Morde an Frauen im Landkreis

Wenn die Trennung tödlich endet: Femizide in Celle

Im Mai 2022 wurde die 35-jährige Esra auf offener Straße erstochen. Der Prozess gegen den Beschuldigten, ihren zwei Jahre älteren Ehemann, soll im Oktober beginnen. Zahlreiche Frauen aus dem Landkreis Celle wurden vor Esra unter ähnlichen Umständen getötet. Morde wie diese passieren so häufig, dass dafür ein eigener Begriff geprägt wurde: Femizid.

  • Von Jana Wollenberg
  • 29. Sept. 2022
  • 14:58 Uhr
29. Sept. 2022
 
Celle.

Juni 1996: Eine 25-jährige Steuerfachangestellte betritt gemeinsam mit ihrem neuen Partner ihre Wohnung in Lachendorf, wo ihr Ex-Freund auf sie wartet. Januar 2003: Nach der Trennung von ihrem Mann vertraut sich eine 54-jährige Frau einigen ihrer Arbeitskollegen an – sie sorgt sich darum, wie ihr Ex-Partner reagieren könnte. Im Mai 2022 will sich eine 35-jährige Frau von ihrem möglicherweise gewalttätigen Ehemann trennen. Würden diese drei Frauen noch leben, würden sie sich wahrscheinlich nicht kennen und hätten möglicherweise auch nicht viel gemeinsam. Was sie aber verbindet: Sie alle wurden nach der Trennung von ihren Ex-Partnern getötet.

Ex-Freund der Lachendorferin zu zwölf Jahren Haft verurteilt

Der Ex-Freund der 25-jährigen Lachendorferin wird vier Monate nach der Tat zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er hatte 43-mal mit einem Messer auf sie eingestochen, das Urteil lautet Totschlag. Für den Mann, der seine Ex-Frau im Rathaus in Nienhagen aufsucht, fällt kein Urteil – er hatte erst sie und dann sich selbst erstochen. Im Fall der 35-jähigen Esra, die im Mai in Burgdorf auf offener Straße angegriffen wird, wartet der Beschuldigte – der 37-jährige Ehemann aus Wathlingen – in Untersuchungshaft darauf, dass der Mordprozess gegen ihn beginnt.

Esra aus Wathlingen in Burgdorf brutal getötet

„Der Begriff Femizid existiert, um deutlich zu machen: Es geht nicht um Eifersucht, sondern ums Geschlecht.“

Katja Grieger, Sprecherin des Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe

Wann wird aus einem Mord ein Femizid?

Je weiter der Blick in die Vergangenheit geht, desto mehr ähnlich klingende Fälle lassen sich im Archiv der Celleschen Zeitung finden und machen sichtbar, dass hinter vermeintlichen Einzelfällen ein größeres gesellschaftliches Problem steht: Im Dezember 1970 wird eine 17-Jährige auf dem Heimweg aus der Diskothek von dem Mann erwürgt, den sie zuvor zurückgewiesen hatte. Im August 2009 tötet ein Mann zwei junge Frauen aus Winsen auf einem Campingplatz in Cuxhaven – nach der Trennung glaubte er, seine Ex-Freundin würde den Urlaub mit einem anderen Mann verbringen. 139 Frauen wurden in Deutschland 2020 laut Kriminalstatistik von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. „Das ist aus unserer Sicht die häufigste Form des Femizids“, sagt Katja Grieger, Sprecherin des Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe. „Der Begriff Femizid existiert, um deutlich zu machen: Es geht nicht um Eifersucht, sondern ums Geschlecht.“

„Oft erleben wir, dass die Täter eigene Minderwertigkeitsgefühle dadurch zu kompensieren versuchen, dass sie Gewalt ausüben.“

Anja Fischer, Mitarbeiterin des Celler Frauenhauses

Aber wann wird aus Mord oder Totschlag ein Femizid? „Wir würden sagen: Wenn es darum geht, dass die Frau die ihr zugeschriebene Frauenrolle verlassen hat“, so Grieger. „Es geht zum Beispiel darum, dass er sie als seinen Besitz ansieht.“ Auch das Bedürfnis, Macht und Kontrolle über die Frau auszuüben, zählt die Expertin zu den Hintergründen. „Oft erleben wir, dass die Täter eigene Minderwertigkeitsgefühle dadurch zu kompensieren versuchen, dass sie Gewalt ausüben“, sagt Anja Fischer, Mitarbeiterin des Celler Frauenhauses. Komplett verlässliche Anzeichen, dass das Leben der betroffenen Frau in Gefahr ist, gebe es nicht. „Aber erfahrungsgemäß entwickelt sich Gewalt in Beziehungen häufig in Form einer Eskalationsspirale“, sagt sie. Es beginne eventuell damit, dass der Partner sehr eifersüchtig und kontrollierend sei, dass er die Partnerin dränge, Sozialkontakte zu reduzieren oder ganz einzustellen. Dies kann einhergehen mit oder eine Vorstufe sein für verbale Gewalt, also Drohungen, Beschimpfungen, abwertende Bemerkungen. Das Ganze ist oft damit verknüpft, dass der Partner von seiner Partnerin auch sexuelle Verfügbarkeit erwartet.“ Möglicherweise gebe es irgendwann erste körperliche Übergriffe, so Fischer. „Im Extremfall folgt dann irgendwann die Tötung der Partnerin.“

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Bedrohung klare Anzeichen eines Femizids

„Bedrohung ist ein ganz klares Anzeichen“, sagt auch Katja Grieger. „Es fallen Sätze wie: Wenn du gehst, wirst du das nicht überleben.“ Diese Erfahrung können auch die Mitarbeiterinnen des Celler Frauenhauses bestätigen. „Frauen, die zu uns kommen, sind von ihren Partnern oder ihrer Familie häufig mit dem Tod bedroht worden oder fürchten, umgebracht zu werden, wenn der Partner sie findet“, berichtet Anja Fischer. Diese Eindrücke aus der Arbeit von Beratungsstellen und Anlaufstellen für Schutzsuchende machen deutlich: Nicht immer, aber häufig sind Femizide eine Fortsetzung häuslicher Gewalt. So wurde auch im Fall der getöteten Esra, deren Ehemann wegen Mordes angeklagt ist, über einen aktenkundigen Vorfall berichtet – kurz vor der Tat soll er der 35-Jährigen gegenüber handgreiflich geworden sein. „Statistisch gesehen beginnt für Frauen nach der Trennung die gefährlichste Zeit“, betont Grieger.

So berichteten wir damals

„Hier würden wir uns erhoffen, dass in Ermittlungsverfahren künftig systematisch geprüft wird, ob ein geschlechtsspezifisches Motiv vorliegt.“

Katja Grieger

Rechtlicher Rahmen könnte sich ändern

Gesetzlich definiert ist der Begriff Femizid bis jetzt nicht. Die Frage, ob ein Gericht die Tötungen der 25-Jährigen aus Lachendorf oder der 35-jährigen Esra als solchen anerkennen würde, stellt sich daher bislang nicht. Ändern könnte das der Vorschlag des Bundesjustizministeriums, die sogenannte Strafzumessungsnorm im Bundesgesetzbuch zu erweitern. Zu den Beweggründen, die danach bisher im Strafmaß berücksichtigt werden, gehören unter anderem Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Künftig könnten auch geschlechtsspezifische Tatmotive hinzukommen. Der Begriff „geschlechtsspezifisch“ beziehe sich nicht nur auf Hass gegen Menschen eines Geschlechts, erklärt das Bundesjustizministerium in einer Pressemitteilung, „sondern soll auch die Fälle einbeziehen, in denen die Tat von Vorstellungen geschlechtsbezogener Ungleichwertigkeit geprägt ist. Dies ist etwa dann der Fall, wenn der Täter gegenüber seiner Partnerin oder Ex-Partnerin mit Gewalt einen vermeintlich patriarchalischen Herrschafts- und Besitzanspruch durchsetzen will.“ „Hier würden wir uns erhoffen, dass in Ermittlungsverfahren künftig systematisch geprüft wird, ob ein geschlechtsspezifisches Motiv vorliegt“, sagt Katja Grieger.

Hier finden Schutzsuchende Hilfe

Im Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe sind über 210 Notrufe und Anlaufstellen für Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt sind, zusammengeschlossen, erklärt Katja Grieger (rundes Bild). Ziel der Arbeit ist es, die Interessen der Mitgliedseinrichtungen zu vertreten und durch Öffentlichkeitsarbeit zur Enttabuisierung des Themas beizutragen. Wer Hilfe sucht, kann sich an die bundesweiten Hilfetelefone Gewalt gegen Frauen (0800/116016) und Sexueller Missbrauch (0800/2255530) wenden. In Celle ist das Frauenhaus 24 Stunden für Schutzsuchende erreichbar unter Telefon (05141) 25788.

Flächendeckende Risikoanalysen zur Vorbeugung von Femiziden gefordert

„Um Femiziden vorzubeugen, braucht es dringend flächendeckende Risikoanalysen“, fügt sie hinzu. 2018 habe eine Recherche der „Zeit“ gezeigt, dass 60 Prozent der Täter, die ihre Partnerin getötet haben, schon einmal in Erscheinung getreten sind, zum Beispiel in Fällen häuslicher Gewalt. „Manchmal endet mit der Trennung die Gewalt“, so die Expertin. Analysen könnten aufdecken, welche Frauen besonders in Gefahr sind. Um das umzusetzen, brauche es vor allem Personal und damit Geld, das im Moment nicht zur Verfügung stehe.

Und nicht zuletzt sei es entscheidend, wie die Menschen mit Opfern von Gewalt umgehen, wenn sie sich ihnen anvertrauen, so Grieger: Was hört eine Frau, wenn sie einer Kollegin erzählt, was zu Hause passiert? In der Regel würden Betroffene zu einem früheren Zeitpunkt in die Beratungsstellen kommen, glaubt die Expertin, wenn sie unterstützt und dazu ermutigt werden, um Hilfe zu bitten.

Das gesellschaftliche Klima müsse sich ändern, betont Grieger. Dazu gehöre auch die Art, wie über Femizide gesprochen wird. „Möglicherweise war es eine Beziehungstat“, wird in der CZ vom 4. Mai 2002 ein Ermittler zitiert – gesucht wurde der Mörder der 54-jährigen Wathlingerin Waltraut L., später stellte sich heraus, dass sie von ihrem Ehemann erstickt wurde. Auch Begriffe wie „Ehedrama“ sind in Fällen wie diesem bis heute keine Seltenheit. „Wir lehnen diese Begriffe ab, weil sie die Tötung verharmlosen und individualisieren“, sagt Anja Fischer. „Es klingt regelmäßig so, als sei ,nur‘ ein Streit des Paares eskaliert. Hinter diesen vermeintlichen Einzelschicksalen bleibt aber verborgen, dass die noch immer niedrigere Stellung der Frau ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, ein Thema, das sich durch fast alle Lebensbereiche zieht.“

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür