Celles spektakulärster Vermisstenfall

Was ist mit Mandy geschehen? Seit 14 Jahren fehlt von junger Frau aus Nienburg jede Spur

Dieser Fall hat deutschlandweit für Aufsehen gesorgt: Bei "Aktenzeichen XY" wurde nach Mandy Müller gesucht, ein Hellseher schaltete sich ein, zuletzt wurde gegen die Justiz demonstriert - doch von der damals 18-Jährigen fehlt bis heute jede Spur. 2008 verschwand Mandy Müller in Celle. Ihre Eltern gehen "seit 14 Jahren die Hölle rauf und runter".

  • Von Christopher Menge
  • 22. Sept. 2022
  • 18:51 Uhr
28. Sept. 2022
 
Celle.

Jeden Tag zündet Sabine Müller eine Kerze an, jeden Tag denkt sie an ihre Tochter, die seit 14 Jahren vermisst wird. In der Nacht auf den 14. September 2008 verschwand die damals 18-jährige Mandy Müller spurlos. "Ich möchte wissen, wo mein Kind ist", sagt Sabine Müller. "Ich gehe seit 14 Jahren die Hölle rauf und runter." Nachts könne sie kaum schlafen, kürzlich hatte die 56-Jährige einen Nervenzusammenbruch.

"Ich warte jeden Tag, dass sich der Staatsanwalt rührt."

Sabine Müller, Mutter von Mandy

Demonstration des Jungen Forums gegen Antiziganismus

Das war am Tag der Demonstration, zu dem das Junge Forum gegen Antiziganismus am 26. August in Celle aufgerufen hatte. "Ich wurde mit einem Auto hinterhergefahren, mir war es wichtig, trotzdem dabei zu sein", sagt Sabine Müller. "Ich warte jeden Tag, dass sich der Staatsanwalt rührt." Der damalige Freund von Mandy solle angeklagt werden. Es sei nicht zu akzeptieren, dass das Verbrechen an Mandy Müller nicht aufgeklärt wird und ein Mörder frei herumlaufe, hieß es auf der Demonstration. Würde Mandy Müller nicht der Sinti-Gemeinschaft, sondern der Mehrheitsgesellschaft angehören, so der Vorwurf, hätte es längst eine Anklage gegeben.

"Es ist nicht auszuschließen, dass die Vermisste Opfer einer Straftat geworden ist."

Staatsanwältin Stefanie Vogler

Staatsanwaltschaft Celle schließt Verbrechen nicht aus

"Es ist nicht auszuschließen, dass die Vermisste Opfer einer Straftat geworden ist", sagt Staatsanwältin Stefanie Vogler, Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Celle. "Ihr Verbleib ist bis heute nicht aufgeklärt." Aber: Die bestehende Verdachtslage lasse eine Anklageerhebung nicht zu, weil die bislang vorliegenden Beweismittel nicht ausreichen würden. "Die Mordkommission der Polizei Nienburg ist derzeit nicht mehr aktiv", ergänzt Vogler. "Die Aufarbeitung noch eingegangener Hinweise ist inzwischen abgeschlossen. Sollten noch neue Informationen bekannt werden, werden diese geprüft."

Aufklärung im Fall Mandy Müller mehr als fraglich 

14 Jahre nach dem Verschwinden ist es mehr als fraglich, ob jemals geklärt wird, was mit Mandy Müller passiert ist. Ihre Familie und das Junge Forum gegen Antiziganismus wollen aber weiter "für Gerechtigkeit kämpfen". Am Samstag, 24. September, 12 bis 16 Uhr, ist eine weitere Kundgebung in Celle geplant.

Mandy Müller und ihr Partner renovieren Haus in Celle

Rückblick: Mandy Müller wird am 25. Dezember 1989 in Nienburg geboren. Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau in einem Nienburger Autohaus. Im Sommer 2008 lernt sie ihren Freund kennen, die beiden heiraten nach Sinti-Recht. Am Samstag, 13. September 2008, fahren Mandy Müller und ihr Freund mit dem Auto von Nienburg nach Celle. An der Birkenstraße hatten seine Eltern dem jungen Paar ein Einfamilienhaus überlassen, das die beiden gerade renovieren und einrichten. Doch zum Einzug kommt es nicht mehr, da Mandy in der Nacht zum 14. September bis heute spurlos verschwindet. Mandy ist zu diesem Zeitpunkt 1,55 Meter groß und schlank. Sie wiegt 50 Kilogramm, hat Sommersprossen im Gesicht und lange schwarze gelockte Haare.

Zeitzeugen gesucht

Sie sind Zeitzeuge von Kriminalfällen aus dem Celler Land? Dann melden Sie sich gern in der CZ-Redaktion per E-Mail an redaktion@cz.de, Betreff „Tatort Celle“, oder rufen Sie an unter Telefon (05141) 990-110.

Freund von Mandy: Sie verschwand, als ich schlief

Am Samstagabend hatte sie um 20.18 Uhr das letzte Mal mit ihrer Mutter telefoniert. Das letzte Lebenszeichen. Gegen 21.30 Uhr will ein Pizza-Bote, so berichtet ein später von der Familie engagierter Privatermittler, eine Stimme gehört haben, als er Essen lieferte. War es die von Mandy? Ihr Freund sagt, dass die 18-Jährige verschwand, während er schlief.

Polizei Nienburg wendet sich sieben Wochen nach Verschwinden an Öffentlichkeit

Sieben Wochen nach dem Verschwinden wendet sich die Polizei Nienburg an die Öffentlichkeit. Gesucht werde eine 18-jährige Nienburgerin, die als kommunikativ und weltoffen gelte. Die Fahnder schließen nicht aus, dass Mandy Müller Opfer eines Kapitalverbrechens geworden ist. Denn seit ihrem Verschwinden hat die junge Frau keine Spuren mehr hinterlassen: keine Kontobewegung, keine Handy-Anrufe, keine E-Mails. Mandy Müller ist wie vom Erdboden verschluckt. Die letzte Spur führt nach Celle.

Ins Visier der Ermittler gerät Mandys Freund. Der 20-jährige Celler wird verdächtigt, seine Freundin getötet zu haben. Im Oktober 2009 durchsucht die Polizei das Haus an der Birkenstraße, sogar der Betonboden des Kellers wird aufgerissen. Gefunden wird allerdings nichts.

So berichteten wir damals

Handy von Mandy Müller zuletzt bei Adelheidsdorf geortet 

Im Februar und April 2010 durchkämmt die Polizei ein Waldstück zwischen Wittekop und Adelheidsdorf. Bekannt wird das allerdings erst bei einer CZ-Recherche im Jahr 2016. Die Staatsanwaltschaft Celle bestätigt dabei auch, dass die Handys von Mandy und von ihrem Freund letztmalig im Antennenbereich Adelheidsdorf geortet wurden. Von hier wurde am 14. September 2008 um 3.27 Uhr die letzte SMS von Mandys Handy verschickt. Es ist unklar, ob Mandy die Nachricht an ihren Bruder tatsächlich selbst geschrieben hat. Er solle sich keine Sorgen machen, steht in der SMS.

Fahrzeug und persönliche Gegenstände bis heute nicht gefunden 

Das silberfarbene Mobiltelefon der Marke "Nokia", Modell 6500s, wurde bis heute nicht gefunden, das Gleiche gilt für die weiteren persönlichen Gegenstände von Mandy, die sie mit nach Celle genommen hatte: eine schwarze Reisetasche der Marke "Check-in", eine grüne Reisetasche der Marke "United Colors of Benetton" (diese stammt aus dem damaligen Rabattprogramm der Firma "Esso"), eine Handtasche der Marke "Louis Vuitton" und zwei goldene Ohrringe (Creolen).

"Mein größter Wunsch ist es, meine Tochter in die Arme zu schließen."

Sabine Müller, Mutter von Mandy

Ermittlungen gegen Freund eingestellt

2011 stellt die Staatsanwaltschaft Celle die Ermittlungen gegen Mandys Freund vorerst ein. Bis 2017 galt Mandy Müller offiziell „nur“ als vermisst, das heißt, dass nicht aktiv nach der Frau gesucht wird. Schließlich darf eine erwachsene Person frei über ihren Aufenthaltsort bestimmen.

Doch 2016 berichtet die Cellesche Zeitung wieder über den Fall, nachdem Mandys Vater Richard Dettmer zu einer Geldstrafe in Höhe von 600 Euro verurteilt wird, weil er eine Staatsanwältin schriftlich „Spatzenhirn“ genannt hat. Auch Sat.1 strahlt in der Sendung "Fahndung Deutschland" einen Beitrag zu Mandy Müller aus. Mandys Eltern engagieren zudem einen Privatermittler von den Orca-Detektiven. Mandys Cousin Thomas Krüger schaltet den selbsternannten Hellseher Michael Schneider ein. Bis heute hat er vier Stellen genannt, wo Mandys Leiche liegen soll. Seine aktuelle Eingebung: Mandy wurde in einem Waldstück an der Bundesstraße 214 zwischen Ovelgönne und Wietze begraben.

Polizei gründet Mordkommission "Mandy 2.0"

Die Polizei Nienburg geht den "Hinweisen des Sehers" nicht nach, gründet 2017 aber die Mordkommission "Mandy 2.0". Am 12. September 2017 öffnen die Ermittler ein Grab in Fummelse/Wolfenbüttel. Dort ist der Großvater von Mandys Freund bestattet. Er wurde 2009 von einem Celler Friedhof umgebettet. Die Polizei findet weder Mandys Leiche noch neue Spuren. Eine Woche später öffnet die Polizei den Betonboden der Garage auf dem Grundstück an der Celler Birkenstraße. Gefunden wird auch hier nichts. Ein letztes Fünkchen Hoffnung bleibt Sabine Müller noch: "Mein größter Wunsch ist es, meine Tochter in die Arme zu schließen", sagt Mandys Mutter.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür