. Aug. 2022
  • Von Maren Schulze
  • 01. Aug. 2022 | 14:56 Uhr
  • 15. Aug. 2022
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Celle.

Wie teuer genau es wird und ob die eingekauften Gasmengen wirklich auch geliefert werden, das kann im Moment niemand sagen. Klar ist aber: Energie wird teurer, sehr viel teurer. Holger Schwenke, Geschäftsführer der SVO Holding, die in den Landkreisen Celle und Uelzen der größte Energie- und somit auch Grundversorger ist, spricht im CZ-Interview mit Redakteurin Maren Schulze über die aktuelle Marktlage, die Zukunftsaussichten und darüber, warum jedes bisschen nicht verbrauchte Energie hilft.

Alle reden über Gas- und Strompreise: Wie ist die aktuelle Marktsituation?

Sie ist definitiv angespannt, die Versorgung aber sichergestellt. Gerade jetzt in der Sommerzeit benötigen wir nur etwa 40 Prozent der Gasmenge als in den Wintermonaten. Trotz deutlich reduzierter Lieferungen aus Russland ist der aktuelle Bedarf gedeckt. Allerdings müssen für die bevorstehenden Wintermonate auch die deutschen Gasspeicher ausreichend gefüllt sein. Die Politik strebt einen Füllstand bis November von 95 Prozent an. Aktuell liegen wir aber nur bei rund 66 Prozent. Ich glaube, dass Russland hier ganz gezielt die Liefermenge mit Blick auf die Speicher und den Winter stark reduziert hat, um unsere Abhängigkeit von russischem Erdgas möglichst lange aufrechtzuerhalten. Die technischen Restriktionen, die Russland für die Reduzierung der Liefermengen angibt, sind meiner Meinung nach nur vorgeschoben.

Es gilt: Jeder kann dazu beitragen, die Abhängigkeit zu Russland zu verringern. Jede heute eingesparte Kilowattstunde hilft, unsere Gasspeicher befüllt zu bekommen – und uns besser auf die bevorstehende Heizperiode vorzubereiten. Und zwar nicht nur jede gesparte Kilowattstunde Gas, sondern auch Strom sowie eingespartes Öl, Benzin oder Diesel. Das schont gleichzeitig auch den eigenen Geldbeutel. Bei den Preisen haben wir auf Einkaufsseite in den vergangenen Monaten teilweise Steigerungen von 700 Prozent verzeichnen müssen. Aufgrund unserer langfristigen Einkaufsstrategie konnten wir das aber im Sinne unserer Kundinnen und Kunden bislang noch abfedern. Allerdings ist zumindest mittel- und langfristig davon auszugehen, dass auf uns alle deutliche Mehrkosten für Energie zukommen werden. Der Chef der Bundesnetzagentur spricht von einer absehbaren Verdreifachung der Preise.

Wie viele Kunden mussten Sie in diesem Jahr als Grundversorger bereits neu aufnehmen, weil die plötzlich ohne Versorger dastanden?

Einige Anbieter sind Ende vergangenen Jahres durch ihr unseriöses Einkaufsverhalten in Schieflage geraten. Da sind wir dann im Kreis Celle (und im Kreis Uelzen) in unserer Funktion als Grund- und Ersatzversorger eingesprungen. Grund- und Ersatzversorger ist immer das Unternehmen mit den meisten Kunden im Netzgebiet des Netzbetreibers. In dieser Sondersituation konnten wir die betroffenen Kundinnen und Kunden zu absolut marktfähigen Preisen weiterversorgen. Es geht hier um eine Zahl neuer Kundinnen und Kunden im vierstelligen Bereich. Es ist davon auszugehen, dass weitere Billiganbieter in den kommenden Monaten in finanzielle Schieflage geraten und sich vom Markt verabschieden. Vermutlich werden wir also weitere Kundinnen und Kunden auffangen müssen.

Können Sie derzeit noch langfristig einkaufen?

Ja, das können wir und das bleibt auch weiter unser Ziel beziehungsweise Teil unserer Strategie – weil es grundsätzlich Planungssicherheit gibt. Das zeigt der Blick auf die jüngere Vergangenheit sehr deutlich. Die viel größere Frage ist: Werden im Fall von Erdgas die bestellten Mengen später auch tatsächlich geliefert, also sind sie überhaupt zu dem jeweiligen Zeitpunkt noch am Markt real vorhanden? Außerdem kann es natürlich auch passieren, dass unsere Vorlieferanten mögliche weitere Preissprünge zukünftig einfach direkt an uns weitergeben dürfen – wenn sich die Lage auf dem Markt weiter zuspitzt. Da würde dann auch eine langfristige Einkaufsstrategie leider nicht mehr vor kurzfristigen Preissprüngen auf Kundenseite schützen – weil wir die gestiegenen Preise dann auch weitergeben müssten.

Was kommt auf den Verbraucher da noch zu? Wie sollte er seine Abschläge für Strom und Gas anpassen oder wie viel Geld sollte er für Nachzahlungen zur Seite legen?

Fakt ist: Energie wird tendenziell teurer werden – und zwar auch deutlich teurer. Damit Kunden bei der Jahresabrechnung keine böse Überraschung erleben, ergibt es also in jedem Fall Sinn, den monatlichen Abschlag schon jetzt anzupassen. Die Frage ist allerdings, wie hoch konkret jeder seinen individuellen Abschlag ansetzen sollte. Das ist schwierig zu beantworten, weil wir nicht wissen, wie sich die Preise auf der Einkaufsseite generell entwickeln und ob es auch kurzfristig Preissprünge geben wird. Klar sagen kann man nur: Falsch wäre es definitiv, in Sachen Abschlag oder Rücklage gar nichts zu tun. Das gilt für Gas einmal mehr, aber auch für Strom. Darüber hinaus sollte jeder seinen eigenen Energieverbrauch überprüfen. Denn Energie, die ich nicht verbraucht habe, muss ich natürlich auch nicht bezahlen. Jede Kilowattstunde hilft.

Wird die SVO die Preise weiter erhöhen müssen?

Kurzfristig haben wir keine Preisanpassung bei unseren Produkten geplant. Mittelfristig wird Energie aber teurer werden, da sind sich alle Experten sicher. In welchem Umfang Preise angepasst werden müssen, hängt sehr stark von der weiteren Marktentwicklung ab. Eine zentrale Rolle spielt dabei weiterhin der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Jede Lieferkürzung treibt die Preise nach oben. Der Staat stützt mit zweistelligen Milliardenbeträgen die deutschen Gasimporteure. Er hat gerade die gesetzliche Grundlage geschaffen, Teile dieser Kosten in Form einer Umlage an die Endkunden weitergeben zu können. Die Bundesregierung plant die Einführung der neuen staatlichen Umlage für alle Gaskunden zum Oktober. Deren Höhe wird sich wahrscheinlich erst im Laufe des Augusts konkretisieren.

Was würde es für den Privatkunden preislich bedeuten können, wenn der Notfallplan Gas vollumfänglich in Kraft treten würde?

Der Notfallplan Gas wurde bereits im Frühjahr aktiviert, inzwischen gilt sogar die zweite Stufe („Alarmstufe“). Falls sich die Lage weiter verschärft, würde die Notfallstufe (Stufe 3) aktiviert werden. Dabei gilt, dass Privathaushalte und beispielsweise Altenheime oder Sicherheitsbehörden einen besonderen gesetzlichen Schutz genießen. Sie würden im Fall eines tatsächlichen Gasmangels erst ganz zuletzt kein Gas mehr bekommen. Losgelöst von dem Notfallplan Gas ist im Fall eines erheblichen Gasmangels im Energiesicherungsgesetz eine Klausel zur Preisanpassung vorgesehen. Gasimporteure können demnach mögliche Mehrkosten entlang der Lieferketten weitergeben. Diese Mehrkosten werden voraussichtlich auf uns zukommen. Wir werden diese Kosten dann wiederum an unsere Kundinnen und Kunden weitergeben müssen. Aktuell ist diese spezielle Klausel in dem Gesetz aber noch nicht aktiviert.

Könnte die SVO selbst in finanzielle Schieflage geraten, beispielsweise durch vermehrte Zahlungsausfälle bei den Kunden?

Die SVO-Gruppe ist ein finanziell solide aufgestelltes Unternehmen mit potenten Anteilseignern. Wir sind ein verlässlicher und sicherer Versorger, der seine Kundinnen und Kunden nicht im Stich lässt. Wir haben schon jetzt gezeigt, dass wir auch in Krisenzeiten lieferfähig sind und dabei auch wettbewerbsfähig bleiben. Wir haben die aktuelle Entwicklung immer fest im Blick und sehen in dieser Sache aktuell keinen Anlass zu konkreter Sorge. Logisch ist aber auch: Wenn es wirklich zu Zahlungsausfällen in größerem Ausmaß kommen sollte, wäre das für jeden Versorger problematisch. Wir behalten daher die Liquidität der SVO-Gruppe im Blick und plädieren an Bund und Land, Haushalte, die aufgrund der Preissteigerungen in wirtschaftliche Not geraten, staatlicherseits angemessen zu unterstützen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat den Bund aufgefordert, einen Schutzschirm über kommunale Energieversorger zu spannen. Die finanzielle Lage vieler Stadtwerke und anderer Energieversorger im kommunalen Besitz sei angesichts der hohen Einkaufspreise für Energie extrem angespannt, sagte Ramelow. Was halten Sie von diesem Vorstoß?

Die Grund- und Ersatzversorger im ganzen Land erfüllen im Rahmen der Daseinsvorsorge eine enorm wichtige Aufgabe. Gleichzeitig sehen sie sich mit einer noch nie dagewesenen Marktsituation und ganz besonderen Herausforderungen konfrontiert. Einkaufspreise für Energie sind in einem bislang nicht gekannten Umfang gestiegen – und das binnen kürzester Zeit. Ein Ende ist nicht absehbar. Das kann unter bestimmten Umständen eine Aufgabe sein oder werden, die nur gemeinsam zu bewältigen ist – gegebenenfalls auch mit staatlicher Unterstützung. Der Gesetzgeber hat auch schon reagiert und das Energiesicherungsgesetz erneuert. Dies sieht auch die Möglichkeit von Schutzschirmen für Energieversorgungsunternehmen vor. Diese werden aktuell ja auch schon bei den großen Gas-Importeuren (Uniper, WinGas, VNG) angewandt.

