So berichteten wir damals

Mörder von Rudolf Bröckel zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt

Vermisst, missbraucht, getötet: Rudolf Bröckel (9) aus Altencelle wurde Opfer eines Serientäters. So berichteten wir am 22. Mai  1993 über das Urteil im Prozess gegen den Kindermörder aus Oldau. 

  • Von Christoph Zimmer
  • 22. Mai 1993 | 16:11 Uhr
  • 26. Juli 2022
  • Von Christoph Zimmer
  • 22. Mai 1993 | 16:11 Uhr
  • 26. Juli 2022
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Altencelle.

Der ehemalige Kinderhilfspfleger Thomas E. wird wegen Mordes an zwei Jungen sowie sexuellen Mißbrauchs an Kindern in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Nach einer möglichen Heilung wird er anschließend eine lebenslange Haftstrafe antreten müssen.

Landgericht Lüneburg sicher: E. missbrauchte und tötete beide Jungen

Dieses Urteil verkündete gestern die als Schwurgericht tagende 4. Strafkammer des Landgerichts Lüneburg. Das Gericht sei, erklärte der Vorsitzende Hans-Günther Stürmann, zu der Überzeugung gekommen, daß der Angeklagte die beiden Jungen ermordete, um den sexuellen Mißbrauch in Tateinheit mit sexueller Nötigung zu verdecken.

Jungen konnten Täter nach tat genau beschreiben

Die beiden Jungen mußten sterben, weil sie den Täter in Gesprächen nach dem Mißbrauch zu genau beschrieben
hatten.

Gericht sieht keine Anhaltspunkte für verminderte Schuldfähigkeit

Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit für den Zeitraum der Morde sah das Gericht nicht. „Für die Morde sind sie voll verantwortlich“, sagte Stürmann. Er begründete dies mit den detaillierten Aussagen vor dem Ermittlungsrichter sowie den beiden Polizisten bei der Überführung von München nach Celle.

„Für die Morde sind sie voll verantwortlich.“

Hans-Günther Stürmann, Vorsitzender Richter im Prozess am Landgericht Lüneburg

Nach Ansicht des Gerichts sei der Entschluß, die Jungen zu töten, langsam gereift, wie das ziellose Herumirren im Wagen zumindest im Fall Brockel zeige.

Junge in Wohnung von Thomas E. in Oldau getötet

Der Mord an dem kleinen Michael aus Sanne erfolgte nach Angaben des Gerichtes in der Wohnung des Angeklagten, an einem Tag, als sich dessen Freundin auf einem Termin außerhalb Celles befand.

Ein möglicher dritter Mord wurde dank der Aufgewecktheit des neunjährigen Opfers aus Hof / Saale verhindert, weil dieser versprach, E. nicht zu verraten.

Thomas E. wurde als kleiner Junge selbst missbrauch

In einem Gespräch nach dem Mißbrauch auf einem Parkplatz außerhalb Münchens hatte der Anklagte dem Jungen erzählt, auch er sei als kleiner Junge mißbraucht worden. Weil sich ein positives Gespräch entwikkelte, habe der Angeklagte auf seinen Plan verzichtet, auch diesen Jungen zu töten.

 

„Das war das erste Mal, daß sich ein Opfer zum Partner entwickelte und nicht nur Objekt war."

Hans-Günther Stürmann, Vorsitzender Richter im Prozess am Landgericht Lüneburg

Statt dessen habe E., so das Gericht, eine große Fürsorglichkeit entwickelte die dazu geführt habe, daß der Junge mit seinem Vater telefonieren durfte und Übergabeort und -zeit festgelegt wurden. „Das war das erste Mal, daß sich ein Opfer zum Partner entwickelte und nicht nur Objekt war," erklärte Stürmann. Dies habe dem Kind vermutlich das Leben gerettet.

Landgericht Lüneburg: Taten waren keine Sexualmorde

Eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit billigte das Gericht dem Angeklagten für die begangenen Sexualdelikte zu, die aber keine Sexualmorde gewesen seien.

Die Schläge hätten die Jungen immer dann erhalten, wenn sie sich den Forderungen des Angeklagten widersetzt hätten. Sie seien nicht als Teil der sexuellen Handlungen zu werten, sondern ein „Kompensieren der Hilflosigkeit.“ Anzeichen von Sadismus gebe es bei dem Angeklagten nicht.
 

Die verminderte Schuldfähigkeit begründete Stürmann mit dem Lebensweg des Thomas E., der bereits als Kind einen „Passionsweg“ hat gehen müssen. 

Thomas E. von Stiefvater und Heiminsasse missbraucht

Dieser begann mit einer frühkindlichen Hirnschädigung durch Verletzungen, sexuellem Mißbrauch durch den Stiefvater, jahrelangen Aufenthalten in Heimen ohne Kontakte zur Mutter, Besuch der Sonderschule (trotz durchschnittlicher Intelligenz) und erneutem sexuellem Mißbrauch durch einen fünf Jahre älteren Heiminssassen.

Die frühen Erfahrungen haben „sie zu einer neurotischen Persönlichkeit werden lassen“ mit extremen Ambivalenzen, sagte Stürmann. Bei der Bemessung des Strafmaßes hätten daher die Tötungsdelikte im Vordergrund gestanden.

 

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür

Der Text ist am 22. Mai 1993 im Original in der Celleschen Zeitung erschienen. Wir haben lediglich die gefetteten Zwischenzeilen hinzugefügt und den Nachnamen des Täters abgekürzt.