Im Rausch zum Mörder geworden

Immer wieder sind Alkohol und Drogen in Celle Auslöser für Gewaltverbrechen

Die Liebe und der Suff, dat regt den Menschen uff – mit Berliner Schnauze fasst es diese Liedzeile treffend zusammen. Doch nicht nur Eifersucht und Alkohol können Menschen zu Mördern machen, oft sind auch noch andere Drogen im Spiel. Tötungsdelikte, bei denen die oder der Täter und sehr häufig auch das Opfer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss standen, kommen auch in Stadt und Landkreis Celle vor und machen bisweilen bundesweit Schlagzeilen.

  • Von Jürgen Poestges
  • 07. Okt. 2022
  • 09:34 Uhr
09. Okt. 2022
 
Celle.

Bauer ersticht eigenen Sohn: Im Oktober 1957 berichtete die Cellesche Zeitung von dem Fall des 50-jährigen Bauern Heinrich M.. Der Alkoholiker erstach in der Gaststätte Borsum in Bröckel seinen 29 Jahre alten Sohn, der ebenfalls Heinrich hieß. Aufgrund von Streitigkeiten gingen die beiden schon seit Jahren getrennte Wege. Zeugen berichteten damals, der Sohn habe seinen Vater freundlich gefragt: „Vater, woll’n wir zusammen ein Bier trinken?“ Der habe nur kurz geantwortet „Will nich“, habe ein Messer gezogen und es dem Sohn in den Leib gestoßen.

Vater ersticht eigenen Sohn in Bröckeler Gaststätte

Der Sohn schleppte sich daraufhin in den Flur. Der Vater folgte ihm und stieß ihm das Messer ins Herz, so die Aussage in der CZ vom 18. Oktober 1957. Mit den Worten „So, das Schwein ist tot“ in Richtung des Wirtes ging der Vater nach Hause. Eine später vom Täter entnommene Blutprobe wies einen Blutalkoholgehalt von 2,37 Promille auf.

Ein Jahr nach der Tat wurde M. vom Schwurgericht Hildesheim wegen Totschlags zu sechs Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Dass es nicht zu einer Verurteilung wegen Mordes kam, lag am Gutachten des medizinischen Sachverständigen.

Mord an Sohn in Bröckel mit „Irrwahn“ entschuldigt

Der Ehrverlust war eine Nebenstrafe im deutschen Strafrecht vor der Großen Strafrechtsreform 1969. Sie bewirkte den dauernden Verlust der aus öffentlichen Wahlen hervorgegangenen Rechte sowie aller öffentlichen Ämter, Würden, Titel, Orden und Ehrenzeichen. Ferner bewirkte die Aberkennung den Verlust des Rechts, in öffentlichen Angelegenheiten zu stimmen, zu wählen oder gewählt zu werden.

In der Verhandlung entschuldigte der Angeklagte seine Tat damit, dass er stark betrunken und „in einem Irrwahn“ gewesen sei. Die Gründe für die Bluttat konnte er nicht nennen. Der medizinische Sachverständige war der Ansicht, dass der Angeklagte wegen seines Trunkenheitsgrades bei der Tat nicht voll verantwortlich gemacht werden könnte.

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Mann mit Krawatte um den Hals erdrosselt

Mit der Krawatte erdrosselt: In der Blumlage trafen sich im November 1981 der 44 Jahre alte Alfrid H. und sein 25 Jahre alter Bekannter Joachim M., beide arbeitslos, um in einer benachbarten Gaststätte „einen zu trinken“. Nach Mitternacht machte Alfrid H. den Vorschlag, in seiner Wohnung in der Nachbarschaft den „Umtrunk“ fortzusetzen. Etwa zwei Stunden später soll H. eingeschlafen sein. Joachim M., der bei seinem Bekannten einen größeren Geldbetrag vermutete, fingerte ihm die Brieftasche aus der Jacke. Als Alfrid H. aufwachte, schlang Joachim M. ihm die Krawatte um den Hals und erdrosselte ihn. Als das Opfer kein Lebenszeichen mehr von sich gab, so gestand M. später, habe er dessen Taschen durchsucht, aber lediglich einen Zehnmarkschein gefunden. Die Polizei glaubte, dass H. jedoch 400 bis 500 Mark bei sich hatte.

Täter ruft selbst die Polizei an

Der Täter ergriff zunächst die Flucht, kehrte aber zum Tatort zurück. Er schlug eine Fensterscheibe ein, kletterte ins Wohnzimmer und schaltete das Licht an. Dann verließ er das Haus und rief von der gegenüberliegenden Telefonzelle die Polizei an. Den Beamten erzählte er, er habe sich vor der Wohnung seines Freundes verabschiedet, um eine Bekannte zu besuchen. Die habe er jedoch nicht angetroffen. Daraufhin sei er in die Blumlage zurückgekehrt und habe seinen Freund im Wohnzimmer auf dem Boden liegen gesehen. Danach habe er die Scheibe zerschlagen und sei eingestiegen, um nachzusehen, was passiert sei.

Bei der Vernehmung durch die Mordkommission verstrickte sich Joachim M. jedoch in Widersprüche. Seine Lügengeschichte brach schließlich wie ein Kartenhaus zusammen, und er legte ein Geständnis ab. M. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

So berichteten wir damals

„Wer soll es genommen haben? Es war doch außer uns beiden niemand hier. Hast du es vielleicht aus Versehen eingesteckt?“

Bauhandlanger Johann M.

Leiche im Jutesack versteckt

Im Juli 1966 machten Angler auf den überfluteten Allerwiesen bei Wietze am alten Badestrand eine grässliche Entdeckung. Sie fanden in einen Jutesack verschnürt eine männliche Leiche. Es handelte sich um den Rundfunk- und Fernsehmechanikermeister Willi V. aus Wietze. Der Tote hatte schwere Verletzungen am Kopf. Die Kriminalpolizei sprach von Mord. Der Ermordete wurde am Tage seines 54. Geburtstages entdeckt. Wie erste Ermittlungen ergaben, war er zuletzt am 29. Juni lebend gesehen worden. Die Leiche hatte zwei bis drei Tage im Wasser gelegen.

Gewaltverbrechen war schnell aufgeklärt

Das Gewaltverbrechen war schnell aufgeklärt. Die Polizei verhaftete den 39 Jahre alten Bauhandlanger Johann M., der in Wietze wohnte. Nach Angaben der Polizei hatte er den Mechanikermeister, den er seit Jahren kannte, in seiner Wohnung während eines Streits erschlagen. Zunächst schlug er mit Fäusten auf ihn ein und dann mit der Prothese des unterschenkelamputierten Opfers. Die Leiche verschnürte er in einem Jutesack, transportierte sie mit V.s Fahrrad zu den Allerwiesen und warf sie in die Aller. Als M. sah, dass seine Wohnung umstellt war, ließ er sich widerstandslos festnehmen.

Der Täter erklärte, er habe V. erst am Tag der Tat in einer Gastwirtschaft in Wietze kennengelernt. Sie hätten dort zunächst getrunken und seien dann in seine Wohnung gegangen. Nachdem er mit V. Schnaps getrunken habe, sei plötzlich seine Geldbörse mit 78 Mark verschwunden gewesen, gab M. an „Wer soll es genommen haben? Es war doch außer uns beiden niemand hier. Hast du es vielleicht aus Versehen eingesteckt?“, will M. seinen Gast gefragt haben.

„V. fiel plötzlich nach hinten und knallte mit dem Kopf gegen den Küchenschrank. Ich stürzte auf ihn.“

Bauhandlanger Johann M.

Opfer in Jutesack war Prothesenträger

V. habe dies verneint und er habe einer Nachbarin aus dem Fenster zugerufen, sie solle die Polizei holen. Dann sei es zwischen ihnen zu einer Prügelei gekommen. „V. fiel plötzlich nach hinten und knallte mit dem Kopf gegen den Küchenschrank. Ich stürzte auf ihn“, sagte M. aus. Er sei dann in sein Schlafzimmer gegangen und habe sich gewaschen. Erst später will M. festgestellt haben, dass V. tot war, und erst am folgenden Abend, als er die Leiche in einen Jutesack verschnürte, dass V. Prothesenträger war. In der Prothese habe er das ihm gehörende Geld gefunden.

Über die Protokolle kam es zu einer Kontroverse zwischen dem Verteidiger und dem Vertreter der Anklage. Während der polizeilichen Vernehmung habe M. noch unter dem Eindruck der Tat gestanden, so der Verteidiger – man müsse das aus menschlichen Gründen berücksichtigen. Der Staatsanwalt wies dagegen die Vermutung zurück, dass der Zeitpunkt der Vernehmung menschlich nicht zu vertreten gewesen sein sollte.

Der Täter erhielt eine Zuchthausstrafe von acht Jahren und vier Jahre Ehrverlust wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Mordes. Begründung: Der Täter sei bei der Tat nicht zurechnungsfähig gewesen, weil er betrunken war.

Ein Einarmiger in der Celler Neustadt als Doppelmörder?

Ein aktuellerer Fall datiert aus dem Jahr 2012. In einem kürzlich abgerissenen Haus an der Ecke Neustadt/Bredenstraße wurden die Leichen zweier Männer gefunden. Als die Polizei nach einem anonymen Anruf in der Rettungsleitstelle vor Ort eintraf, fanden die Beamten in dem Gebäude „eine Person mittleren Alters vor, die aufgrund massiver Kopfverletzungen tödlich verletzt worden sein dürfte“. Bei der Durchsuchung der Wohnung stießen die Ermittler in einem Nebenraum auf eine weitere Leiche.

Drei Tage nach der Tat wurde S. verhaftet, er solle für den Doppelmord im Trinkermilieu verantwortlich sein. Alle zusammen hatten in seiner Wohnung Alkohol getrunken, dann waren sie in Streit geraten. S., dem ein Arm fehlt, nachdem er sich vor ein paar Jahren vor einen Zug geworfen hatte, soll dabei beiden Opfern mehrfach gegen Kopf, Hals und Körper getreten haben. Dann habe er mehrfach auf sie eingestochen.

Rache als mögliches Motiv 

War es Rache? Die Opfer und der mutmaßliche Täter S. kannten sich, doch das Verhältnis zumindest zu einem der Toten war stark belastet. S. soll eine Frau, die ebenfalls zum Neustädter Trinkermilieu gehörte, sexuell belästigt haben. Eines der Opfer aus der Straße hatte in diesem Fall gegen S. ausgesagt. Wegen der sexuellen Nötigung hatte unterdessen die Staatsanwaltschaft Celle einen Haftbefehl beantragt. Beim Landgericht Lüneburg wurde dieser allerdings Anfang September, als S. aus der Haft entlassen wurde, aufgehoben.

„Aufgrund seiner hirnorganischen Störungen ist der Angeklagte gar nicht in der Lage, sich über die Tragweite der einzelnen Prozesshandlungen klar zu werden."

Verteidiger Albrecht-Paul Wegener

Angeklagter: „Beide Opfer leben noch“

Später wurde die Unterbringung von S. in einer psychiatrischen Klinik angeordnet. Nach dem Gutachten war davon auszugehen, dass der Angeklagte bei seinen Taten nur vermindert schuldfähig war. Die Verteidigung ging noch einen Schritt weiter: „Aufgrund seiner hirnorganischen Störungen ist der Angeklagte gar nicht in der Lage, sich über die Tragweite der einzelnen Prozesshandlungen klar zu werden“, führte einer der beiden Verteidiger, Albrecht-Paul Wegener, aus. Der zweite Verteidiger, Raban Funk, erklärte, der Angeklagte habe ihm das Gespräch verweigert und dies damit begründet, dass beide getöteten Männer noch am Leben seien und daher nur eine Anklage wegen Körperverletzung in Frage käme. „Ja, ich habe den in Moringen gesehen“, rief der Angeklagte in die Verhandlung hinein. Der andere Getötete sei wieder im Gefängnis.

Ohnehin sei es schwer gefallen, dem Angeklagten einen Doppelmord zuzutrauen, so die damaligen Ermittler. Durch das Fehlen des linken Arms sei seine Körperhaltung leicht nach rechts geneigt. Dabei soll er die Getöteten mit Schlägen und Tritten und einem spitzen Gegenstand so schwer verletzt haben, dass sie ihren Verletzungen erlagen. 110 und 155 Stichverletzungen zählte die Rechtsmedizin.

Mann galt als aggressiv

Darüber hinaus überraschte eine Expertin mit der Erkenntnis, dass an den Opfern keinerlei DNA-Spuren des Angeklagten zu finden waren, was bei der Intensität der Verletzungen erhebliche Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten oder auch der Spurensicherung Raum lasse. Beide Opfer litten zum Zeitpunkt ihres Todes an Erkrankungen, die durch langjährigen Alkoholmissbrauch verursacht waren: zerstörte Bauchspeicheldrüse, Leberzirrhose und der Verfall verschiedener innerer Organe. Todesursache jedoch war bei beiden ein Polytrauma, das durch spitze und stumpfe Gewalt verursacht war.

S. war indes kein unbeschriebenes Blatt. Es gab Vorverurteilungen und er war auch schon in Haft. Auch in der Celler Trinkerszene war der 48-Jährige bekannt. Er galt als aggressiv, „hat aber auch mal ein paar Bier ausgegeben“, berichtete ein Obdachloser. Zu den beiden Opfern hatte S. schon früher Kontakt.

Alkohol- und Drogenmissbrauch und Unzurechnungsfähigkeit

Der Vollrausch kann gemäß Strafrecht als tiefgreifende Bewusstseinsstörung klassifiziert werden. In der Regel wird vor Gericht Unzurechnungsfähigkeit ab drei Promille angenommen. Bei Tötungsdelikten muss der Wert aber über 3,3 Promille liegen, damit von Schuldunfähigkeit ausgegangen werden kann. Bei alkoholabhängigen Personen, die an einen hohen Konsum gewöhnt sind, ist eine noch höhere Blutalkoholkonzentration notwendig, um eine Unzurechnungsfähigkeit nachweisen zu können. Ist man schuldfähig, wenn man betrunken ist? In der Regel ist jemand ab 3,0 Promille Blutalkoholkonzentration (BAK) schuldunfähig. Bei Tötungsdelikten erst ab 3,3 Promille BAK. Dies sind aber nur Richtwerte. Im Einzelfall kann das Gericht auch hiervon abweichen. Wie viel muss man trinken, um 4 Promille zu haben? Das sind gut zwei große Flaschen Schnaps, eventuell sogar noch ein bisschen mehr, weil so große Mengen nur über einen längeren Zeitraum getrunken werden können, in dieser Zeit aber schon ein Teil des Alkohols vom Körper wieder abgebaut wird. Wie viel Promille hat man nach 5 Liter Bier? Laut Promillerechner hat ein 80 Kilogramm schwerer Mann nach 0,5 Litern Bier einen Promillewert von 0,3. Bei einer 60 Kilogramm schweren Frau sind es bereits 0,4 Promille.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür