Mutter und Tochter aus Westercelle von Astrologen getötet

Wie der Celler Kripobeamte Manfred Häder einen Serienmörder fasste

Er war ein Mann, den die Frauen liebten – zuvorkommend und charmant. Doch seine Absichten waren niederträchtig. Der Astrologe Arwed Imiela, auch genannt der „Blaubart von Fehmarn“, erschlich sich das Vertrauen der Damen. Vier Frauen ermordete er, darunter auch Ilse Evels (47) und ihre 19 Jahre alte Tochter Urte aus Westercelle – um von ihrem Geld zu leben. Mit der Kleiderbürste gelang es dem Celler Polizisten Manfred Häder und seinen Kollegen, entscheidende Beweise zu sammeln, die Arwed Imiela als Frauenmörder überführten.

  • Von Gunther Meinrenken
  • 24. Nov. 2022
  • 06:51 Uhr
24. Nov. 2022
 
Celle.

„Das ist eine der Bürsten von der Tankstelle“, sagt Manfred Häder und hält eine Kleiderbürste mit schwarzen Borsten hoch. „VW-Steenbock-Aral Burg/Fehm. Tel. 2511“, steht auf dem braunen Holzgriff, den der ehemalige Kripobeamte der Celler Polizei umfasst. Der unscheinbare Alltagsgegenstand spielt die entscheidende Rolle in einem der spektakulärsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit. Mit der Kleiderbürste gelang es Häder und seinen Kollegen, entscheidende Beweise zu sammeln, die Arwed Imiela als Frauenmörder überführten.

Arwed Imiela tötete zwei Frauen aus Westercelle

Kommissar Zufall, ein unglaubliches Timing und eine riesengroße Portion an kriminalistischem Spürsinn führten vor über 50 Jahren dazu, dass Imiela, zu dessen Opfern auch Ilse Evels (47) und ihre 19 Jahre alte Tochter Urte aus Westercelle gehörten, gefasst wurde. Maßgeblich beteiligt an der Verhaftung des 1973 zu lebenslanger Haft verurteilten Imiela waren die Celler Kripobeamten Ernst-Wilhelm Ahrens, Karl-Heinz Zantopp, Jochen von Frantzius und eben Manfred Häder. Die ersten beiden Kollegen sind leider bereits verstorben. Der auch aus der Celler Sportwelt und Politik bekannte von Frantzius musste ein gemeinsames Treffen mit der CZ leider kurzfristig absagen. Häder kann sich noch sehr gut an die damaligen Geschehnisse erinnern. Der heute 86-Jährige schildert die Ereignisse so lebendig, als wären sie erst gestern passiert.

„Ausschlaggebend war Herr Wabnitz von der Sparkasse. Wäre er nicht so misstrauisch gewesen, wäre Imiela davongekommen.“

Manfred Häder, ehemaliger Celler Kripo-Beamte

„Das war mein größter Fall“, sagt Häder, der Zeitungsberichte aus der damaligen Zeit über Imiela in einem kleinen Hefter gesammelt hatte. Bis auf zwei Artikel und eben die Kleiderbürste hat er vor ein paar Jahren alles weggeworfen. Der Fall ist ihm auch so noch präsent. „Ausschlaggebend war Herr Wabnitz von der Sparkasse. Wäre er nicht so misstrauisch gewesen, wäre Imiela davongekommen“, ist sich Häder sicher.

Astrologe suchte Kontakt zu wohlhabenden Frauen

Max Wabnitz war 1969 Angestellter der Kreissparkasse Celle. Zu seinen Kundinnen zählte auch Ilse Evels. Nach dem Tod ihres Mannes war der 47-Jährigen eine nicht unerhebliche Summe an Geld zugeflossen. Ihre in Hamburg wohnende Nichte Ulrike Roland war die Verlobte von Imiela, der als „diplomierter“ Astrologe und mit seiner charmanten Art Kontakt zu einigen betuchten Damen erhalten hatte. Ulrike Roland nimmt Imiela mit zu einem Besuch bei ihrer Tante. Er erschleicht sich das Vertrauen der Cellerin und ihrer Tochter. Schon bald erhält er eine Generalvollmacht. Ilse Evels verkauft ihr Haus. Im Oktober 1969 werden sie das letzte Mal gesehen.

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Sparkassen-Mitarbeiter wird misstrauisch

Imiela versucht, mit seiner Generalvollmacht an das Geld von Evels zu kommen, doch Wabnitz verweigert sich. Er möchte Ilse Evels persönlich sehen. „Herrn Wabnitz kam die Sache komisch vor. So kannte er Frau Evels nicht. Er hat dann seinen Chef darüber informiert, dass jemand an das Geld von Frau Evels will. Bei einem privaten Abend hat dann der Sparkassen-Chef meinen Chef getroffen und von der Sache berichtet“, erzählt Häder. Er und sein Kollege Zantopp werden beauftragt, der Sache nachzugehen. Zantopp soll sich um den Betrugsvorwurf kümmern, Häder um die Vermisstensache.

"Ich habe dann die Nachbarn befragt. Die waren auch alle überrascht, dass Frau Evels den Hausstand aufgelöst hatte. Sie hatte ihren Nachbarn erzählt, dass sie einen wunderbaren Mann kennengelernt hätte. Sie würde jetzt mit ihrer Tochter zu ihm nach Hamburg ziehen und dann gemeinsam mit ihm eine Weltreise unternehmen.“

Manfred Häder, ehemaliger Celler Kripo-Beamte

Der Ermittler fährt in die Straße Neues Land in Westercelle, dort, wo Evels ihr Haus besaß. „Die Tür war verschlossen. Ich habe dann die Nachbarn befragt. Die waren auch alle überrascht, dass Frau Evels den Hausstand aufgelöst hatte. Sie hatte ihren Nachbarn erzählt, dass sie einen wunderbaren Mann kennengelernt hätte. Sie würde jetzt mit ihrer Tochter zu ihm nach Hamburg ziehen und dann gemeinsam mit ihm eine Weltreise unternehmen.“ Die Möbel wurden von einer Spedition abgeholt, ein Lkw mit Hamburger Kennzeichen. Die erste Spur.

Hinweise führen nach Reinbeck und Fehmarn

Häder und Zantopp fahren nach Hamburg. Zantopp ermittelt bei den Banken, Häder telefoniert mit einem Hamburger Kollegen die Speditionen der Großstadt ab. „Beim 16. Anruf hatten wir Erfolg. Der Chef der Firma berichtete mir, dass Imiela persönlich vorbeigekommen war, um den Auftrag zu erteilen. Die Möbel seien zu seiner Wohnung in Reinbek gebracht und in Großenbrode, kurz vor Fehmarn, eingelagert worden“, so Häder.

Spediteur merkt sich Kennzeichen 

Doch der Chef der Speditionsfirma erzählt noch mehr. „Er war auch Jäger, wie Imiela. Sie haben sich über die Jagd unterhalten und Imiela hat ihn eingeladen. Sie haben sogar schon einen festen Termin gemacht. Als Imiela dann gegangen war, fiel dem Spediteur ein, dass er an dem Tag gar nicht konnte. Er machte das Fenster auf und wollte ihm hinterherrufen. Doch Imiela fuhr mit seinem Sportwagen gerade vom Hof. Er hat sich dann das Kennzeichen aufgeschrieben, warum auch immer.“

„Der Wagen gehörte einer Annamarie Schröder. Sie und ihre Mutter Anna-Maria Kieferle waren als vermisst gemeldet.“

Manfred Häder, ehemaliger Celler Kripo-Beamte

„F AJ 51“ – Häder weiß das Kennzeichen noch heute. Er stellte eine Anfrage bei seinen Frankfurter Kollegen. Bei der Antwort machte es zum ersten Mal richtig Klick bei dem Celler Ermittler. „Der Wagen gehörte einer Annamarie Schröder. Sie und ihre Mutter Anna-Maria Kieferle waren als vermisst gemeldet.“ Annamarie Schröder und ihre Mutter dürften die ersten Opfer von Imiela gewesen sein. Er lernt die gut situierte Frau eines Frankfurter Kaufmanns kennen, als sie bei ihm ein Horoskop bestellt. Die Muster gleichen sich. Schröder verlässt ihren Mann, Imiela zieht bei ihr ein. Kurze Zeit später verkauft sie die Villa und zieht mit ihrer Mutter in Imielas Bungalow auf Fehmarn. Sie stellt ihm eine Generalvollmacht aus. Im Januar 1969 beziehungsweise Dezember 1968 gibt es zum letzten Mal ein Lebenszeichen von den beiden. Bis heute sind ihre Leichen nicht gefunden worden. Doch von all dem weiß Häder zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Er organisiert zusammen mit Kollegen aus Reinbek eine Hausdurchsuchung bei Imiela. Der filmreife Showdown beginnt.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür

Imiela hatte schon Flugticket nach Paraguay

An einem Freitagmorgen Ende April 1970 rücken die Beamten an. Mittlerweile verstärken Ahrens und von Frantzius das Celler Ermittlerteam. Zantopp geht schon einmal mit Kollegen zur Wohnung von Imiela, während Häder den Hausmeister holt. Zusammen fahren sie mit dem Fahrstuhl hinauf. In der Kabine steht bereits ein Mann. „Der Hausmeister hat mich angestoßen und mir zugeraunt: Das ist er.“ Als sie im Stockwerk von Imielas Wohnung ankommen, steigen alle aus. Häder eröffnet dem verblüfften Imiela, dass er festgenommen sei. „Er war geschockt, hatte Angst. Das konnte man sofort sehen“, so Häder.

"Im Handschuhfach haben wir die Kleiderbürste und ein Flugticket von Stockholm nach Paraguay gefunden. Aber er hatte etwas vergessen und wollte noch einmal in die Wohnung. Wenn das nicht passiert wäre, hätten wir ihn wohl nie erwischt.“

Manfred Häder, ehemaliger Celler Kripo-Beamte

Bei den Durchsuchungen stellt sich heraus: Die Polizisten hätten keine Minute später kommen dürfen. „Der Wagen von Imiela war voll gepackt. Koffer, sein Schreibautomat, mit dem er die Horoskope erstellt hat, und jede Menge Briefe waren darin verstaut. Das ganze Belastungsmaterial. Er hat wohl mitbekommen, dass wir ihm auf der Spur sind, und wollte flüchten. Im Handschuhfach haben wir die Kleiderbürste und ein Flugticket von Stockholm nach Paraguay gefunden. Aber er hatte etwas vergessen und wollte noch einmal in die Wohnung. Wenn das nicht passiert wäre, hätten wir ihn wohl nie erwischt“, erzählt Häder.

Werbegeschenk führt Polizisten zu Zeugen

Für die Celler Beamten hätte der Fall damit erledigt sein können. Sie hatten ihre Arbeit gemacht, ab der kommenden Woche wären die Kollegen aus Schleswig-Holstein zuständig gewesen. Es war Freitagnachmittag, sie hätten nach Hause fahren können, um das Wochenende mit ihren Familien zu verbringen. Doch Häder und von Frantzius folgten der Kleiderbürste, ein Werbegeschenk der Tankstelle, und machten sich auf den Weg nach Fehmarn. „Wir mussten wissen, wo die Frauen sind“, sagt Häder.

Zeitzeugen gesucht

Sie sind Zeitzeuge von Kriminalfällen aus dem Celler Land? Dann melden Sie sich gern in der CZ-Redaktion per E-Mail an redaktion@cz.de, Betreff „Tatort Celle“, oder rufen Sie an unter Telefon (05141) 990-110.

 

Tankwart hat Ludergrube ausgehoben 

Auf der Ostseeinsel nehmen sie sich ein Hotelzimmer und steuern die Tankstelle an. Hier begegnen sie dem Tankwart Hans Grunst. „Er erzählte uns, was für ein feiner Herr Imiela sei. Die protokollarische Vernehmung war abgeschlossen, Herr Grunst hatte unterschrieben, aber wir plauderten noch ein wenig. Da erzählte er uns, dass Imiela immer sehr großzügig gewesen sei. Erst neulich habe er 50 Mark von ihm bekommen, weil er ihn eine Ludergrube ausgehoben habe, mit der er Füchse anlocken wollte.“

„Die war mit Gestrüpp zugedeckt, das haben wir wegräumen lassen. Herr Grunst hat dann angefangen zu graben. Schon nach dem ersten Spatenstich habe ich gesehen: Da ist was. Ich bin dann näher rangegangen und sah ein bekleidetes Rumpfteil von einem Körper.“

Manfred Häder, ehemaliger Celler Kripo-Beamte

Häder und von Frantzius fahren ins Hotel. Am nächsten Morgen machen sie sich mit Grunst auf den Weg zur Ludergrube. „Die war mit Gestrüpp zugedeckt, das haben wir wegräumen lassen. Herr Grunst hat dann angefangen zu graben. Schon nach dem ersten Spatenstich habe ich gesehen: Da ist was. Ich bin dann näher rangegangen und sah ein bekleidetes Rumpfteil von einem Körper.“ Später werden die Leichenteile Ilse und Urte Evels zugeordnet.

Leichenteile gehören zu Ilse und Urte Evels

Nach der gruseligen Entdeckung handeln die Celler Beamten sofort. Von Frantzius bleibt bei der Ludergrube, Häder und Grunst fahren so schnell sie können zur Polizeistation in Burg. Die Zeit drängt. Imiela soll dem Haftrichter vorgeführt werden, der über einen Haftbefehl entscheidet. Bisher lautet der Verdacht nur auf Betrug. Nach dem Fund der Leichenteile hatte sich die Situation dramatisch verändert. Ohne die neuen Beweise besteht die Gefahr, dass der Haftrichter Imiela laufen lassen könnte. „Wir haben es geschafft, rechtzeitig unsere Kollegen von der Kripo Oldenburg zu verständigen. Imiela blieb in Haft. Nur jetzt lautete die Anklage auf Mord“, erzählt Häder, der mit seiner Beharrlichkeit und seinem Spürsinn Imiela zur Strecke gebracht hat.