Energiesparen ist das Gebot der Stunde, viele Menschen suchen da bereits nach Lösungen. Warum soll man auch Strom sparen, wenn doch alle vor allem vom Gas reden?

Was viele nicht wissen: Erdgas spielt auch bei der Stromerzeugung zu gewissen Teilen eine Rolle. Gerade zu Spitzenverbrauchszeiten werden temporär Gaskraftwerke dazugeschaltet. Wenn wir einfach weniger Strom verbrauchen, ist das natürlich nicht nötig. Die Gaskraftwerke könnten ausgeschaltet bleiben. Sie würden damit auch kein Erdgas verbrauchen, das vielleicht an anderer Stelle dringender gebraucht wird. Es zählt also jede eingesparte Kilowattstunde, egal ob Strom, Gas oder auch andere Energieträger.

Wie wird der Strom erzeugt, den wir im Landkreis Celle verbrauchen?

Im Gesamtunternehmensmix der SVO-Gruppe stammen bilanziell rund zwei Drittel des Stroms aus Erneuerbaren Energien beziehungsweise sind EEG-gefördert. Knapp ein Viertel liefern Kohle und Erdgas-Kraftwerke. Gut acht Prozent des Stroms kommt aus Kernkraftwerken. Das ist die Theorie. In der Praxis sucht sich der Strom immer den kürzesten Weg. In unserem jährlichen Erneuerbare-Energien-Bericht weisen wir das regionale Verhältnis von Stromentnahme zu -Einspeisung im Bereich der Celle-Uelzen Netz GmbH als Netzbetreiber in der SVO-Gruppe aus. Dabei lässt sich feststellen, dass in unserem Netzbereich (Celle und Uelzen) inzwischen drei von vier Kilowattstunden aus regenerativen Energiequellen wie Strom-, Wind- und Wasserkraft sowie Biomasse gewonnen werden.

Welchen Anteil haben die privaten Haushalte am Stromverbrauch im Landkreis Celle? Und welchen Anteil die gewerblichen Abnehmer?

Deutschlandweit größter Stromverbraucher ist nach Angaben des statistischen Bundesamtes mit knapp 50 Prozent Anteil die Industrie. Etwa ein Viertel fällt auf den Bereich „Gewerbe, Handel, Dienstleistungen“ und noch einmal ein Viertel auf die Privathaushalte. Auf regionaler Ebene sieht das auf Vertriebsseite deutlich anders aus, weil es in unserem Bereich nur vereinzelt größere Industrieunternehmen gibt. Mehr als drei Viertel des Anteils am Gesamtverbrauch haben Haushalts- und Gewerbekunden. Weniger als ein Viertel entfällt auf Großverbraucher.

Wie schätzen Sie das Einsparpotenzial für einen durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt durch reine Verhaltensänderung ein?

Laut statistischen Daten wird der Großteil der Energie in Privathaushalten rein für das Heizen aufgewendet. Insofern gibt es hier auch das größte Einsparpotenzial. Als Faustformel gilt: Das Absenken der Raumtemperatur um ein Grad spart etwa sechs Prozent Heizkosten. Natürlich lässt sich so am Ende immer nur ein (kleiner) Teil der Energie und damit der Gesamtkosten einsparen. Rechnet man die nicht verbrauchte Energie aber auf alle Haushalte in Deutschland hoch, kommt da schon einiges zusammen. Wenn wir alle wirklich wollen, kann jeder Haushalt durch entsprechende Verhaltensänderungen bis zu 20 Prozent Energie sparen und damit Russland die Stirn bieten. Wir haben auf unserer Internetseite Energiespartipps und Links zu weiteren Informationen bereitgestellt.

Heute starten wir die Serie „Celle spart jetzt“, in der wir den Lesern einfache Möglichkeiten des Energiesparens aufzeigen wollen. Welche Bereiche kann das etwa umfassen?

Das größte Einsparpotenzial gibt es wie gesagt bei der Heizung. Die Raumtemperatur um ein Grad abzusenken, spart in etwa rund sechs Prozent Energie. Darüber hinaus sollten Heizkörper nicht zugestellt oder abgedeckt werden. Auch richtiges Lüften im Winter ist wichtig und spart Energie: Kurzes Stoßlüften schlägt dauerhaft gekippte Fenster. Dann gibt es aber noch jede Menge kleinerer Tipps, die jeder Haushalt – ohne finanziellen Aufwand – umsetzen kann. Es ergibt beispielsweise Sinn, Geräte mit Standby-Funktion wie etwa Fernseher oder Drucker bei Nichtgebrauch vollständig vom Netz zu trennen. Entsprechende Tipps und Links sind unter svo.de zu finden. Fakt ist: Wenn am Ende jeder einen kleinen Beitrag leistet, haben wir gemeinsam schon viel erreicht.