Wintermärchen

Stück um Mut, Stärke und Ängste

Der internationale Klassiker „Der Zauberer von Oz“ wird das Wintermärchen im Celler Schlosstheater. Es wird von Sonja Elena Schroeder inszeniert.
  • Von Doris Hennies
  • 13. Nov. 2022 | 10:05 Uhr
  • 13. Nov. 2022
Gemeinsam trotzen sie manchem Hindernis im Wintermärchen „Der Zauberer von Oz“ im Schlosstheater: (von links) Dorothee (Cynthia Oblas), der Löwe (Kassandra Speltri), der Blechmann (Milos Milovanovic) und die Vogelscheuche (Daniel Kapfinger).
  • Von Doris Hennies
  • 13. Nov. 2022 | 10:05 Uhr
  • 13. Nov. 2022
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Celle.

Einen internationalen Klassiker hat sich das Celler Schlosstheater in diesem Jahr als Stoff für sein Wintermärchen ausgesucht. „Lebendig, bunt und voller Fantasie“ sollte es sein, so die erneut für das Haus als freie Regisseurin arbeitende Sonja Elena Schroeder. Schon einige Kinder-, Jugend- und Erwachsenenproduktionen am Schlosstheater hat sie – sehr erfolgreich – inszeniert. Nun bringt sie – mit einem neuen Team für Dramaturgie, Bühnenbild und Kostüm – ihre Version von „Der Zauberer von Oz“ auf die Bühne und genießt dieses „wunderbar konstruktive Zusammenarbeiten“. Es ist ein Stück, in dem es um Mut, Stärke und Ängste geht, denen man sich stellt – vor allem gemeinsam. „Genau der richtige Stoff, nachdem Corona so viel ausgebremst hat“, findet Schroeder. „Jetzt lernen junge Menschen erst wieder, Kontakte zu knüpfen und miteinander loszuziehen. Ein neuer Aufbruch, um Abenteuer zu bestehen – am besten gemeinsam.“

Hexe des Westens sinnt auf Rache

Auch auf die Protagonistin im Stück wartet ein unglaubliches Abenteuer – selbst wenn sie das am Anfang nicht weiß: Dorothy ist ziemlich gelangweilt. Bei Onkel und Tante in Kansas ist einfach gar nichts los – selbst wenn man so um die Häuser zieht. Aber dann erfüllt sich der Wunsch von mehr Action in ihrem Leben schneller als erträumt. Während alle anderen im Keller Schutz suchen, ergreift ein Wirbelsturm das Häuschen samt Mädchen und trägt sie in ein unbekanntes Land. Pech dass ihr „Transportmittel“ just auf der bösen Hexe des Ostens landet. Zwar bedankt sich – neben den Einwohnern – auch die liebenswerte Hexe des Nordens für diesen Akt der Befreiung. Dorothy bekommt sogar die magischen Silberschuhe geschenkt. Aber sie wird auch vor der nun auf Rache sinnenden Hexe des Westens gewarnt.

In die Rolle der Dorothee schlüpft Cynthia Oblas.

Das bereitet der Gestrandeten weniger Kummer als ihr Heimweh. Dorothy will einfach wieder nach Hause. Da könne ihr wohl nur der wundersame Zauberer von Oz helfen. Und so macht sie sich entschlossen auf zur Smaragdstadt. Auf dem Weg hat das Mädchen so manche seltsame Begegnung. Sie macht Bekanntschaften – zuerst mit einer Vogelscheuche ohne Verstand, eine Weile später mit einem Blechmann ohne Herz und schließlich trifft sie einen Löwen ohne Mut. Schnell werden aus den Zufallsbekanntschaften treue Reisebegleiter.

Gemeinsam wir mancher Herausforderung getrotzt

Sie ziehen los, denn jeder von ihnen hat einen großen Herzenswunsch, den der sagenumwobene Zauberer von Oz erfüllen soll. Gemeinsam trotzen sie manchem Hindernis, stellen sich so mancher Herausforderung – und erweisen sich dabei als weitaus klüger, mutiger und beherzter, als sie es selbst von sich glauben. Und das wird noch ganz wichtig, denn am Ziel angekommen, will der Zauberer ihnen nur helfen, wenn sie auch die böse Hexe des Westens besiegen – eine scheinbar unlösbare Aufgabe …

Vom Kinderbuch zur Musical-Verfilmung mit Kultcharakter

Das Kinderbuch „The Wonderful Wizard of Oz“ erschien 1900. Geschrieben hat es der deutschstämmige US-amerikanische Schriftsteller Lyman Frank Baum (1856 bis 1919). Es war das erste erfolgreiche Kinderbuch seiner Art eines US-Amerikaners und wurde schon in kurzer Zeit zum Kassenschlager. Die jungen Leser waren begeistert von der abenteuerlich-fantastischen Geschichte und wollten immer noch mehr davon. Tatsächlich erschienen noch 13 Fortsetzungsromane, die in der von Baum erdachten Zauberwelt Oz spielten.

Daniel Kapfinger mimt die Vogelscheuche.

Der Kinderbuchklassiker wurde bereits während der Stummfilmzeit mehrmals verfilmt, zuletzt 1925 von Komiker Larry Semon. Weltberühmt – und seither für Generationen unvergesslich – wurde der Stoff jedoch durch die amerikanische Musicalverfilmung 1939 mit Judy Garland als Dorothy in der Hauptrolle. Der Film kostete seinerzeit fast 2,8 Millionen US-Dollar – (umgerechnet und die Inflationsrate berücksichtigt entspräche das heute dem Gegenwert von etwa 51 Millionen Euro). Damit war das Budget selbst für die Verhältnisse von Metro-Goldwyn-Mayer außergewöhnlich hoch. Inzwischen ist der Farbfilm in Dreistreifen-Technicolor Teil des Weltdokumentenerbes der Unesco.

Ein starkes Team bringt ein ebenso starkes Stück auf die Bühne

Schon im Vorwort zur ersten Ausgabe betonte Autor Lyman Frank Baum, dass er dieses Buch ausschließlich zum Vergnügen der Kinder geschrieben habe. Die Zeit sei reif für moderne Märchen – nicht blutrünstig und belehrend, sondern unterhaltsam und voller Wunder. „Daran halten wir uns“, unterstreicht Sonja Elena Schroeder. „Wir erzählen eine Geschichte voller Fantasie und Vorstellungskraft. Von der Reise unterschiedlicher Persönlichkeiten, die vor allem selbst davon überzeugt sind, mangelhaft und fehlerbehaftet zu sein, und die losziehen, um sich den Ängsten zu stellen und ihr Problem anzugehen. Gemeinsam stützen sie sich, gewinnen an Sicherheit und Selbstbewusstsein. Voneinander werden sie gesehen und ernstgenommen.“

Den Löwen spielt Kassandra Speltri.

Mara Zechendorf taucht das Bühnenbild in bunte, fröhliche Farben. „Es ist kein spezifischer Ort in einer bestimmten Zeit, sondern eine farbenfrohe Welt zum Wegträumen, Weiterdenken und Assoziieren.“ Es soll viel zu entdecken geben, sich wandeln, überraschen. Die Bühnenbildnerin setzt auf starke Form- und Farbsprache, Materialmix und Haptik. „Vor allem aber geht es hier dreidimensional viel um Bewegung“. Ein sinnliches Vergnügen, schon optisch.

Milos Milovanovic übernimmt die Rolle des Blechmanns.

Rabea Stadthaus hat jede Kostüm-Idee in Entwürfen ausgearbeitet und verfeinert – bis es in der Schneiderei umgesetzt und angefertigt worden ist. Auch ihr waren ein offenes Konzept und die individuelle Gestaltung, in die so manches auch vom Zuschauer noch hineingedacht werden kann, wichtig. Es sei wichtig – da ist sich das Team von Regisseurin, Kostüm- und Bühnenbildnerin, die Dramaturgie von Elia Anschein und Sandra Omlor mit eingebunden, einig –, dass es in allen Bereichen der Inszenierung genügend Raum für die Neugier und Fantasie der Zuschauer geben soll. Eine Geschichte zum Selbstentdecken und Weiterspinnen.