Energie-Pläne

AKW-Laufzeiten: Geteilte Meinung im Kreis Celle

Wie soll es mit den drei verbliebenen Atommeilern angesichts der aktuellen Energielage weitergehen? Das Stimmungsbild im Kreis Celle ist vielschichtig.

  • Von Marius Klingemann
  • 19. Aug. 2022 | 11:00 Uhr
  • 19. Aug. 2022
  • Von Marius Klingemann
  • 19. Aug. 2022 | 11:00 Uhr
  • 19. Aug. 2022
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Celle.

Das Thema Energieversorgung ist angesichts des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine samt wirtschaftlichem Rattenschwanz derzeit in aller Munde. Um die vorhandenen Gasmengen stärker zum Heizen nutzen zu können, ist unter anderem in der politischen Debatte, die drei noch laufenden deutschen Atomkraftwerke (AKW) für die Stromproduktion über ihr geplantes Abschalt-Datum am Ende des Jahres hinaus im "Streckbetrieb" laufen zu lassen. Auch im Kreis Celle sorgen solche Gedankengänge für Gesprächsstoff.

"Ich halte das für eine Scheindebatte", sagt etwa der SPD-Landtagsabgeordnete Maximilian Schmidt auf Anfrage der CZ. "Für die Grundlastfähigkeit brauchen wir schnelle und flexible Systeme", meint er – das sei bei der Atomkraft nicht gegeben, da sie "für Dauerbetrieb ausgelegt" sei. Benötigt, so Schmidt, würden Systeme, die "in der Wechselwirkung mit erneuerbaren Energien aus Wind, Sonne und Wasser" funktionierten. Diese müssten daher konsequent ausgebaut und mit "anderen ausgleichsfähigen Energieformen", wie es momentan auch noch Gas und Kohle seien, kombiniert werden.

 

Viele Celler in sozialen Medien für AKW-Verlängerung

In einer aktuellen Spiegel-Umfrage haben sich 78 Prozent der Teilnehmer dafür ausgesprochen, die drei letzten AKW – "Isar 2" in Bayern, "Neckarwestheim 2" in Baden-Württemberg sowie "Emsland" im niedersächsischen Lingen – bis Sommer 2023 anzulassen. 67 Prozent würden demnach auch einen Weiterbetrieb für die nächsten fünf Jahre befürworten.

Die Cellerinnen und Celler gehen in den sozialen Medien mehrheitlich in eine ganz ähnliche Richtung: "Weiterlaufen lassen, bis erneuerbare Energien auf sicheren Füßen stehen", heißt es da etwa. Oder gar: "Meinetwegen können die AKW, die sie im vergangenen Jahr dicht gemacht haben, wieder öffnen." Aber es gibt auch Gegenstimmen, zum Beispiel "Auf gar keinen Fall! Zu gefährlich bei Naturkatastrophen. Und wohin mit den atomaren Brennelementen?"

 

Bürgerinitiative: Verbliebene Meiler ""veraltet und gefährlich"

Nicht erfreut über die momentane Diskussion zeigt sich naturgemäß auch die BI (Bürgerinitiative) Südheide, die sich in den 1970ern aus Protest gegen ein damals mögliches Atommüll-Endlagers in Lutterloh gegründet hat. Sprecher David Bodammer betont gegenüber der CZ, dass "die Bundesregierungen seit dem Beschluss von 2011, endgültig aus der Atomkraft auszusteigen, den massiven Ausbau von erneuerbaren Energien verschlafen" hätten.

Die drei restlichen Meiler, findet Bodammer, seien "veraltet und dadurch gefährlich". Deutschland müsse daher schnellstmöglich seinen Weg aus atomaren (sowie fossilen) Technologien finden – und in diesem Zuge aus wirtschaftspolitischen Abhängigkeiten.

 

FDP-Landespolitiker: "Alle sinnvollen Möglichkeiten umsetzen"

Für Jörg Bode, der für die FDP im Landtag sitzt, "macht es Sinn, alle sinnvollen Möglichkeiten umzusetzen, um den Stromnotstand Ende 2022/Anfang 2023 zu verhindern". Damit bleibe für ihn zunächst auch das AKW-Trio im Spiel. Darüber hinaus müsse man "alle Optionen auf den Tisch legen und diskutieren" – etwa durch noch weiter verstärkte Initiativen für LNG-Terminals (für Flüssiggas) oder eine "ergebnisoffene Prüfung" der Förderung heimischen Erdgases aus Schiefer-Gestein.

Jörn Schepelmann von der CDU sagt, dass „in Zeiten akuter Energienot Pragmatismus gefragt ist" und es daher keinen Sinn mache, "drei AKW als verlässliche Energiequellen abzuschalten". Den Betrieb von Kohlekraftwerken jetzt hochzufahren, "nur um aus ideologischen Gründen und um jeden Preis am Atomausstieg festzuhalten", halte er für "mehr als fragwürdig".

Aus Schepelmanns Sicht gibt es in Sachen deutsche Energiepolitik zwei grundsätzliche Probleme: "Es fehlt uns die seriöse Antwort auf die Grundlastfähigkeit unseres Stromnetzes, zum anderen erleben wir insbesondere beim Ausbau erneuerbarer Energien vor Ort viel Widerstand." Hier müsse – unter anderem durch die Neugestaltung des Landes-Raumordnungsprogramms – mehr Akzeptanz bei den Bürgern geschaffen werden.