Leichenteile in der Ludergrube

Ilse Evels und Tochter Urte aus Westercelle fallen Serienmörder Arwed Imiela zum Opfer

Verschwundene Frauen, zerstückelte Leichen und ein geheimnisumwitterter Täter – diese Zutaten vermutet man eher in spannungsgeladenen Kriminalfilmen, aber sie haben einen ganz realen Hintergrund. Vor bald 50 Jahren wurde der Astrologe Arwed Imiela in einem Indizienprozess vom Schwurgericht Lübeck wegen vierfachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Zu seinen Opfern zählten auch zwei Frauen aus Westercelle: die 47 Jahre alte Ilse Evels und ihre 19-jährige Tochter Urte. 

  • Von Gunther Meinrenken
  • 03. Nov. 2022
  • 15:51 Uhr
03. Nov. 2022
 
Westercelle.

Ihre Leichen wurden in einer Luderkuhle in einem Jagdrevier gefunden, das Imiela auf der Insel Fehmarn gepachtet hatte. Die Köpfe, die Arme und ein Bein der beiden Frauen wurden nie gefunden. Von seinen anderen beiden Opfern fehlt bis heute jede Spur.

„Zum ersten Male versucht Arwed Imiela, er ist gerade 17 Jahre alt, eine Welt zu errichten, in der er das ist, was er sein könnte – hätte er eine Kindheit gehabt, die ihm zu sich selber Mut machte, und eine Ausbildung, die seiner Intelligenz entspricht.“

Der Spiegel am 27, Mai 1973 nach der Verurteilung des Serienmörders in einer Titelstory

„Blaubart von Fehmarn“ - Arwed Imiela hatte Schwierige Kindheit

„Blaubart von Fehmarn“ – Imiela wurde schon früh von der Presse mit allen erdenklichen Titeln belegt. Gerüchte machten die Runde, er wäre als Geheimagent aktiv. All das ist Ausfluss seiner geheimnisvollen Aura, die ihre Wirkung auf Frauen nicht verfehlte. Imiela galt als charmant, gebildet und wohlhabend. Doch sein Vermögen hatte er in erster Linie Frauen zu verdanken, die ihm ihr Geld anvertrauten. Imiela selbst kam aus schwierigen Verhältnissen.

Mörder erfindet für sich eine ganz neue Identität 

Arwed Imiela wurde im Oktober 1929 in Schlawe (Westpommern) geboren. Mit sieben Jahren lassen sich seine Eltern scheiden. Seine Mutter verwehrt ihm den Besuch des Gymnasiums, obwohl die Lehrer dies empfohlen haben. Er kommt in einer Verwaltungslehre unter. In den Wirren der Nachkriegszeit landet er in Düsseldorf, wo er sich falsche Papiere besorgt. Er heißt jetzt Detlev-Klaus Holm-Menhardt, hat selbstverständlich Abitur und ist Junglehrer. Imiela hat sich die Identität einer Persönlichkeit gebastelt, die er für sich selbst als viel angemessener empfand. „Zum ersten Male versucht Arwed Imiela, er ist gerade 17 Jahre alt, eine Welt zu errichten, in der er das ist, was er sein könnte – hätte er eine Kindheit gehabt, die ihm zu sich selber Mut machte, und eine Ausbildung, die seiner Intelligenz entspricht“, schreibt der Spiegel am 27. Mai 1973 nach der Verurteilung des Serienmörders in einer Titelstory.

Astrologie als Wendepunkt im Leben

Im Zuge der Währungsreform erhält Imiela bei einem Bekannten im Sauerland Unterschlupf. Er ist nicht gemeldet, erhält keine D-Mark. Als „Gegenleistung“ heiratet er die 15 Jahre alte, schwangere Tochter des Bekannten. Imiela verdingt sich als Hilfsarbeiter, die Ehe wird nach 18 Monaten wieder geschieden. Er gerät zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt, lernt eine andere Frau kennen und heiratet sie. 1952 wird Imiela zu zwei Jahren Gefängnis wegen Betrugs mit einer von ihm gegründeten dubiosen Firma verurteilt. Seine falsche Identität fliegt auf.

Aus der Haft entlassen, entdeckt er die Astrologie. Er macht eine Prüfung vor dem Astrologen-Verband, darf sich fortan „Diplom-Astrologe“ nennen. Es kommt eine Anlage- und Vermögensberatung hinzu. All das öffnet Imiela den Zugang zu betuchten Damen. Bald fährt er mit eleganten Sportwagen durch die Gegend. Sein Lebenswandel kostet Geld. Imiela strickt ein undurchsichtiges Netz aus Kredit- und Darlehensverträgen, das auch vor Gericht nicht richtig entwirrt werden kann.

Ehe „ab und an durch andere Damen getrübt“

1967 lässt sich Imiela scheiden, die Ehe, so seine Frau laut Spiegel, sei „ab und an durch andere Damen getrübt“ worden. Kurz darauf lernt er sein erstes Opfer kennen. Annamarie Schröder bestellt bei Imiela ein Horoskop. Ein Jahr später lässt sich die Frau eines Frankfurter Kaufmanns scheiden. Imiela zieht in die Villa von Schröder ein. Ein intimes Verhältnis habe nie bestanden, behauptet der Astrologe, er sei lediglich ihr Lebensberater gewesen, freilich gegen Honorar – 2500 Mark im Monat. Schröder habe für ihn gekocht.

Annemarie Schröder verkauft die Villa und zieht zu Imiela

Schröders Ex-Mann hingegen findet seine einst selbstbewusste Frau vollkommen verändert vor. Annemarie Schröder verkauft die Villa und zieht zu Imiela, der auf Fehmarn einen Bungalow gemietet hat. Kurz darauf löst auch Schröders Mutter, Anna-Maria Kieferle, ihren Hausstand auf und folgt ihrer Tochter. Schröder setzt Imiela als Generalbevollmächtigten für ihre Geldangelegenheiten ein. Wohl das Todesurteil für sie und ihre Mutter. Im Januar 1969 beziehungsweise Dezember 1968 werden beide Frauen das letzte Mal gesehen, sie bleiben verschwunden.

Kurz darauf lernt der 40-Jährige Imiela die 16 Jahre jüngere Ulrike Roland kennen. Schon beim zweiten Treffen fragt er sie, ob sie ihn heiraten will. Sie sagt ja und zieht zu ihm in seine Hamburger Wohnung. An der Wand hängt ein Porträtgemälde von Annemarie Schröder. Er nennt sie „Angelique“, sie sei seine Verlobte gewesen und sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. In der Wohnung sind noch Kleider von „Angelique“, die Ulrike Roland anprobiert. Heiraten wird Imiela sie nie.

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Verhängnisvolle Begegnung

Ulrike Roland wird von dem Frauenmörder Imiela verschont, wahrscheinlich, weil sie ihm mehr nützt, als dass sie ihm gefährlich werden könnte, so die spätere Vermutung der Vorsitzenden Richterin Christa Heimann-Schlotfeldt. Aber für zwei andere Frauen hat die Begegnung verhängnisvolle Folgen: Ilse Evels und ihre Tochter Urte sind mit Ulrike Roland verwandt, Ilse Evels ist ihre Tante, Urte ihre Cousine.

Astrologe gewinnt das Vertrauen der Cellerin

Ulrike Roland nimmt Imiela mit zu einem Besuch ihrer Tante, der nach dem Tod ihres Mannes einiges Geld zugeflossen ist. Der Astrologe gewinnt das Vertrauen der Cellerin, als er sich um einen Zahlungsbefehl gegen sie kümmert. Die Cousine beginnt, für Imiela zu schwärmen. Bald schon ist er auch der Generalbevollmächtigte von Ilse Evels. Ihre Tochter Urte nimmt Imiela zusammen mit seiner Verlobten manchmal mit auf die Jagd auf Fehmarn.

Die Beziehung zwischen seiner Verlobten und Imiela wird durch die neuen Frauenbekanntschaften gestört. Die beiden sollen ihrem neuen Vertrauten über den Lebenswandel von Roland aus der Zeit, bevor sie Imiela kennengelernt hat, berichtet haben. Imiela gibt vor, sich von seiner Verlobten getrennt zu haben. Ulrike Roland zieht nach Streitigkeiten aus. Er überredet die beiden Evels, ihr Reihenhaus in Westercelle zu verkaufen und zu ihm in die Wohnung nach Reinbek zu ziehen. Ab Oktober 1969 sind sie verschwunden. Seiner Verlobten Ulrike Roland, die im Dezember wieder zu Imiela ziehen darf, erzählt er, die beiden seien auf Reisen.

Weitere Fälle aus unserer Serie "Tatort Celle"

Imiela will nun schnell an das Vermögen von Ilse Evels herankommen. Ein Schritt, der ihm letztlich zum Verhängnis wird. Dank dem Angestellten der Kreissparkasse Celle, Max Wabnitz. Er weigert sich, ein Effektenkonto auf Imiela zu überschreiben. Trotz dessen Generalvollmacht. Wabnitz möchte, dass Evels selbst in dem Geldinstitut erscheint. Imiela gibt nicht nach, wird drängender in seiner Forderung. Die Kreissparkasse reagiert mit Nachforschungen über Imiela und stellt letztlich Anzeige wegen Betrugs und Urkundenfälschung. Im April 1970 wird Imiela in Hamburg verhaftet. Celler Kripobeamte finden Tickets nach Stockholm und dann weiter nach Südamerika. Die Flucht wird vereitelt.

"Ich habe mich immer um die Sportwagen von Imiela gekümmert, während meine Frau Ingrid ihn mit Kaffee und Mettwurstbrötchen versorgte."

Tankwart Hans Grunst

Tankwart führt Kripo auf richtige Spur nach Fehmran

Dann folgt ein Finale, wie es kaum spannender in einem Thriller geschrieben werden könnte. Im Handschuhfach des Autos von Imiela stoßen die Polizeibeamten auf eine Kleiderbürste. Auf dieser befindet sich die Aufschrift einer Tankstelle auf Fehmarn. Die Celler Ermittler fahren nach Gahlendorf und sprechen mit dem Tankwart Hans Grunst. Er berichtet, dass er sich immer um die Sportwagen von Imiela gekümmert habe, „während seine Frau Ingrid ihn mit Kaffee und Mettwurstbrötchen versorgte“. Dann erzählt Grunst, dass er im Dezember für Imiela eine Ludergrube ausgehoben habe. Die Kripobeamten lassen sich von dem Tankwart sofort die Stelle zeigen – und finden Leichenteile, die später Ilse und Urte Evels zugeordnet werden können.

Die Zeit drängt. Es ist Samstag, kurz vor Mittag. Um zwölf Uhr hätte die Untersuchungshaft von Imiela geendet. Grunst gibt Gas. Fährt mit den Kripobeamten zur Burger Polizeistation. Von dort aus benachrichtigen sie den zuständigen Staatsanwalt. Imiela bleibt in Haft. Die Anklage gegen den Astrologen lautet nun nicht mehr auf Betrug, sondern auf Mord.

Im Oktober 1972 beginnt einer der spektakulärsten Prozesse der deutschen Nachkriegszeit. In 54 Verhandlungstagen werden 250 Zeugen und 20 Sachverständige gehört. Imiela trägt nichts zur Aufklärung bei. Am 24. Mai 1973 wird Imiela zu lebenslanger Haft verurteilt. Er stirbt am 3. Juni 1982 in der Haftanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel an Herzversagen.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür