Ein verhängnisvoller Kneipenabend

"Torsomord" in Celle: Ruth Buchelts Kopf ist bis heute verschollen

Wenige Tage, nachdem ihr Ehemann Ruth Buchelt aus Celle im März 1999 als vermisst gemeldet hat, werden im Elbe-Seitenkanal Teile einer zerstückelten Leiche entdeckt. Die Spur der Polizei führt schnell zu Olaf W., den die 59-Jährige vor ihrem Verschwinden in einer Kneipe kennengelernt hatte. Er sitzt noch heute in Sicherungsverwahrung – doch ein wesentliches Detail fehlt im „Torsomord“ weiterhin. Der damalige Ermittler Jürgen Schmidt erinnert sich an den Fall, der ihn bis heute beschäftigt. 

  • Von Marius Klingemann
  • 01. Sept. 2022
  • 14:05 Uhr
01. Sept. 2022
 
Celle.

Wer hat Ruth Buchelt gesehen? Als die CZ diesen Aufruf samt Foto am 10. März 1999, einem Mittwoch, veröffentlichte, war die bereits mehr als eine Woche lang verschwunden. Ehemann Michael hatte sie fünf Tage zuvor als vermisst gemeldet. Am Abend ihres Verschwindens, es war der 28. Februar, hat sich Buchelt demnach in der (heute nicht mehr existierenden) Gaststätte „Paris–Dakar“ an der Carstensstraße im Stadtteil Neustadt/Heese aufgehalten und diese gegen Mitternacht verlassen. „Die Polizei schließt nicht aus, dass die Cellerin Opfer eines Verbrechens geworden ist“, so die weitere Nachricht.

Traueranzeige nach Mord an Ruth Buchelt fragt nach "Warum?"

Knapp vier Wochen später war in der Zeitung ein simples, aber doch so inhaltsschweres „Warum?“ über einer unauffälligen Traueranzeige zu lesen. „Wir werden Dich nie vergessen“, hieß es außerdem, darunter die Namen von Angehörigen. Aus der Befürchtung war mittlerweile bittere Klarheit geworden: Ruth Buchelt ist tot. Ermordet.

Wer hat Ruth Buchelt gesehen? Diese Vermisstenanzeige veröffentlichte die CZ am 10. März 1999.

Fall Ruth Buchelt: Leichenteile tauchen im Elbe-Seitenkanal auf

Zunächst hatte die Polizei vergeblich im Umfeld ihrer Wohnung – diese lag nur 200 Meter von genannter Kneipe entfernt – nach der Rentnerin gesucht, auch Anfragen bei Nachbarn blieben ohne Erfolg. Ungefähr zur gleichen Zeit verbreitete sich jedoch die Nachricht von einem Frauentorso, den Mitarbeiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes am 3. März im Elbe-Seitenkanal am Tankumsee bei Isenbüttel (Landkreis Gifhorn) entdeckt hatten. Die DNA-Untersuchung brachte für den Celler Fall schließlich Gewissheit. Wenig später fanden Polizeitaucher im Kanal auch einen Unterschenkel, der dem Torso zugeordnet werden konnte.

„Der Kreis möglicher Verdächtiger reicht von Ärzten, Gerichtsmedizinern, Pathologen und Präparatoren bis zu Medizinstudenten.“

Polizeisprecher aus Gifhorn

„Der Kreis möglicher Verdächtiger reicht von Ärzten, Gerichtsmedizinern, Pathologen und Präparatoren bis zu Medizinstudenten“, erklärte ein Sprecher der Gifhorner Polizei mit Blick auf die Beschaffenheit dieser Funde. Ebenfalls in Frage komme ein Schlachter, dieser müsse allerdings "über genaue Kenntnisse des menschlichen Körpers verfügen“. Sehr schnell klickten dann in Celle die Handschellen, genauer an der Echtestraße, wiederum nur einige hundert Meter vom „Paris–Dakar“ entfernt. Im Fokus der Beamten: Olaf W., von Beruf Kraftfahrer – und unvollendeter Schlachter-Lehrling.

Buchelt hat späteren Mörder in Celler Kneipe getroffen

Der 39-Jährige hatte Ruth Buchelt, so ergaben die Ermittlungen, am fraglichen Abend in der Gaststätte kennengelernt, ging mit der Verheirateten schließlich zu sich nach Hause. In einer ersten Befragung (noch vor der Verhaftung) hatte er, der von anderen Stammgästen als "Außenseiter" in der Runde beschrieben wurde, angegeben, alleine abgezogen zu sein.

In seiner Wohnung in der Echtestraße (Neustadt/Heese) hat Olaf W. Ruth Buchelt ermordet und ihre Leiche dann zerstückelt.

Nun kam jedoch heraus, dass es in W.s Wohnung sexuelle Handlungen zwischen ihm und Buchelt gegeben hat, in deren Folge er sie umbrachte und offenbar zerstückelte. Den Mord gestand der Festgenommene, es sei jedoch "ein Unfall" gewesen. Die Leichenteile habe er dann verbuddelt oder in den Kanal geworfen.

"Torsomord": Olaf W. war schon vorher wegen Gewaltdelikt verurteilt

Klar war indes, dass W. schon vor dieser Tat kein unbeschriebenes Blatt war. 1981 hatte er im Südharz, wo er herstammte, eine Jugendliche vergewaltigt und wurde dafür zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Dort ließ er sich zum Koch ausbilden, kam wegen guter Führung schon nach dreieinhalb Jahren in Freiheit. Im Fall Buchelt, hier bürgerte sich recht schnell die Bezeichnung "Torsomord" ein, überführten ihn nun die Plastiksäcke, in denen er die Leichenteile transportiert hatte.

Diese Säcke kamen aus einem Real-Markt nahe einer Baustelle im Raum Gifhorn, zu der W. damals als Kraftfahrer Kies lieferte. Darin "verpackt" waren auch weitere Teile von Buchelts Leiche – etwa Oberschenkel und -arme –, die Beamte der im Zuge der Ermittlungen gegründeten Mordkommission (Moko) "Torso" in einem Waldstück bei Ahnsen (ebenfalls Kreis Gifhorn) fanden.

So berichteten wir damals

Der Fund der Leichenteile im Elbe-Seitenkanal hatte eine Reihe großangelegter Polizei-Taucheinsätze zur Folge.

Fall Ruth Buchelt: Mordkommission gräbt Garten in Scheuen um

Mitte März nahm sich die vom Gifhorner Kriminalhauptkommissar Jürgen Schmidt geleitete Moko dann zusammen mit der Celler Polizei einen Garten in Scheuen vor. Dort soll W. viel Zeit mit seiner damaligen Lebensgefährtin verbracht haben. Unter wiederholt großem Medieninteresse – zahlreiche Kamerateams hatten sich auf den Nachbargrundstücken platziert – gruben sie neben illegal entsorgten Eternitplatten auch ein Knochenstück aus, auf das die Spürhunde angeschlagen hatten.

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"Meine Ruth ist einem entsetzlichen Verbrechen zum Opfer gefallen. Keine Bestrafung des Täters ist mir hart genug, um sie gerecht zu nennen."

Ehemann Klaus Buchelt

"Fehlanzeige" hieß es dazu aus der Medizinischen Hochschule Hannover: Beim gefundenen Stück handele es sich "eindeutig" um einen Tierknochen. Knapp zwei Wochen später zogen "Torso"-Ermittler einen Oberschenkel aus dem Elbe-Seitenkanal. Weiter verschollen blieb allerdings Ruth Buchelts Kopf. W. hatte ausgesagt, ihn mit dem Torso ins Wasser geworfen zu haben – entsprechende Suchen blieben aber ebenso erfolglos wie in einem Waldstück nahe Celle und auf dem Parkplatz des erwähnten Real-Marktes.

Ehemann von Ruth Buchelt fordert harte Bestrafung des Täters

"Ein ehrendes Andenken bewahren" wolle man der Ermordeten, schrieb unterdessen die Niedersächsische Landesfeuerwehrschule Celle in einer CZ-Traueranzeige. Buchelt war dort 20 Jahre lang beschäftigt gewesen, bis zu ihrem Ruhestand. Ehemann Klaus Buchelt verkündete gleichzeitig "in tiefer Trauer und ohnmächtiger Wut": "Meine Ruth ist einem entsetzlichen Verbrechen zum Opfer gefallen." Eine Urnenbestattung werde "in aller Stille" stattfinden. Und: "Keine Bestrafung des Täters ist mir hart genug, um sie gerecht zu nennen."

Olaf W. bezeichnet Mord vor Gericht als "tragischen Unfall"

Um dieses Strafmaß ging es dann im Herbst 1999 vor dem Landgericht in Lüneburg. Ein Gutachter sagte aus, dass Olaf W. „durchschnittlich intelligent“ sei, dafür „stark ausgeprägte Aggressivität“ in sich trage. Möglicherweise sei der Angeklagte als Kind selbst vom Vater missbraucht worden und neige daher zu sexuellen Übersprunghandlungen. W., der am Tatabend zwei Promille Alkohol im Blut hatte, sei im Verhältnis zu Frauen stets "zerrissen" gewesen: „Auf der einen Seile klammerte er und hielt kindlich fest, andererseits fühlte er sich eingeengt.“

Jürgen Schmidt, früherer Leiter der Mordkommission "Torso", an der Fundstelle im Elben-Seitenkanal im Landkreis Gifhorn.

W. war vor Gericht ebenfalls geständig, bezeichnete den Tod seines Opfers jedoch weiter als "tragischen Unfall". Die Verteidigung plädierte auf verminderte Schuldfähigkeit. Gänzlich anders stellte es Staatsanwalt Bernd Kolkmeier für die Anklage dar: W. habe Ruth Buchelt demnach zunächst „unter brutalster Gewalt“ zum Geschlechtsverkehr gezwungen.

Anschließend erwürgte er sie "aus Angst vor Entdeckung" – und "zerlegte die Leiche fachgerecht, um sie transportabel zu machen und eine Identifizierung zu erschweren". Beidseitige Rippenbrüche seien die Folge massiver Gewalt. „Das war kein Unfall während des Verkehrs", so Kolkmeier in seinem Plädoyer.

Verurteilter in Sicherungsverwahrung – Ruth Buchelts Kopf bleibt verschwunden

Das Landgericht verurteilte Olaf W. schließlich – unter Berücksichtigung "erheblich verminderter Steuerungsfähigkeit" – zu 15 Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung. Neben dem "Torsomord" flossen dabei auch der sexuelle Missbrauch seiner Nichte und die Vergewaltigung einer Kioskverkäuferin aus Hannover ein. W. ging gegen das Urteil zunächst in Berufung, zog sie später wieder zurück. Seine Strafe verbrachte er in der JVA Celle, seit 2014 sitzt er dort nun auch in Sicherungsverwahrung.

Vollständig gelöst ist der Fall Buchelt damit jedoch nicht – denn ihr Kopf bleibt bis zum heutigen Tag verschwunden.

Der damalige Ermittler Jürgen Schmidt erinnert sich

Jürgen Schmidt (67), geboren im Landkreis Peine, ist 1971 in den Polizeidienst eingetreten. Tätig war er stets bei der Kriminalpolizei (Kripo), 1992 übernahm er die Leitung der Gifhorner Kripo. Diese hatte er bis zur Pensionierung 2016 inne. Im Zuge der Ermittlungen zum Fall Ruth Buchelt leitete Schmidt die Mordkommission „Torso“. 

Herr Schmidt, was sagen Sie eigentlich zur Bezeichnung „Torsomord“?

Der Begriff wurde unter anderem von der Presse geprägt, richtig schön finde ich ihn nicht. Allerdings war es ein markantes Schlagwort – das hatte auch Vorteile, zum Beispiel im Zusammenhang mit Zeugenhinweisen. 

Sie haben in Ihrer Laufbahn viel erlebt – wie ordnen Sie den Fall Buchelt da ein?

Es war tatsächlich nicht das brutalste Verbrechen, zu dem ich ermittelt habe. Das Zerlegen der Leiche ist aber doch eine „Besonderheit“, der Anblick macht schon etwas mit einem. Speziell war auch, dass es zur selben Zeit zwei ganz ähnliche Taten gab – Markus Wachtel und (bis heute ungelöst) Yasmin Stieler, beide im Landkreis Peine, beide ebenfalls zerstückelt. Die Medien haben hier schnell einen Zusammenhang zum „Torsomord“ gezeichnet, das war jedoch nicht der Fall.

Was steckt hinter dem Zerstückeln der Leiche?

Olaf W. wollte die Leiche ungesehen aus seiner Wohnung schaffen. Meines Ermessens wollte er sie für immer verschwinden lassen – ohne Leiche kein Mord.

Wie haben Sie W. erlebt?

Er hatte einen Hang zu Gewalt, wenn er sich zurückgesetzt gefühlt hat. Trennungen von Frauen haben ihn aus der Bahn geworfen. In Vernehmungen wollte er die Dinge aber stets in seinem Sinne abmildern, hat ja auch Ruth Buchelts Tod als „Unfall“ bezeichnet.    

Ärgert es Sie, dass der Kopf von Ruth Buchelt bis heute nicht gefunden wurde?

Ärgern ist nicht der richtige Ausdruck. Wir haben alles versucht, um den Kopf zu finden. Als Kriminalist muss man damit leben, nicht immer alles bis ins letzte Detail klären zu können. Es fühlt sich schon so an, als würde „das letzte Stück“ noch fehlen – für die Verbliebenen sicherlich umso mehr. Ob W. den Kopf tatsächlich mit in den Elbe-Seitenkanal geworfen oder anderswo vergraben hat, bleibt wohl offen.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür