Leiche bei Groß Hehlen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt

Der tote Schotte im Kofferraum

Colin Adamson kam aus Aberdeen nach Celle, um in der Bohrindustrie zu arbeiten und seiner Familie finanzielle Sicherheit zu schenken. Doch er fand den Tod. Die bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche des 33 Jahre alten Schotten wurde 1983 im Wald bei Groß Hehlen gefunden. Weil der Mord bis heute nicht aufgeklärt ist, kämpfen die Kinder von Adamson um Gerechtigkeit - und wollen endlich die Wahrheit herausfinden, was damals mit ihrem Vater passiert ist. 

  • Von Michael Ende
  • 13. Juli 2022
  • 08:01 Uhr
21. Juli 2022
 
Celle.

Er war nach Celle gekommen, um hier zu arbeiten. Er freute sich schon auf das Weihnachtsfest zu Hause in Schottland mit Frau und Kindern. Doch das sollte Colin David Adamson aus Aberdeen nicht mehr erleben. Am 17. Dezember 1983 wurde er nach einer Kneipentour durch Celles Altstadt ermordet. Seine Leiche wurde bis zur Unkenntlichkeit verbrannt im Kofferraum seines Mietwagens im Wald bei Groß Hehlen gefunden. Die Ermittlungen der Polizei verliefen im Sand. Adamsons Mörder wurde nie gefunden, der Fall zu den Akten gelegt. Seine Kinder Gill und Evan denken heute noch jeden Tag an ihren Dad und seinen mysteriösen Tod: „Was ist damals passiert?“

Adamson, der zum Zeitpunkt seines Todes 33 Jahre alt war, war ein Quereinsteiger im Bohrgeschäft: Nach seinem Abschluss an der Aberdeen University wechselte er vom Lehramt in den Öl- und Gassektor, ein Schritt, von dem er sich für seine Familie eine größere finanzielle Sicherheit versprach. Unter Kollegen galt er als beliebter Familienvater, der mit seiner Frau Babs, seinem sechsjährigen Sohn Evan und seiner zweijährigen Tochter Gillian im Örtchen Aberchirder lebte, als er von seinem Arbeitgeber Sedco nach Celle geschickt wurde.

Schotte sollte bei Celler Firma Cameron Ironworks Werkzeuge prüfen

Bei Sedco hatte er als Hilfsarbeiter angefangen und schnell als Unterwasser-Bohrexperte Karriere gemacht. Sein Trip nach Deutschland war Adamsons erste Auslandsreise im Auftrag des Unternehmens. In Celle sollte er Arbeiten bei der Firma Cameron Ironworks unterstützen. Er sollte dort Werkzeuge prüfen und habe viel zu tun gehabt, heißt es. Als seine schottischen Kollegen erfuhren, was Adamson in der Herzogstadt passierte, waren sie fassungslos.

Nach Ermittlungen der Celler Polizei nahm das Verhängnis an einem Wochenende seinen Lauf. Unter Leitung der 2006 verstorbenen Kriminalhauptkommissarin Ellen Schmandt versuchten die Beamten des 1. Kommissariats die Mordnacht vom Abend des Samstags, 17. Dezember, bis zu den frühen Morgenstunden des Sonntags, 18. Dezember, zu rekonstruieren.

Colin Adamson kommt in Kleiner Apotheke mit unbekannten Männern ins Gespräch

Nachmittags wurde Adamson auf dem Weihnachtsmarkt gesehen. Von 17 bis kurz nach 18 Uhr hielt er sich in der Gaststätte „Kleine Apotheke“ an der Rundestraße auf. Dort kam der Schotte mit zwei Männern ins Gespräch, die er offenbar vorher nicht gekannt hatte. Der Kontakt entstand durch die Unterhaltung über eine englische Zigarettenmarke. Der Schotte sprach nur mit einem der beiden Männer, bei denen es sich höchstwahrscheinlich um Engländer handelte. Der zweite saß daneben und hörte zu.

Männer verlassen gemeinsam das Lokal - dort verliert sich die Spur der Engländer

Am Ende verließen die drei Männer gemeinsam das Lokal. Dort verliert sich die Spur der beiden Engländer. Gegen 20 Uhr wurde Adamson in der Gaststätte „Hannenfaß“, Am Heiligen Kreuz, bemerkt. Dort war an diesem Samstagabend sehr viel Betrieb. Der Techniker aus Schottland soll zwar in einer Menschengruppe gestanden haben, allerdings war nicht erkennbar, dass er zu jemandem gehörte. Zeugen erklärten gegenüber der Polizei, dass Colin David Adamson sich gegen 23 Uhr nicht mehr im „Hannenfaß“ aufgehalten habe.

Am Sonntagvormittag entdeckten dann Spaziergänger im Wald an der Straße zwischen Groß Hehlen und Hustedt einen ausgebrannten, noch qualmenden hellgrün-metallicfarbenen Opel Ascona, mit dem Adamson seit dem 6. Dezember in Celle unterwegs gewesen war. Die Polizei setzte eine Belohnung von 5000 Mark für Hinweise aus, doch keine Spur führte zum Täter. Der hatte einem Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin Göttingen zufolge Adamson durch mehrere Schläge mit einem schweren, stumpfen Werkzeug den Schädel zertrümmert. Adamsons Uhr, Brieftasche, Brille und Schmuckstücke fehlten.

Polizei setzt Belohnung von 5000 Mark für Hinweise aus

Eine zusätzliche Komplikation bei der Untersuchung war, dass viele britische Soldaten der Rheinarmee über Weihnachten nach Großbritannien zurückkehrten, sodass sich Befragungen und Ermittlungen verzögerten. Noch während deutsche und britische Fahnder nach Antworten suchten, wurde Adamsons Leiche in die Heimat zurückgeflogen. Seine Beerdigung fand am 30. Dezember in Aberdeen statt.

Sohn Evan Adamson kämpft für Gerechtigkeit - und die Wahrheit

"In einem Schreiben des britischen Verteidigungsministeriums stand, dass zwei namentlich nicht genannte Männer befragt und als mögliche Täter ausgeschlossen wurden."

Evan Adamson, Sohne des getöteten Colin Adamson

„Da Celle eine Garnisonstadt mit vielen britischen Soldaten war, wurde die britische Militärpolizei in die Ermittlungen einbezogen, aber das Verbrechen wurde nie aufgeklärt“, sagt der Sohn des Opfers, Evan Adamson: „Ich habe mich gefragt, ob es möglich sein könnte, Zugang zu den Aufzeichnungen dieses Falls oder zu weiteren Informationen rund um den Fall zu erhalten, da ich alles, was passiert ist, genauer untersuchen möchte.“

Britisches Verteidigungsministerium sieht keine neuen Hinweise 

Er wandte sich ans britische Verteidigungsministerium und erhielt eine Antwort, die teilweise geschwärzt war: „Darin stand, dass zwei namentlich nicht genannte Männer befragt und als mögliche Täter ausgeschlossen wurden.“ Die Militärpolizei habe die deutschen Behörden nach Kräften unterstützt, hieß es aus dem Ministerium: „Es gibt keine neuen Untersuchungslinien, die verfolgt werden müssen.“

Mord an Colin Adamson ist sogenannter Cold Case

„Der Fall Adamson gehört derzeit nicht zu jenen Fällen, in denen in unserem Sachgebiet Cold Case derzeit ermittelt wird.“

Julia Grote, Pressesprecherin der Polizeidirektion Lüneburg

„Der Fall ist derzeit nicht in polizeilicher Bearbeitung. Es handelt sich um einen sogenannten Cold Case“, sagt Julia Grote, Pressesprecherin der Polizeidirektion Lüneburg: „Die ungeklärten Fälle in unserem Bereich werden regelmäßig dahingehend geprüft, ob sich über die Jahre weitere Informationen ergeben haben und die Ermittlungen aufgrund dieser Informationen wieder aufgenommen werden können.“

Polizeidirektion Lüneburg sieht aktuell keinen neuen Ermittlungsansatz 

Ob ein Fall wieder in die polizeiliche Bearbeitung genommen wird, entscheidet die zuständige Staatsanwaltschaft. „Der Fall Adamson gehört derzeit nicht zu jenen Fällen, in denen in unserem Sachgebiet Cold Case derzeit ermittelt wird.“ Die Akten zum Fall seien unter dem Aktenzeichen 41Js1184/83 bei der Staatsanwaltschaft Lüneburg zu finden, so Grote: „Die Angehörigen von Herrn Adamson haben ein berechtigtes Interesse an Informationen zu dem Tod von Colin Adamson und können bei der Staatsanwaltschaft Akteneinsicht oder Auskunft beantragen. Dies würde ich dem Sohn raten.“

Evan und Gilian Adamson wollen sich nicht mit der Ungewissheit anfinden

„Wir haben versucht, Antworten zu finden, aber es ist, als würde sich niemand mehr darum kümmern. Wir haben immer noch keine wirkliche Ahnung, was in Celle vor all den Jahren passiert ist.“

Evan und Gilian Adamson, Kinder des getöteten Colin Adamson

Evan Adamson und seine Schwester Gillian, die als kleine Kinder ihren Vater verloren, wollen sich nicht damit abfinden, dass sein Mörder möglicherweise immer noch frei herumläuft: „Es war ein großer Schock für uns, als Dad nicht nach Hause kam", sagen sie. „Wir haben versucht, Antworten zu finden, aber es ist, als würde sich niemand mehr darum kümmern. Wir haben immer noch keine wirkliche Ahnung, was in Celle vor all den Jahren passiert ist.“

Evan hat Tod seines Vaters in Celle jahrelang untersucht 

Evan hat den Tod seines Vaters mehrere Jahre lang untersucht. „Selbst in diesem Stadium ist es möglich, dass die Person oder Personen, die für seinen Mord verantwortlich sind, noch gefasst werden könnten“, sagt er.

Evan Adamson arbeitet heute bei der Organisation Instant Neighbour, die – ähnlich wie die deutschen Tafeln – bedürftige Menschen in Schottland unterstützt: „Eine Schande, dass es so etwas in einem Land wie unserem geben muss.“ Besonders im Advent, wenn sich die Tat jährt, denkt Adamson an den Vater, ohne den er aufwachsen musste: „Ich denke immer zu dieser Jahreszeit daran. Wenn also wenn jemand Informationen zu dem Fall hat – egal wie winzig sie sein mögen: Wenden Sie sich bitte an die Polizei.“

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür

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