Falschaussage vor Gericht

Angeblich kleine Nichte aus Celle missbraucht: Mann in Prozess freigesprochen

Die Vorwürfe gegen Ali M. sind schlimmster Art: Fünfmal soll er zwischen 2017 und 2020 die heute 11-jährige Tochter seiner Schwester, die im Kreis Celle wohnt, sexuell missbraucht haben. Doch das Gericht hat den 42-jährigen freigesprochen. So begründet die Richterin das Urteil. 

  • Von Benjamin Reimers
  • 20. Okt. 2022 | 07:05 Uhr
  • 20. Okt. 2022
Landgericht Lüneburg.
  • Von Benjamin Reimers
  • 20. Okt. 2022 | 07:05 Uhr
  • 20. Okt. 2022
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Lüneburg.

Das Landgericht Lüneburg folgte im Missbrauchsprozess den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. „Wir haben in den Aussagen kein Erlebnisbezug erlebt. Vielmehr einen hohen Belastungseifer“, mit diesen Worten leitete die Vorsitzende Richterin Silja Precht in die mündliche Urteilsbegründung ein.

Hitzige Wortgefechte vor Gericht

Der 42-jährige Tischler aus dem hessischen Fuldatal war mit Vorwürfen schlimmster Straftaten seitens der im Kreis Celle lebenden Verwandtschaft konfrontiert gewesen. Fünfmal solle er zwischen Januar 2017 und Mai 2020 die heute 11 Jahre alte Tochter seiner Schwester sexuell missbraucht haben. Als Tatorte nannte die Anklage Wohnungen in Celle und der Schulstraße in Eicklingen. Außerdem tauchte ein Waldstück östlich von Celle als möglicher Tatort in den Akten auf.

„Zweifel an der Glaubwürdigkeit gab es von Beginn an. Die geschilderten Fakten seien höchstwahrscheinlich auswendig gelernt gewesen.“

Aus dem Gutachten einer Psychologin der Medizinischen Hochschule Hannover

Hitzige Wortgefechte zwischen Richterin Precht und der Verteidigung hatten die Atmosphäre des Prozesses geprägt, der großenteils unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. „Schreien Sie hier nicht herum“, ermahnte die Strafkammervorsitzende den Verteidiger, Rechtsanwalt Thorsten Hess. Dieser kritisierte lautstark die Verhandlungsleitung der Vorsitzenden.

Gutachten entscheidend

Für den Ausgang des Verfahrens war das Gutachten einer Psychologin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) entscheidend. „Zweifel an der Glaubwürdigkeit gab es von Beginn an. Die geschilderten Fakten seien höchstwahrscheinlich auswendig gelernt gewesen“, so die Gutachterin.

„Ich bin hier, weil ich meine Tochter beschützen will – und auch, damit das nicht noch mehr passiert.“

Mutter des Kindes

Die Aussage der 38-jährige Mutter des Mädchens war von Belastungseifer gekennzeichnet, den Richterin Precht rügte. Der Angeklagte genoss großes Vertrauen innerhalb der Familie. Von ihrer Schwägerin habe sie erfahren, dass Ali M. mehrfach das Zimmer betrat, in dem die Tochter schlief. „Das gefiel uns gar nicht“, sagte die Mutter. Etwas später, auf einem gemeinsamen Ausflug, habe die Elfjährige dann Details zu den Übergriffen genannt. „Ich bin hier, weil ich meine Tochter beschützen will – und auch, damit das nicht noch mehr passiert“, gab die 38-jährige Hauswirtschafterin zu Protokoll.

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„Wir haben eine Falschaussage eines Kindes erlebt. Das ist sehr bedenklich, und wir konnten den Ursprung nicht klären.“

Vorsitzende Richterin Silja Precht

Die 5. Große Jugendkammer erfüllte den Wunsch nach einer strengen Bestrafung nicht. „Wir haben eine Falschaussage eines Kindes erlebt. Das ist sehr bedenklich, und wir konnten den Ursprung nicht klären“, fasste die Vorsitzende Richterin Silja Precht zusammen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.