"Das ist reiner Protest"

Erklärungsversuche für AfD-Schock im Celler Westkreis

Vor allem in Wietze, Winsen und Hambühren haben viele Menschen AfD gewählt. Aber warum? Dazu passt: Der Wietzer Dennis Jahn zieht in den Landtag ein.

  • Von Simon Ziegler
  • 10. Okt. 2022 | 18:00 Uhr
  • 11. Okt. 2022
Im Celler Westkreis hat jeder fünfte Wähler sein Kreuz Rechtsaußen gemacht.
  • Von Simon Ziegler
  • 10. Okt. 2022 | 18:00 Uhr
  • 11. Okt. 2022
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Mit dem Einzug von Jens-Christoph Brockmann in den Landtag war gerechnet worden, mit dem von Dennis Jahn nicht: Für viele vollkommen überraschend wird der 30-jährige Wietzer künftig im Landesparlament sitzen – als einer von vier Vertretern aus Stadt und Kreis Celle. Neben den beiden AfD-Abgeordneten haben den Sprung ins Leineschloss nur die beiden CDU-Direktkandidaten Jörn Schepelmann und Alexander Wille geschafft. SPD und Grüne gehen leer aus.

Das Zweitstimmen-Ergebnis der AfD im Kreis Celle. 
Celle.

Jahn war bei der Landtagswahl am Sonntag nicht als Direktkandidat angetreten. Er stand aber auf Listenplatz 17 seiner Partei. Da die Liste bis zu Platz 18 zog, wie es im Fachjargon heißt, wird der Celler Kreistagsabgeordnete in den kommenden fünf Jahren im Landtag sitzen. "Ich nehme das Mandat an", stellte Jahn auf CZ-Nachfrage klar.

Dennis Jahn zieht in den Landtag ein.

Für Daniel Biermann eingesprungen

Dass sein Name überhaupt auf der Liste stand, liegt auch daran, dass der Celler AfD-Kandidat Daniel Biermann krankheitsbedingt an der Aufstellungsversammlung der Partei im Juni nicht teilgenommen und deshalb auch keinen Listenplatz hatte. "Ich bin für ihn eingesprungen", sagt Jahn. Er glaubt, dass er wegen einer überzeugenden Rede den guten Platz bekommen hatte. Doch mit dem Einzug in den Landtag habe er niemals gerechnet. Zu dem Zeitpunkt habe die AfD in Umfragen bei rund sechs Prozent gelegen.

Jahn ist im politischen Raum das erste Mal bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr aufgetaucht. Der Wietzer wohnte in Hambühren und kandidierte dort für den Gemeinderat. Jahn, der bei der Müllabfuhr arbeitet, trat mit dem Slogan "Endlich einer, der aufräumt" an. Er wurde sowohl in den Gemeinderat gewählt als auch in den Celler Kreistag. Sein Mandat in Hambühren ist er allerdings schon wieder los. Dennis Jahn, der verlobt ist und zwei Stiefkinder hat, zog zurück nach Wietze, weshalb er das Mandat in Hambühren im Frühjahr wieder abgeben musste. Im Landtag will Jahn künftig im Verkehrsausschuss arbeiten. Die marode Infrastruktur sei für ihn ein großes Thema. Außerdem fordert er wie viele andere Politiker, dass das Land die Sanierung von Straßen übernimmt. Die Anlieger müssten entlastet werden.

Jahn war unauffällig in Hambühren

"Im Gemeinderat Hambühren war er sehr unauffällig. Ich habe ihn nur ein paar Mal gesehen", sagt der Hambührener Ratsvorsitzende und bisherige Landtagsabgeordnete Thomas Adasch. "Zum Aufräumen ist er hier nicht gekommen", spielt der CDU-Politiker auf Jahns Wahlplakate an, "es gibt auch keinen Grund zum Aufräumen. Es ist alles sehr ordentlich bei uns in Hambühren".

Das starke Abschneiden der AfD im Kreis Celle hat bei Vertretern der anderen Parteien bereits am Sonntag für Entsetzen gesorgt. Der Stimmenanteil lag mit 14,8 Prozent im Wahlkreis Celle (mit Hambühren und Wietze) sowie 14,3 Prozent im Wahlkreis Bergen deutlich über dem Landesschnitt (10,9 Prozent). Vor allem das starke Abschneiden der AfD im Westkreis fällt ins Auge. In Wietze, Winsen und Hambühren hat am Sonntag jeder fünfte Wähler sein Kreuz bei den Rechtspopulisten gemacht.

Wahlkampf mit Alice Weidel in Wietze: Daniel Biermann (links) und Jens-Christoph Brockmann.

Westkreis ist AfD-Hochburg

Mit Erklärungsansätzen tut man sich in den drei Gemeinden schwer. Adasch sagt, dass es in Hambühren immer schon einen "gewissen rechten Bodensatz" gegeben habe und erinnerte an die Republikaner und an Lars Seidensticker, der bis 2009 im Rat gesessen hatte. "Das ist reiner Protest", sagt Adasch zum AfD-Ergebnis in Niedersachsen, "im Landtag hat die AfD inhaltlich nichts geleistet".

Zuspruch für Rechtsaußen hat Tradition

Auch Hambührens Bürgermeister Carsten Kranz verweist darauf, dass rechte Parteien in Hambühren schon seit etlichen Jahren Zulauf haben. 2016 habe die AfD zum Beispiel vier Mandate im Gemeinderat errungen, von denen sie nur zwei besetzen konnte. "Das ist keine erfreuliche Entwicklung. Das macht mir Sorgen", so der Verwaltungschef.

Dirk Oelmann.

Es gebe eine spürbare Enttäuschung über die Parteien, die Verantwortung tragen, sagt Wietzes Bürgermeister Wolfgang Klußmann. Er habe durchaus mit einem starken AfD-Ergebnis in seiner Gemeinde gerechnet, die Höhe habe aber auch ihn überrascht. Zum Beispiel in Hornbostel. Dort wurde die AfD mit mehr als 30 Prozent sogar vor SPD und CDU stärkste Kraft. Klußmann sagt, dass viele Menschen frustriert seien. "Es wird in Berlin ein Doppel-Wumms angekündigt und niemand weiß, was das konkret bedeutet. Dabei brauchen die Menschen jetzt Unterstützung."

Plötzlich auf Verliererseite

Aber warum ist der Frust gerade im Celler Westkreis so groß? Warum wählen in Wietze, Winsen und Hambühren deutlich mehr Menschen rechts als in Bergen, Südheide oder Eschede? Winsens Bürgermeister Dirk Oelmann glaubt, einen Ansatz gefunden zu haben. Im prosperierenden Westkreis hätten viele Menschen bis zum Kriegsbeginn am 24. Februar auf der Gewinnerseite gestanden, Kredite aufgenommen, Autos gekauft und Häuser gebaut. "Dann brach das Kartenhaus zusammen. Bei nicht wenigen Menschen waren die Finanzen auf Kante genäht. Jetzt steigen die Zinsen und die Lebenshaltungskosten explodieren. Diese Menschen haben aber keine 300 oder 400 Euro im Monat übrig, um all das aufzufangen", sagt Oelmann. Auf einmal stünden diese Menschen nicht mehr auf der Gewinner-, sondern gefühlt auf der Verliererseite und machten ihr Kreuz Rechtsaußen. AfD-Hochburgen in Winsen sind Bannetze mit fast 26 Prozent und Meißendorf mit mehr als 23 Prozent. Auch in Südwinsen-Ost haben mehr als 23 Prozent für die AfD votiert.

Neben der großen Angst vor Wohlstandsverlust komme in einem Teil der Bevölkerung eine große Unzufriedenheit, wie mit Flüchtlingen umgegangen werde, nennt Oelmann einen weiteren Grund. "Es gibt viele Menschen mit niedrigem Einkommen, die kein Bürgergeld bekommen. Sie wissen nicht mehr, wie sie ihr Leben finanzieren sollen. Nicht selten höre ich in Gesprächen mit diesen Bürgern, dass sie den Eindruck haben, dass Zuwanderer und Flüchtlinge besser gestellt werden als sie selbst, obwohl sie hart arbeiten", so der Winser Bürgermeister. "Das ist ja nicht meine Meinung. Ich glaube aber, das ist einer der Gründe, warum die AfD so viele Stimmen bekommen hat. Wir müssen uns diesen Fragen stellen."